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Muslimsein ist auch Spaß und Leichtigkeit

Islamische Zeitung vor Ort: Ein Sonntag mit jungen Muslimen in Frankfurt am Main. Von Yasin Alder, Bonn

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(iz). Frankfurt am Main hat nicht nur durch den Flughafen, die Banken-, Börsen- und Finanzwelt oder die jährliche Buchmesse ein sehr internationales, multikulturelles und mulitireligiöses Gesicht. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund beträgt hier mehr als ein Drittel der Bevölkerung.

Das muslimische Leben in Frankfurt steht auch an einem Sonntag Nachmittag nicht still. In der Taqwa-Moschee im Gutleutviertel findet am Wochenende Unterricht für Kinder und Jugendliche statt. Die Moschee ist ein traditionsreiches Zentrum besonders für Muslime aus Marokko und verfügt über eine sehr lebendige und aktive Gemeinde. Hakima El Asraoui (26), Architekturstudentin, ist eine der Leiterinnen der Unterrichtsgruppe für Mädchen. Auf dem Programm stehen arabische Sprache, Qur’an lesen mit Erläuterungen des Qur’an, und Fiqh Al-’Ibadat, Wissen über die Art und Weise der Verrichtung der gottesdienstlichen Handlungen. Derzeit nehmen mehr als 100 Mädchen im Alter von bis zu 14 Jahren sowie etwa 60, die 14 Jahre und älter sind, daran teil. „Früher war der Bereich der Frauen und der der Männer in der Moschee mehr getrennt, auch organisatorisch, jetzt gibt es viel Gespräche untereinander und man macht mehr zusammen. Dadurch ist eine viel bessere Atmosphäre entstanden“, erzählt Hakima über die Moschee.

Naima Kuntich, die 1990 als Studentin nach Frankfurt gekommen war, ist hier seit 1993 als Lehrerin für die jungen Musliminnen tätig. „Ich bin mit Leib und Seele Lehrerin. Es war eine Fügung Gottes, dass ich diesen Weg eingeschlagen habe. Wenn man unterrichtet, muss man mehr können, als wenn man nur für sich selbst lernt.“ Das Unterrichten der Mädchen mache ihr sehr viel Spaß, obwohl es auch viel Mühe mache. „Ich bin dafür dankbar, dass die Mädchen sich die Zeit nehmen, zu uns zu kommen und trotz Ausbildung, trotz Schule, trotz des Drucks seitens der Schule und dem was sie alles erleben, ihre Religion suchen und richtig kennen lernen wollen.“ Naima Kuntich ist auch Mitglied der KAV, der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung der Stadt Frankfurt und zudem in einem Projekt zur Elternbetreuung beim Amt für multikulturelle Angelegenheiten aktiv. „Wir wollen unseren Kindern eine bessere Zukunft anbieten, das versuchen wir auch, und daran müssen wir weiter arbeiten.“

Lamia (15) besucht den Unterricht schon seit ihrem sechsten Lebensjahr. In der Schule trägt sie kein Kopftuch. Probleme wegen ihrer Religion hatte sie bisher nicht. „Meine Mutter, sie ist Krankenschwester, hatte aber Probleme, eine Arbeit zu finden. Man hat ihr gesagt ‚mit Kopftuch nein, ohne Kopftuch ja’. Ich finde das nicht gut“, erzählt Lamia. Allgemein bekomme sie schon einiges an Problemen mit bei den Mädchen, sagt Hakima El Asraoui.

Etwa Druck von LehrerInnen, das Kopftuch abzunehmen, oder die Verweigerung von Praktikumsstellen aufgrund des Kopftuches. Die Leiterin einer Schule, an der eine Kopftuch tragende Freundin eine Ausbildung zur Medizinisch-technischen Assistentin absolviert, habe auf die Bitte um Hilfe wegen Problemen beim Finden einer Praktikumsstelle aufgrund des Kopftuchs nicht mit Unterstützung für ihre Schülerin reagiert, sondern mit dem Beschluss, im nächsten Jahrgang gar keine Schülerinnen mit Kopftuch mehr anzunehmen. Integration in Deutschland 2007.

Hakima El Asraoui ist auch im interreligiösen Gesprächskreis „Gut für Gutleut“ tätig. Sie meint, dass es immer noch zu wenig Muslime gebe, die sich für das Gespräch mit Nichtmuslimen engagierten. Ihrer Erfahrung nach sei gerade das Gespräch mit LehrerInnen und KindergärtnerInnen sehr wichtig und auch effektiv, um Probleme und Missverständnisse aufzuklären. Einmal habe zum Beispiel eine Lehrerin gedacht, dass aufgrund des Kopftuchtragens einer Schülerin der Sport- und Schwimmunterricht für diese ein Problem sein müsse und auch die Eltern sicher dagegen seien, dass die Tochter am Schwimmunterricht teilnehme. In einem Gespräch mit der Mutter der Schülerin sei aber deutlich geworden, dass die Mutter damit gar kein Problem hatte, auch damit nicht, dass ihre Tochter beim Sport das Tuch abnimmt – zur Überraschung der Lehrerin. Auch Lamia und ihre Freundin Ikram (13) nehmen „ganz normal“ am Sport- und Schwimmunterricht teil.

Im I.I.S., dem Islamischen Informations- und Servicezentrum im Gallusviertel, laufen an diesem Sonntag mehrere Kurse für Frauen und Männer. Hier treffen wir Mohammed Johari. Der 26-jährige Sozialpädagoge ist Sohn eines indischen Vaters und einer deutsch-amerikanischen Mutter. Die Eltern haben sich früh scheiden lassen. „Erst mit 16, 17 Jahren, habe ich mich mit Religion beschäftigt und zum Islam gefunden. Meine Frau kommt aus Polen, sie hat vor einigen Jahren den Islam angenommen, oder besser gesagt zum Islam zurückgefunden.“ Die Schwerpunkte seines Studiums waren Schulsozialarbeit und Migration. Nachdem er knapp ein Jahr lang vergeblich versucht hat, eine Stelle für sein Anerkennungsjahr zu bekommen, arbeitet er nun bei einem neu gegründeten interkulturellen Pflegedienst, der die kulturellen und religiösen Eigenheiten der Pflegebedürftigen berücksichtigen will. Auf der Suche nach einer Stelle hat Mohammed viele enttäuschende Erfahrungen machen müssen. „Im Studium habe ich immer gehört, dass Sozialpädagogen mit den Eigenschaften, die auf mich zutreffen, sehr gefragt seien: männlich, jung, mit Migrationshintergrund, und dass es vorteilhaft sei, wenn sie die gleiche Religion haben wie diejenigen Jugendlichen, die in den Jugendhäusern mehrheitlich vertreten sind. In Frankfurt wären dies speziell Muslime. Und zusätzlich zu diesen Eigenschaften auch die hiesige Gesellschaft gut zu verstehen und in dieser Gesellschaft verankert zu sein. Daher hatte ich diese lange Odyssee von Ablehnungen nicht erwartet. Ich habe oft ehrliches Interesse an mir verspürt, wurde letztlich aber doch von den Entscheidungsträgern in mehreren Trägerorganisationen der Jugendarbeit abgelehnt.“

Mitarbeiter hätten ihm gesagt, dass Muslime derzeit unter Generalverdacht stünden und erst einmal beweisen müssten, dass sie nicht frauenfeindlich seien und nicht den deutschen Staat umstürzen wollten – und auch, dass es interne Absprachen gebe, keine Musliminnen mit Kopftuch einzustellen. „Meine Frau hat Grundschullehramt studiert. Welche größere Emanzipation gibt es denn, als zu studieren und danach arbeiten zu wollen?“, habe er auf die Frage geantwortet, was denn sein Frauenbild sei. Mohammed fühlt sich dadurch gerade von denen diskriminiert, die vorgäben, die Integration fördern zu wollen. „Ich fühle mich dennoch in Frankfurt wohl, und mit den Ausnahmen weiß ich auch umzugehen. Mit Weisheit und Geduld fährt man doch am besten, und man kann anderen am besten damit helfen, seine Vorurteile loszuwerden, indem man gesprächsoffen bleibt. Und dies werde ich tun. Und in den Gesprächen spürt man immer auch einen Erfolg“, sagt Mohammed Johari.

Rida El Houssaini (26) ist ein Mitbegründer des interkulturellen Pflegedienstes, bei dem auch Mohammed tätig ist. Rida kommt aus der HipHop-Szene und hat in mehreren Underground-Bands gerappt. Heute ist er verheiratet, hat einen kleinen Sohn und möchte ein Medizinstudium beginnen. Er leitet auch eine muslimische Jugendgruppe, die sich regelmäßig trifft. Rida macht noch immer Musik, allerdings weniger Rap. Nachdem er einige Jahre in der An-Naschid-Gruppe „Salsabil“ gesungen hatte, ist er nun vom reinen Gesang wieder zur Musik zurückgekehrt. Sein neuer Sound hat mehr Ähnlichkeiten mit dem Stil von Xavier Naidoo. Zunächst ist ein Song für den Kreativ-Wettbewerb „Zeig’ mir den Propheten“ entstanden, in Zusammenarbeit mit einem Produzenten, der selbst deutscher Muslim ist. Ein Album ist auch bereits in Planung. Wie viele andere Jugendliche mit einer ähnlichen Geschichte hat Rida irgendwann begonnen, den Islam bewusst zu praktizieren. Gerade Rap ist heute wohl die populärste Musikrichtung unter Jugendlichen, besonders auch solchen mit muslimischem Hintergrund. Interpreten wie Sido oder Bushido vertreten jedoch alles andere als islamische Inhalte und Umgangsformen. Auf der anderen Seite haben in den letzten Jahren Rapper mit dezidiert islamischen Texten wie Ammar an Popularität gewonnen. „Die Entwicklung unter der Jugend in Deutschland derzeit ist leider eine ganz bestimmte – mit Leuten wie Sido oder Bushido, die dann Texte mit „Mutter…“ und so weiter bringen. Und da möchte ich, dass sie sich lieber etwas anhören, was sie vielleicht an Allah erinnert, an den Propheten, oder an den Sinn des Lebens, an Liebe, Treue oder Freundschaft. Das sind Themen, die ich in meiner Musik aufgreifen will“, sagt Rida.

Wenn man eine Entwicklung mitmache, wie er selbst sie gemacht habe, sollte man andere, etwa die alten Freunde, sie miterleben lassen und sich nicht abkapseln, meint Rida, und Freundschaften aufrecht erhalten, auch wenn sich die eigene Lebensweise durch den Islam geändert habe. Er merke generell, dass der Islam gerade für junge Leute wieder interessant werde: „Auch viele Muslime, die im Leben auf die Nase gefallen sind, weil sie nicht praktizierend waren, finden zunehmend zur islamischen Praxis zurück.“ Den Generationswechsel auch in den Moscheegemeinden gut zu bewerkstelligen und die islamische Praxis ihren Kindern zu übertragen, macht vielen aus der älteren Generation und in den Moscheevorständen jedoch immer noch Sorgen.

„Das Problem, das wir haben, ist kein Islam-Problem oder Religionsproblem, sondern ein Kulturproblem“, meint Rida dazu. „Es hat damit zu tun, dass der Islam den Kindern von den Eltern oft so vermittelt wird, dass er wie ein Umhang erscheint, den man sich anziehen, aber auch wieder ausziehen kann. Wir müssen den Jugendlichen den Islam als Lebensweise ’rüberbringen und sie einbeziehen, ihnen zeigen, was der Islam ist. Islam ist auch Spaß, ist Lachen, ist Singen, ist Spielen, Leichtigkeit, und nicht, sich in irgendeine Ecke zu setzen und eine Predigt anzuhören. Der Islam ist der Weg der Mitte. Ich möchte den Menschen zeigen, dass ich Muslim bin und meine Religion ernst nehme, aber trotzdem Mensch bin wie jeder andere, und kein Monster werde. Ich spiele auch Fußball, ich liebe meine Frau, ich liebe mein Kind, meine Brüder im Islam und meine Freunde, ich gehe auch gerne aus, aber eben in den Grenzen des Islam. Viele denken, der Islam ist nur Verzichten, aber es ist einfach nicht so. Es gibt im Grunde nur wenige Verbote.“

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