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Nach dem letzten Paukenschlag des „Enthüllungsnetzwerkes“ kommt es zu Debatten über dessen tatsächliche Funktion. Von Sulaiman Wilms

Ist Wikileaks ein Segen oder ein Fluch?

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(iz). Am Wikileaks-Chef Julian Assange scheiden sich die Geister. Für viele ist der Australier ein Paradebeispiel für Meinungsfreiheit und Transparenz. Bei offiziellen Vertretern in den USA, in Großbritannien und anderswo ist sein Name mehr als nur ein rotes Tuch. Die USA bemühen sich seit einiger Zeit, den vermeintlichen „Verräter“ dingfest zu machen. Ein Zwischenziel haben sie erreicht: Der weltweit bekannte Ex-Hacker ist nach kurzem Aufenthalt in einem britischen Gefängnis zwar wieder [bei Redaktionsschluss] ein freier Mann, könnte aber trotzdem noch nach Schweden ausgeliefert werden. Die dortige Justiz hat immerhin ein strafrechtlich dubios erscheinendes Verfahren gegen ihn angestrengt und Assange weltweit zur Fahndung ausgeschrieben.

Im virtuellen Raum war die Wikileaks-Webseite nicht nur Opfer mehrerer Attacken, sie und ihre Server mussten in kürzester Zeit nach Veröffentlichung der – in Wirklichkeit gar nicht so geheimen – Depeschen mehrfach ihre IP-Adresse wechseln. Zwischenzeitlich waren auch finanzielle Kanäle für dringend benötigte Geldspenden zum Unterhalt des Unternehmens Wikileaks blockiert.

An seiner Person und an den Aktivitäten von Wikileaks entzündete sich aber auch eine grundsätzliche, nur wenig beachtete Debatte. Für die beinahe absolute Mehrheit entspricht die Geschichte von Assange der korrekten Abbildung von Wirklichkeit, also des Helden (oder Verräters), der geheime Dokumente zum Nutzen (oder Schaden) Dritter einem größeren Kreis von Personen zugänglich macht.

Soweit das allseits bekannte Bild. Eine kleine – und in Massenmedien kaum hörbare – Gruppe von Menschen widerspricht dem Wikileaks-Narrativ. Dabei handelt es sich beileibe nicht nur um randständige Verschwörungstheoretiker. Auch anerkannte geopolitische Fachleute wie der Publizist William Engdahl sehen in dem Medien-Coup von Wikileaks eine von US-Diensten konzertierte Aktion. So weit, gerade auch bei der dünnen Faktenlage, muss man nicht gehen, aber Fragen – auch im Rahmen des bestehenden Narrativ – müssen erlaubt sein. An manchen Aspekten dieses Scoops sollten sich wache Geister reiben.

Vom Nutzen des Enthüllungsnetzwerkes
Wenn wir ehrlich sind (obwohl auch einige Meldungen dieser Ausgabe auf die „Depeschen“ Bezug nehmen), enthalten die Dokumente, die so öffentlich waren, dass sie von hunderttausenden US-Regierungsangestellten gelesen werden durften, keine wirklich neuen Nachrichten. Tatsächlich verändernd und daher Einfluss nehmend war Wikileaks’ Mediencoup im Nahen Osten. Hier wurde deutlich, dass Regierungen vieler arabischer Staaten einem US-geführten Angriff gegen den Iran zustimmen. Der scheinbar unter Politikern im Nahen Osten weit verbreitete Wunsch von Politikern nach einem Angriff gegen Teheran gab anti-iranischen Falken neuen Auftrieb. Können US-kritische Befürworter von Wikileaks dies wirklich gutheißen?

US-Sicht auf die Welt – keine Wirklichkeit
Anhand dieses Vorgangs werden auch die Fallstricke elektronischer Medien deutlich; insbesondere, weil digitale ­Medien eine permanente Reproduk­tion ihrer Inhalte erlauben. Nur weil alle, Freunde und Kritiker, „Qualitätsmedien“ wie private Blogautoren, die Depeschen als Abbild der Wirklichkeit behandeln, bedeutet es nicht, dass sie es auch sind.

Das von Wikileaks enthüllte Mate­rial bietet nicht immer ein realistisches Bild eines bestimmten Landes oder eines spezifischen Ereignisses, sondern oft die Sicht von US-Diplomatie und Diensten auf selbiges; ist also nüchtern betrachtet ein Mosaikstein und nicht das Gesamtbild. Es handelt sich demnach nicht um primäre Erkenntnisquellen, sondern um sekundäres Material. Interessant sind sie insofern für Historiker der Moderne und Menschen, die wissen möchten, was die USA über den Rest der Welt denken.

Vorsortierung ­kommerzieller Medien
Es ist nicht ganz zufällig, dass in deutschen Medien mindestens genauso viele anekdotenhafte Charakterbeschreibungen nichtamerikanischer Politiker kolportiert wurden wie handfeste Vorgänge und Konflikte.

In einer scharfen Kritik warf Engdahl Wikileaks vor, die Daten ironischerweise an jene kommerziellen Massenmedien gegeben zu haben, die alles andere denn als „subversiv“ gelten können. Die „New York Times“ oder der „Spiegel“ sind wohl kaum oppositionell, sondern in ihrer Funktion vor allem systemstabilisierend. Warum landeten die Dokumente von Wikileaks nicht bei bekannten, unabhängigen und kritischen Medien wie der „tageszeitung“, „Le Monde diplomatique“, „Huffington Post“ oder ideellen Recherchenetzwerke im Internet? Diese Medien gehen darüber hinaus relativ selektiv mit dem Material um und haben dem Publikum eine eher eingeschränkte Bandbreite der Informationen zur Verfügung gestellt. So drängt sich im Fall von Iran und Pakistan der Verdacht auf, dass beispielsweise beim „Spiegel“ der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Hier hilft die selektive Veröffentlichung von Depeschen mit, dass gewünschte Bild zu erzielen.

Im Falle des US-Dokumentarfilmers Michael Moore wurde konkret deutlich, wie diese Täuschung funktioniert. So behauptete die Londoner Tageszeitung „The Guardian“ in Berufung auf Wikileaks-Depeschen, dass „Sicko“, Moores Dokumentarfilm über das US-Gesundheitssystem, in Kuba verboten worden sei. Nun präsentierte Moore, nicht ohne berechtigte Schadenfreude, auf seiner Webseite Übersetzungen spanischsprachiger Zeitungen anlässlich der Vorführung seines Films auf Kuba.

Besteht im Falle der Wikileaks-Depeschen die Gefahr, dass die „Qualitätspresse“ die Meinung teils zweitklassigen Diplomatenpersonals als Abbild der Realität sieht und uns weiterverkauft?

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