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Muslimisches Leben: Die Ibrahim Al-Khalil-Moschee in Osnabrück ist eine bunte Gemeinde. Von Yasin Alder

Wie eine große Familie

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(iz). Das „Zentrum für Begegnung und Kultur e.V.“ in Osna­brück, auch Ibrahim Al-Kha­lil-Moschee genannt, einfach als „arabi­sche Moschee“ zu bezeichnen, würde viel zu kurz greifen und der Buntheit dieser Moschee nicht gerecht werden.

Die Moschee als solche ist die älteste noch bestehende Osnabrücks und noch immer seit Bestehen in den gleichen Räum­en untergebracht. Ur­sprüng­lich 1984 von der Milli Görüs begrün­det, wurde sie nach deren Umzug in größere Räumlichkeiten im Jahr 1995 von dem heutigen Verein erworben. „Wir wollten von Anfang an einfach eine Moschee sein und keine arabische Moschee“, sagt der langjährige Imam Abdul-Jalil Zeitun. Die Moscheebesucher, erzählt der aus Syrien stammende Zeitun, kämen nur zum Teil aus arabischen Ländern und dem arabischen Nordafrika, sondern in größerer Zahl auch aus dem subsahari­schen Afrika, aus Pakistan, Malaysia, der Türkei, den Balkanländern, Russland, dem Kaukasus und vielen Ländern mehr – und nicht zuletzt sind auch viele Muslime deutscher Abstammung, so genann­te „Konvertiten“, unter ihnen. Der Anteil von Studenten und Akademikern in der Moschee ist vergleichsweise hoch.

„Wir betrachten alle, die regelmäßig in die Moschee kommen, als Mitglieder, auch wenn sie keine Beiträge bezahlen“, so der Imam, der auch gleichzeitig Vorsitzender des Vereins ist – was „reiner Zufall“ sei, wie er betont. Er schätzt, dass diese regelmäßigen Besucher der Freitags­gebete etwa 200 Personen umfassen, hinzu kämen noch deren Familien.

An den Wochenende finden jeweils Frauen- und Männersitzungen statt, bei denen es um islamische Themen geht. Dazu kommt noch eine rein deutsch­sprachige Frauensitzung. Es gibt Arabisch- und Qur’an-Unterricht für Kinder und auch für Erwachsene, und Kinderfeste zu den Feiertagen, um einige Bei­spiele zu nennen. Beim Qur’an-Unterricht für Kinder achte man von Anfang an darauf, nicht nur das Rezitieren zu lehren, sondern dass die Kinder auch verstehen, was sie lesen, sagt der Imam.

Rua Khwairah ist Vorstandsmitglied und Kultur- und Sozialbeauftragte des Vereins. Die Frauen veranstalteten auch Basare, Sommerfeste und ein bis zwei Mal jährlich ein großes Frauenfest, zu denen auch Nichtmusliminnen kämen und Vertreterinnen der Stadt Osnabrück eingeladen werden.

Auch die Moscheeführungen für Besuchergruppen würden in der Regel von den Frauen übernommen, erzählt sie. Es müsse allerdings noch mehr Energie in die Kinder- und Jugendarbeit der Moschee investiert werden, meint Rua Khwairah selbstkritisch. Ein Anfang wurde kürzlich mit einer neuen Jugend­gruppe für die 14- bis 20-jährigen ge­macht, doch auch die Jüngeren bräuch­­ten mehr Angebote, meint die junge Frau. „Es kann leicht passieren, dass Jugendliche durch Ungerechtigkeit und Diskriminierung in der Gesellschaft, die sie erleben, den Halt verlieren“.

Der Verein pflege seit Langem gute Kon­­takte zu Kirchen, sozialen Institutio­nen und auch mit anderen Moscheen, so Zeitun. Vor eini­ger Zeit hat sich der eigentlich verbands­unabhängige Verein der Schura Niedersachsen als Landesdachverband ange­schlossen. Imam Abdul-Jalil Zeitun ist auch zweiter Vorsitzender der Schura.

In Osnabrück gibt es insgesamt sechs Moscheen. Vor vier Jahren begannen die Imame der Moscheen, sich regelmäßig zu einem „Imam-Frühstück“ zu treffen, das noch immer alle zwei Wochen statt­findet. Dabei tauscht man sich aus und spricht Themen ab.

Daraus ging ein Bünd­nis der Moschee­gemeinden in Osna­brück hervor, das sich derzeit noch im Gründungsprozess befindet. Gemeinsam haben die Moscheen im April 2010 eine Veranstaltung anlässlich der Geburt des Propheten sowie ein Iftar-Essen im Ramadan diesen Jahres organisiert.

Die Khutba, die Freitagsansprache, wird in der Ibrahim Al-Khalil-Moschee zweisprachig auf Arabisch und Deutsch gehalten. „Ich achte bei Khutbas prinzipiell auf Aktualität der Themen“, sagt der Imam. Insbesondere bemühe er sich darum, gerade auch Kinder und Jugend­liche anzusprechen. Ein besonderes Anliegen sei ihm dabei Bildung und schulischer Erfolg der Kinder. „Die Mo­schee wird heute noch von der älteren ­Generation getragen. Aber es kommt eine Zeit, wo wir nicht mehr da sind. Wenn der Nachwuchs von uns nicht den Weg geebnet bekommt, hat er auch keine ­Zukunft.“

Elke El Filali bezeichnet sich scherzend als „lebendes Inventar“ der Moschee, die sie mit aufgebaut hat. „Ich finde es sehr positiv, dass wir so interkulturell sind, und auch das mittlerweile viele deutsche Frauen kommen. Früher war ich die einzige deutsche Muslimin hier.“ Dass die meisten Aktivitäten in der Moschee entweder ausschließlich in deutscher Sprache oder auf Arabisch und Deutsch stattfinden, hebt sie lobend hervor.

Sie fühle sich als deutsche Muslimin hier besonders wohl, sagt auch Tina Abay. Sie sei immer auf der Suche nach einer Moschee gewesen, in der Deutsch gesprochen werde, es andere deutsche Mus­lime gebe und deutschsprachiger Unter­richt stattfindet, kurz, wo sie leich­ter soziale Kontakte und Freundschaften knüpfen konnte. „Ich fühle mich jetzt wie in einer großen Familie“, sagt sie.

Elke El Filali hält die Öffentlichkeitsarbeit der Moschee in Osnabrück für bis­her recht erfolgreich. „Im Ramadan beispielsweise haben wir aus meiner Sicht eine gute Arbeit geleistet, und was wir gemeinsam mit Christen und Juden ver­anstaltet haben, ist gut gelungen. Aber dann kommen die Medien und schlagen das wieder kaputt. Da muss man schon erst einmal schlucken, aber wir dürfen uns davon nicht irritieren lassen, sondern weitermachen. Denn das wird uns wohl immer begleiten.“

Man müsse als Muslime in dieser Gesell­schaft den Mittelweg nach pro­phe­tischem Vorbild suchen und verfolgen, und sich von Extremen abgrenzen, meint El Filali weiter. Erfahrungen mit Islamfeindlichkeit hätten auch sie und ihre Kinder schon im Alltag gemacht. „Ich denke, man sollte da erst einmal Ruhe bewahren und nicht explodieren, sondern versuchen, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, sofern das geht. Wir müssen uns von der besten Seite zeigen.“ Tina Abay findet es nicht immer ­leicht, mit Stereotypen gegenüber Muslimen umzugehen: „Man muss immer erst zusätzliche Vorarbeit leisten, damit die Leute sehen, dass man auch Sinn und Verstand hat und ein netter Mensch ist. Ich mache bei Begegnungen oft die ­Erfah­rung, dass Menschen erst einmal ihr vorgefasstes Bild von Muslimen abbau­en müssen; es fehlt die Offenheit“ meint Tina Abay.

„Wir müssen als Muslime unsere Gemeinsamkeiten suchen, um zusammenarbeiten zu können. Ich sehe uns in erster Linie als eine Moschee, in der die Belange der Familien, der Kinder, Bildung, soziale Aktivitäten sowie inne­rer und äußerer Dialog im Vordergrund stehen. Wer sich politisch betätigen möchte, kann das woanders tun“, sagt Imam Abdul-Jalil Zeitun, und fügt noch eine bedenkenswerte Aussage hin­zu: „Wenn die Muslime nur nach Innen arbeiten, haben sie oft viele Konflikte; wenn sie nach Außen arbeiten, haben sie weniger“.

Während des Gesprächs hört man aus der Moschee den Gebetsruf für das Nach­­mittagsgebet erklingen. Gerufen wird er von Yaqub, der aus dem westafrikanischen Gambia kommt und seit 1994 in Deutschland lebt. „Als ich nach Deutschland gekommen war, bin ich in viele Moscheen gegangen. Als ich das erste Mal in diese Moschee gekommen bin, habe ich sofort den Unterschied gemerkt. Hier gibt es Muslime verschie­denster Herkunft, und der Islam erscheint hier nicht so sehr mit einer ­bestimmten Kultur verknüpft, sondern wird kultur­übergreifend gelebt. Hier akzeptiert man sich gegenseitig und es besteht eine Herz­lichkeit untereinander, egal, woher man stammt. Deshalb komme ich immer gern hierher“, sagt Yaqub.

Für die nächsten Jahre ist eine bauliche Erweiterung der Moschee geplant, die sich derzeit auf mehreren Stockwerken eines städtischen Altbaus befindet. Umziehen will man aber nicht: Die zentrale, innenstadtnahe Lage ist aus Sicht ihrer Mitglieder einfach unschlagbar.

Moscheen gehören eben dort hin, wo Muslime wohnen und wo sie erreich­bar sind – und nicht in Gewerbegebiete am Stadt­rand. Damit sie auch künftig leben­dige Zentren sein können – wie die Ibra­him Al-Khalil-Moschee in Osnabrück.

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