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Muslimisches Leben in Frankfurt: Gemeinsamkeiten und Kontraste in der größten Stadt Hessens. Von Yasmin Dertli, Frankfurt

Individualität und Internationalität

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(iz). Die Metropole Frankfurt am Main ist mit über 664.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt Deutschlands. Als eins der international bedeutendsten Bankenzentren verfügt sie über unterschiedliche europäische Finanz- und Dienstleistungsunternehmen und zählt durch ihre zentrale Lage zu den wichtigsten Verkehrsknotenpunkten Europas.

Derzeit leben rund 75.000 Muslime in Frankfurt. Dies geht aus einer Statistik der Frankfurter Statistischen Berichte aus dem Jahr 2007 hervor. Vor allem in westlichen Stadtteilen mit hohem Ausländeranteil wie Gallus, Griesheim oder Bockenheim ist die Konzentration islamischer Mitbürger relativ hoch. In der Großstadt besitzen fast zwei Drittel aller Muslime keine deutsche Staatsangehörigkeit; bei den übrigen handelt es sich hauptsächlich um Deutsche mit Migrationshintergrund.

Hinzu kommen „Konvertiten“ oder sich erst seit Kurzem zum Islam bekennende Muslime, die in der Analyse nicht erfasst wurden. Mehr als die Hälfte der Muslime stammt ursprünglich aus der Türkei. Die zweitgrößte Gruppe bilden Marokkaner (18,2 Prozent), gefolgt von Muslimen aus dem Iran, Afghanistan, Pakistan und Tunesien.

Von den ca. dreißig Moscheevereinen, die aufgrund der Zusammensetzung der Gemeinde und der dort überwiegend gesprochenen Sprache größtenteils regelmäßig von Muslimen einer bestimmten Nationalität besucht werden, gibt es zahlreiche Institutionen und Gebetsorte, bei denen vor allem die Internationalität im Vordergrund steht. Insbesondere die wöchentliche Predigt beim Freitagsgebet, die selbstverständlich auf Deutsch gehalten wird, soll für alle Gläubige verständlich sein – unabhängig von Herkunft, Nationalität oder kultureller Zugehörigkeit.

Als prägnantes Beispiel wäre die Abu Bakr Moschee der Islamischen Gemeinde Frankfurt im Stadtteil Hausen zu nennen. Seit ihrer Renovierung im Jahr 2003 steht sie in ihrer traditionell orientierten Bauweise mit Minarett sowie ihren unterschiedlichen Gebets- und Schulungsräumen allen Menschen der Umgebung offen. Laut Vorstand steht dabei primär die Pflege des ,,interkulturellen und interreligiösen Dialogs“ im Vordergrund. Die 27-jährige Karima al-Ansari* kommt regelmäßig zum Beten in die Moschee: ,,Hier fühlt man sich immer willkommen. Man macht die Erfahrung, einfach Muslim zu sein – ganz egal, wo man herkommt oder welche Sprache man zu Hause spricht.“ Das finden auch die Schüler Ibrahim und Abdulrahman der Frankfurter SchillerSchule. Sie halten sich auch gerne außerhalb der Gebetszeiten in den Räumlichkeiten der Abu Bakr Moschee auf und haben hier Freunde unterschiedlichster Nationalitäten gefunden.

Sehr beliebt bei Muslimen in der Frankfurter Innenstadt ist auch der 1995 gegründete deutschsprachige Moscheeverein I.I.S. (Islamische Informations- und Serviceleistungen e.V.). Hier wird die Khutba auf Arabisch nicht am Ende in Kurzfassung übersetzt, sondern von Anfang an ausschließlich auf Deutsch vorgetragen. Des weiteren bietet ein täglich geöffneter Infoladen ein breitgefächertes Angebot an deutschsprachiger Literatur und die Möglichkeit einer qualifizierten Beratung, die vor allem von Konvertiten sehr geschätzt wird. Neben regelmäßigen Vorträgen über den Islam, die Sunna und die arabische Sprache wird auch ein intensiver Austausch mit Nichtmuslimen gepflegt. Bei Informationsabenden, Diskussionsrunden oder Informationsständen in zentralen Einkaufspassagen soll in gastfreundlicher Atmosphäre Wissen über den Islam vermittelt und das Bild der Muslime in Deutschland verbessert werden. Aufgrund des hohen Grades an Transparenz und klar definierter Ziele ist in diesem Kontext seit dem Jahr 2003 auch eine I.I.S-Außenstelle in Mainz und seit 2005 eine weitere in Darmstadt entstanden. Damit konnte auch eine Kooperation auf regionaler Ebene im Rhein-Main-Gebiet geschaffen werden.

Trotz oder gerade wegen der enormen Bedeutung der Internationalität in diesen Gemeinden ist die Anzahl der beteiligten Jugendlichen sehr hoch. Sowohl religiöse Veranstaltungen als auch Aktivitäten, bei denen in erster Linie die Begegnung Jugendlicher beispielsweise bei gemeinsamen Spielen bezweckt ist, werden für sie zu besonderen Anlässen, die sie gerne und regelmäßig besuchen.

Dabei ist das primäre Anliegen der Gemeinden, die Heranwachsenden, von der Straße zu holen“. Im Stil einer engagierten Prävention soll verhindert werden, dass diese Muslime sich in Cliquen der Frankfurter Straßenszene zurückziehen. Stattdessen soll ihnen in den Räumen der Moscheen neben dem Wissen über ihre Religion auch der Wert einer qualifizierten Ausbildung und eine Zukunftsperspektive vermittelt werden. Der Islam schreibt nicht nur eine zentrale Orientierung am Glauben ans Jenseits vor, sondern fordert auch Anstrengungen im Diesseits – in diesem Kontext verbunden mit Beruf, Familie und sozialer Verantwortung.

Darüber hinaus werden solche Einrichtungen von Muslimen aller Alters­klassen geschätzt. Durch die einheitliche Unterrichts- und Verständigungssprache Deutsch werden sowohl sprachliche als auch kulturelle Barrieren überwunden, sodass man sich auch außerhalb der Gebetshäuser trifft und neue Kontakte knüpft. Der Austausch untereinander fördert den Respekt und das gegenseitige Verständnis und führt zu einem Dialog jenseits von kultur- und nationalitätsspezifischen Unterschieden.

Durch die Entwicklung einer Art ,,muslimischen Identität“ wird so das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt und außerdem der interreligiöse Dialog intensiviert.

Bei gemeinsamen Diskussionen mit Vertretern christlicher Kirchen sollen möglichst viele Ansichten der Gesprächsteilnehmer zur Sprache kommen und durch die Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven Toleranz und Gesprächsbereitschaft gefördert werden. Gegenseitige Akzeptanz und Beteiligung von Muslimen an gesellschaftlichen Projekten ist dabei die zentrale Herausforderung für die Integration islamischer Mitbürger. Doch wie macht sich die Präsenz dieser vielen Muslime auch außerhalb der Gebetshäuser und interreligiösen Veranstaltungen bemerkbar? Die Münchener Straße liegt in der Innenstadt und ist nur eine von vielen bekannten multikulturellen Einkaufsstraßen. Zahlreiche Geschäfte bieten hier exotische Waren an; Restaurants mit islamisch-asiatischen, türkischen oder fernöstlichen Delikatessen bieten ein einzigartiges Ambiente und eine große Auswahl an Spezialitäten an – natürlich darf die Aufschrift „halal“ an nahezu keiner Eingangstür fehlen. Auch in Apotheken, Obst- und Gemüsemärkten, Reisebüros sowie Cafés sind Informationen und Werbung in arabischer, persischer und türkischer Sprache zu sehen. Wer traditionelle Kleidung, orientalische Teekannen oder Wandteller mit Qur’anversen sucht, wird hier schnell fündig. Nach dem Einkauf kann dann in einem der vielen Moscheen in den Hinterhöfen der Münchener Straße das Gebet verrichtet werden – so schließt sich der Kreis im Alltag der Muslime in Frankfurt zwischen Religion, Kultur, Individualität und Internationalität.

* Name von der Redaktion geändert

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