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Musliminnen organisieren sich selbst innerhalb bestehender muslimischer Dachverbände

Die dynamischste Gruppe

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(iz). Eine religiös bekleidete Muslima im Plenum der Deutschen Islamkonferenz (DIK), ein Frauenbildungszentrum, das die erste muslimische Einrichtung ist, die in Deutschland als zertifiziertes Bildungswerk ausgezeichnet wird und ein bundesweites Bündnis muslimischer Frauen, das sich für die verbesserte gesellschaftliche und politische Teilhabe von Musliminnen einsetzen will: Wo man auch hinsieht, muslimische Frauen machen diese Tage viel von sich Reden.

„Allahs rechtlose Töchter“, wie der „SPIEGEL“ sie sehen und zeigen will, möchten weder so wahrgenommen, noch so behandelt werden. Doch wohl ­gerade weil die meisten von ihnen unauffällig ihr religiöses Leben pflegen und ihrem Alltag nachgehen, bleibt in Unkenntnis ihrer Lage viel Raum für Mutmaßungen über sie: Von der Kopftuchdis­kussion bis zur Zwangsheirat zeugt der Diskurs über die muslimische Frau in weiten Teilen von Unsach­lichkeit und von einer Emotionalität, die für die ­deutsche Diskussionskultur eher ungewöhnlich ist.

Was den Aspekt der religiösen Vergemeinschaftung angeht, so erwecken auch hier mangelnde Kenntnisse über die Rolle und das Wirken von Frauen in muslimischen Gemeinschaften vielfach den Eindruck eines Verbandsislam oder des Gemeinschaftsislam als frauenfreie Zone.

Musliminnen sind in vielen verschiedenen sozial-religiösen Bereichen aktiv, mancherorts sind sie sogar weitaus enga­gierter als muslimische Männer. Sie haben innerhalb bestehender islamischer Verbände ihren festen Raum und sind in vielen Moscheen, Organisationen und Bewegungen sowie in eigenen Zusammen schlüssen engagiert.

Ihre Arbeit wird jedoch nur selten von der Öffentlichkeit wahrgenommen und in vielen Fällen wissen sogar die eigenen Glaubensbrüder nicht, was ihre Schwes­tern machen. Schließlich betätigen sich Musliminnen in der Regel in Eigenregie – vollkommen unabhängig von den Männern. Daraus leitet sich eine für sie ange­nehme Autonomie ab, jedoch bleiben sie meistens von der Verwaltungs- und Leitungsarbeit der muslimischen Einrich­tungen ausgeschlossen.

Obschon es mittlerweile eine Fülle an Literatur und journalistischen Beiträgen zu islamischen Organisationen gibt und das Interesse an der muslimischen Landschaft in Deutschland mit der Islamkonferenz gewachsen ist, werden darin die Aktivitäten von Frauen nur in seltenen Fällen thematisiert.

Dies führt dazu, dass muslimische Organisationen und Moscheen eher als „Männerclubs“ wahrgenommen werden, denn als Einrichtungen muslimischer Familien, in denen Frauen ihren festen Platz haben. Dies ist kein Wunder, zumal man auf der Ebene von Verbandszentrale oder in den repräsentativen ­Bereichen der Moschee hauptsächlich auf Männer stößt. Doch sollte man sich aufgrund der traditionellen Anlage von Moscheen, die in Männer- und Frauenbereiche gegliedert ist, nicht vom oberflächlichen Eindruck beirren lassen, ­Frauen stünden im Abseits muslimischer Gemeinschaften und hätten dort nichts zu sagen.

Die unabhängige und rege Aktivität in den eigenen Räumlichkeiten weist auf eine ganz andere Realität hin: Muslimische Frauen stellen in den mittleren und großen Moscheen einen wesentlichen Teil der Besucher und tragen – dort wo sie Raum haben und aktiv sind – maßgeblich zu einem lebendigen Gemeindeleben bei.

Insgesamt schaut die Nutzung von Moscheen durch Frauen anders aus als die männlichrn Muslime. Die Anzahl der Männer, die in verschiedenen Erhebungen angeben, mindestens einmal die Woche eine Moschee aufzusuchen, übersteigt deutlich die Zahl der wöchentlichen Moscheebesucherinnen. Dies lässt sich insbesondere dadurch erklären, dass die Teilnahme am Freitagsgebet keine Pflicht für Frauen darstellt.

Doch bedeutet dies nicht, dass Moscheen nicht regelmäßig von Frauen besucht werden. Aus einer repräsentativen Umfrage des Zentrums für Türkeistudien unter türkischen Muslimen aus dem Jahre 2006 geht hervor, dass etwa 60 Prozent der befragten Musliminnen ­angeben, mehrmals im Jahr die Moschee aufzusuchen. Die Einrichtungen des Verbands islamischer Kulturzentren (VIKZ), wie auch die Moscheen der Milli Görüs werden hierbei von den Frauen anderer Gemeinden vorgezogen.

In vielen Moscheen dieser Verbände bildet die Frauenarbeit einen wichtigen Teil des Angebots. Insbesondere in den Moscheen der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG), die in den vergangenen Jahren durch vielfältige Verän­derungsprozesse gekennzeichnet ist, ­stellen junge Frauen die wichtigste Gruppe der zweiten Generation dar, welche vom IGMG-Experten Werner Schif­fauer als „dynamischste Gruppe“ innerhalb der Gemeinden bezeichnet wird. Ihre Position zeichne sich durch ein „komplex gestaltetes Anerkennungsbegehren“ aus, zum einen gegenüber muslimischen Männern aus den eigenen Reihen und zum anderen gegenüber dem gesellschaft­lichen Umfeld.

Da sie von der neuen Generation der Verbandsleitung offenbar als wichtiges Potenzial der Gemeinschaft erkannt ­worden sind, werden sie mittlerweile zur Übernahme von Ämtern ermutigt, in verschiedene entscheidungsrelevante ­Absprachen einbezogen und in ihrem Engagement bestärkt. Die Arbeit der IGMG-Frauen liegt derweil in der Überzeugung begründet, die Religion habe die Rechte und Würde der Frau gesichert. Daher sind ihre Aktivitäten von einer Unterscheidung zwischen Kultur und Religion gekennzeichnet, wobei in ihren breitgefächerten Angeboten, wie etwa über Qur’anwettbewerbe, Fort­bildungsseminare, Gesprächskreise und Feste die Betonung auf die Glaubenspflege und kaum auf kulturelle Aspekte liegt. Die Arbeit muslimischer Frauen wird unter Rückgriff auf kreative und moderne Methoden der Gruppenarbeit und in überlokaler Vernetzung ei­genständig durchgeführt sowie in Abstimmung mit anderen Bereichen der Verbandstätigkeit.

Noch eigenständiger und bildungs­orientierter betätigen sich Frauen in den VIKZ-Moscheen, die im Vergleich zu anderen muslimischen Gemeinschaften über großzügige Räumlichkeiten und über eine gute Ausstattung verfügen. Die allgemeine Arbeit des Verbandes islamischer Kulturzentren ist ebenso von einem stark religiösen Bildungsauftrag inspiriert, welches sich in der Frauenarbeit widerspiegelt. Die VIKZ-Expertin Gerdi­en Jonker bringt die dort vorherrschende Atmosphäre treffend zum Ausdruck, indem sie von einer „Versunkenheit in einem religiösen Universum, in dem die Hinweisschilder auf den Ausgang fehlen“ spricht.

Hier seien der Handlungsspielraum für die Geschlechter strukturell festgelegt: Männer beziehen den offiziellen Moscheeraum inklusive Büroraum und ­Verwaltung und Frauen ihre eigenen Räume mit eigenem Aufgang, oftmals sogar in eigenen Häusern. Ihr gemeinschaftliches Leben wird vom gemein­samen Lernen und Beten bestimmt und besticht in seiner Spiritualität, die – Frauen wie Männer – nicht nur aus den herkömmlichen muslimischen Quellen, wie Koran und Sunna beziehen sondern ­darüber hinaus aus den Lehren des Gelehrten Süleyman Hilmi Tunahan.

Den Beobachtungen von Jonker zufolge sind auffällig mehr Frauen als Männer in den Moscheen des Verbands ­zugegen, deren Angebote, von religiöser Bildung, zu Alphabetisierungskursen und Gesprächszirkel rasant wachse, was auf Männerseite nicht geschieht.

Mit einem großen Engagement sind besonders junge Frauen am Werk, was zu einem lebendigen Gemeindeleben im weiblichen Trakt führt, welches weiterhin abgeschottet bleibt zu dem Männerbereich und zudem von einem mangelnden Austausch und der fehlenden Vernetzung mit den Männern gekennzeichnet ist.

Ähnlich engagiert und autonom in ihrer Arbeit sind die Anhängerinnen der Jam’at-un Nur, der „Gemeinschaft des Lichts“, die ebenso von einer starken Frömmigkeit und von einem Bildungseifer allerdings nach dem Vorbild des Gelehrten Said Nursi gekennzeichnet sind. In den „medresen“, den Bildungseinrichtungen mit integrierten Gebetsräumen, des intellektuell geprägten Verbandes dieser religiösen Reformbewegung haben sie ihre festen Aktivitäten, wobei im Falle von Raummangel die Treffen auch in privaten Wohnungen stattfinden können.

Die gut ausgestatteten Moscheen der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) können indessen nicht dieselbe rege Aktivität in den ­Frauenräumen verzeichnen, wobei sich dieser größte islamische Dachverband durch Bestrebungen auszeichnet, auf der Führungsebene gezielt um eine Besetzung von Ämtern durch Frauen zu werben, was bei den anderen muslimischen Organisationen (abgesehen vom Zentralrat der Muslime (ZMD), der als ethnisch-übergreifende Spitzenorganisa­tion von Beginn an Frauen in die Tätigkeit einbezogen hat) in dieser Form nicht der Fall ist.

Obschon einige Moscheen der DITIB über qualifizierte Theologinnen (Hodschas), nämlich Absolventinnen türkischer Fakultäten verfügen, steht die religiöse Bildung nicht im selben Maße im Vordergrund wie bei den zuvor genannten Gemeinschaften. Sie hat eher den Stil einer einführenden Unterweisung in die eigene Religion mit Hilfestellung bei religiösen Fragen und die Frauenabteilung offenbart generell mehr den Charakter einer ethnisch geprägten Begegnungsstätte. Nichttürkische muslimische Moschee­verbände, wie der bosnische, der marokkanische oder der albanische Dachverband können demgegenüber keine ähnliche Frauenarbeit, wie die der türkischen Dachorganisationen, in ihren Einrichtungen aufweisen. Obschon zu nichttürkischen Organisationen keinerlei Studien zu finden sind, lässt sich aufgrund der Betrachtung einer Anzahl ­ihnen zugehöriger Moscheegemeinden in verschiedenen Städten feststellen, dass sie im Vergleich zu türkisch-muslimischen Dachverbänden weniger stark ­besucht sind, ein weniger breites ­Angebot aufweisen und nur selten oder gar nicht von Frauen genutzt werden.

Dies hat einerseits mit dem Raumman­gel zu tun, unter denen viele ihrer ­Gemeinden leiden oder lässt sich andererseits darauf zurückführen, dass es in manchen Herkunftsländern unüblich ist, dass Frauen ihre Religion gemeinschaftlich in den Moscheen praktizieren und daher auch hierzulande nicht am Engagement innerhalb der Moschee interessiert sind.

Aus der Betrachtung der Frauenarbeit unterschiedlicher muslimischer Verbände lässt sich zusammenfassend schließen, dass Frauen in verbandseigenen Gemein­den durchaus präsent sind, wenngleich sich ihre Gegenwart nicht in der Zusam­mensetzung der Verbandsleitung oder in der formalen Mitgliedschaft widerspiegelt. Ihre passive Mitgliedschaft über ein Familienoberhaupt ist trotz verstärkter Anregung zu einer eigenständigen Mitgliedschaft noch die Regel.

Frauen weichen in ihrer durchweg ­eigenständigen Arbeit nicht von der ­allgemeinen religiösen Ausrichtung der jeweiligen Organisation ab.

Damit werden in den Frauenbereichen der VIKZ Moscheen die Lehren des Süleyman Tunahan studiert, wie in den Frauengruppen der Anhänger Said Nursis eben seine; in den Gemeinden der IGMG wird dementsprechend mehr die religiöse Identität, in den DITIB-Moscheen ein türkisch verstandenes ­religiöses Selbstverständnis gepflegt.

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