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Wie soll unsere Rede beschaffen sein?

Muslimisches Denken und Praxis: Antworten auf aktuelle Fragen und Herausforderungen

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Foto: Pedro Ribeiro Simões | Foto: CC-BY 2.0

(iz). Das Internet – unendliche Weiten und ungeahnte Möglichkeiten. Die technischen Revolutionen der letzten 15 Jahre, so die Utopie, sollten die Menschen befreien und ihnen bisher ungeahnte Kommunikationsformen eröffnen. Diese Hoffnung hat sich auch bis zu einem gewissen Grad bewahrheitet. Ganze Berufszweige wurden komplett ins Virtuelle verlagert. Für manche hat es sich gar gewissermaßen in eine „Offenbarung“ gewandelt.

Diese Utopie ist längst Dystopie geworden. Anstatt, dass das Netz und seine Struktur den zwischenmenschlichen Austausch in neue Höhen treibt, hat es ebenso die Tür zu neuen Tiefen geöffnet. Davon ist der Einzelne, aber auch die Gesellschaft betroffen. Menschen, die in der Realität als „normal“ erfahren werden, verhalten sich im Netz wie der sprichwörtliche Berserker. Und gruppenpsychologisch treibt es Minderheiten und ihre Positionen in einen stetigen Kreislauf der Isolation und des Selbstgesprächs.

Der Sprachkritiker Wolf Schneider verwies auf einen weiteren Aspekt, wie das Internet unsere Kommunikation verändert, und erodiert. Eine seiner Beobachtungen: Jeder Schritt in der technischen Entwicklung der Technologie bewirke einen entsprechenden Verlust an Qualität der Kommunikation.

Unabhängig davon, ob wir Sprachpuristen sind oder nicht, die gestiegenen Möglichkeiten des Ausdrucks und seiner Verbreitung machen die Gefahr eines Missbrauchs des Sprechens – und der Verleumdung – nicht geringer.

Die Rede als Gabe
Eines der vielen Geschenke, die Allah dem Menschen gab, ist die Fähigkeit, Gefühle und Gedanken in Worte zu ­gießen; und sich mit anderen darüber auszutauschen. Es ist das Mittel, die Botschaft Allahs weiterzugeben und Seine Einheit zu bezeugen. Und die Sprache braucht nur einen geringen körperlichen Aufwand, denn für sie werden die kleinsten Muskeln des Körpers benutzt.

Unsere Rede ist auch eine der weitreichendsten Segnungen Allahs. In der Existenz, und darüber hinausgehend, gibt es nichts, über das wir nicht reden könnten. Sprache ist ein mäch­tiges Werkzeug. Obwohl sie ein sehr wertvolles Potenzial hat, trägt sie auch Gefahren in sich.

Die Zunge des Menschen ist ein zweischneidiges Schwert. Benutzen wir sie falsch, werden wir uns am Ende nur schneiden. Und sie wird eine der wichtigsten Zeugen gegen uns am Tag der Auferstehung sein. Allah sagt: „Am Tag, an dem ihre Zungen und Hände und Füße gegen sie Zeugnis ablegen werden über das, was sie getan haben.“ (An-Nur, 24)

Die Grundlagen
Zu den schlechtesten Aspekten gehören üble Nachrede und Verleumdung. Sie sind schwerwiegende falsche Handlungen, was den meisten Muslimen durchaus bewusst ist. Dennoch entstehen hierdurch immer wieder Probleme und gravierende Situationen. Viele sind unsicher, was das ist und in welchen Fällen es doch gerechtfertigt sein kann, auch negative Dinge anzusprechen. Nicht selten wird aufrichtige Kritik als „Verleumdung“ bezeichnet und so diskreditiert.

Im Qur’an heißt es in Sure Al-Hudschurat (49, 12): „Oh ihr, die ihr Iman habt! Vermeidet häufigen Argwohn; denn mancher Argwohn ist ein Verbrechen. Und spioniert nicht und führt keine üble Nachrede übereinander. Würde wohl einer von euch gerne das Fleisch seines toten Bruders essen? Sicher würdet ihr es verabscheuen. So habt Taqwa vor Allah. Wahrlich, Allah ist Gnädig, Barmherzig.“ Dies zeigt, dass üble Nachrede ein schlimmes Verbrechen ist. Sie gehört zu den Kaba’ir, den besonders schwerwiegenden schlechten Handlungen.

In der Zeit des Gesandten Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, geschah es, dass Walid Ibn Al-Mughira üble Nachrede über den Propheten und seine Gefährten verbreitete. Der oben genannte Vers in Sure Al-Hu­dschurat bezieht sich zunächst einmal auf ihn, ist aber auch eine generelle Warnung für alle Muslime.

In Sure An-Nur (15-16), heißt es: „Als ihr es mit euren Zungen übernahmt und ihr mit eurem Mund das ausspracht, wovon ihr keine Kenntnis hattet, da hieltet ihr es für eine geringe Sache, während es vor Allah eine große war. Und warum sagtet ihr nicht, als ihr es hörtet: ‘Es kommt uns nicht zu, darüber zu reden. Gepriesen seist Du! Dies ist eine arge Verleumdung.’“

Auch in der Sura Al-Humaza (104, 1) heißt es unmissverständlich: „Wehe jedem Stichler, Verleumder.“ Der Begriff „Humaza“ in diesem Vers umfasst dabei alle Arten von übler Nachrede, selbst wenn sie gar nicht ausgesprochen, sondern beispielsweise nur durch Zeichen oder Gesten angedeutet wird oder erfolgt.

„Lumaza“ im selben Vers bezeichnet das Suchen nach Fehlern bei Anderen. Muslime sind demgegenüber angehalten, zuallererst die eigenen Fehler zu erkennen, sich also an die eigene Nase zu fassen, und die Fehler anderer, sofern sie einem zur Kenntnis gelangen, eher zu bedecken. Der Prophet warnte klar davor, bei anderen nach Fehlern zu suchen.

Der richtige Gebrauch
Um richtig mit der Sprache umzugehen, muss man sie kontrollieren und nicht von ihr kontrollieren lassen. Dies ist eines der Zeichen für Gläubige. Der Prophet, Allahs Segen und Frieden auf ihm, sagte: „Die Zunge des Gläubigen liegt hinter seinem Herzen. Denn wenn er etwas sagen möchte, denkt er darüber in seinem Herzen nach, bevor er seine Zunge sprechen lässt. Die Zunge des Heuchlers jedoch liegt vor seinem Herzen. Wenn er sich zu etwas entschließt, lässt er seine Zunge los, ohne darüber in seinem Herzen zu reflektieren.“

Für uns als Gläubige ist es Pflicht, Worte zu sammeln und in Augenschein zu nehmen, bevor wir sie über unsere Lippen kommen lassen. Wir müssen unsere Zungen hüten. Das Körperglied, das eine Person am schnellsten ins Feuer führt, ist die Zunge. Der Prophet sagte: „Die meisten der falschen Handlungen des Sohns von Adam kommen von seiner Zunge.“

Wie erwähnt brauchen diese Handlungen keinen großen Aufwand, was sie auch so hinterhältig macht. Und sie sind so viel­fältig, dass es schwierig wäre, sie zu um­gehen: Lügen, üble Nachrede, Verleum­dung, ignorantes Sprechen, die Offen­legung der Geheimnisse anderer, ­Verhöhnung, Frivolitäten, nutzlose Strei­tereien etc. Und dies sind nur die Dinge, die unserem Sprechen untersagt sind.

Unser größer Feind
Aber selbst wenn wir unsere Sprache auf eine erlaubte Weise einsetzen, können wir Ärger schaffen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Scheidung, die das Aussprechen eines einzigen Satzes benötigt. Es reicht, zu sagen: „Ich scheide mich von Dir.“ Einmal ausgesprochen, können diese Worte nicht mehr zurückgenommen werden. Es braucht dafür keine Zeugen und keine unterschriebenen Dokumente. Dies ist die Gefahr der Zunge.

Die Wahrheit ist, dass unsere Zunge zumeist unser größter und schwierigster Feind ist. Abdallah Ath-Thaqafi sagte: „Als ich fragte ‘Gesandter Allahs, vor was soll ich mich am meisten fürchten?’, nahm er meine Zunge und sagte: ‘Davor!’“

Die Prophetengefährten
Aus diesem Grund hüteten die Prophetengefährten, möge Allah mit ihnen allen zufrieden sein, und Männer Allahs ihre Zunge so sehr. Von Abu Bakr, dem ersten Kalifen des Islam, wurde berichtet, dass er seinen Mund mit Steinen füllte, um sich am Reden zu hindern. Auch pflegte er auf seine Zunge mit den Worten zu zeigen: „Das bringt mich in schwierige Situationen.“ Und Tawus sagte: „Meine Zunge ist ein wildes Tier. Wenn ich es loslasse, wird es mich auffressen.“

Ausnahmen
Es gibt aber auch Ausnahmen, bei denen es unter gewissen Umständen erlaubt ist, auch Negatives über Dritte auszusprechen. Etwa, wenn derjenige dies nicht aus eigenen ­Motiven tut, sondern beispielsweise um etwas abzuwenden, was die muslimische Gemeinschaft und deren Gesundheit ­bedroht. Unter die Ausnahmen fällt auch jemand, der ungerecht behandelt wurde. Er kann sich an eine Autorität wenden und davon berichten. In Sure An-Nisa (148), heißt es diesbezüglich: „Allah liebt nicht, dass böse Worte laut vernehmbar gebraucht werden, außer wenn einem Unrecht geschieht; wahrlich, Allah ist Allhörend, Allwissend.“

Ebenso gibt es eine Erlaubnis, wenn man nach seiner Meinung zu jemand anderem bezüglich einer eventuellen Heirat oder eines potenziellen Geschäftspartners gefragt wird. Dann muss man das mitteilen, was man über die Person weiß, auch – und gerade wenn – es Negatives ist, um denjenigen, der um den Rat fragt, vor eventuellem Schaden zu bewahren.

Schweigen oder Gutes
Es gibt zwei Wege, dieses wilde Tier zu zügeln: Schweigen oder gut reden. Denn der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, der soll Gutes sagen oder schweigen.“ Der Weg der Sicherheit besteht im Schweigen, und der Weg des Nutzens besteht darin, nur Gutes zu sprechen. Beide führen in den Garten. Der Endpunkt des dritten Pfades führt ins Feuer. Es wurde überliefert, dass Ibn Mas’ud sagte, während er bei Safa stand: „Meine Zunge, sprich Gutes und du wirst die Beute davon bekommen. Schweige. Sage nichts Schlechtes und du wirst sicher sein.“

Es gibt viele Wege, Gutes zu ­sagen: ­Rezitation des Qur’an, Dhikr von Allah zu ­machen, Bittgebete für den ­Propheten, die Einladung der Menschen zum Islam, das Lehren von nützlichem Wissen, aufrichtiger Rat, freundliche Worte, ­Grüßen, das Sprechen gegen ­Unge­rech­tigkeit oder die Verteidigung eines anderen, wenn dieser beleidigt ­wurde.“ (Mit Beiträgen von Sulaiman Wilms)

 

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Habib Bewley

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