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Nadeem Elyas wird 75

Zwölf Jahre leitete der Veteran den Zentralrat der Muslime in Deutschland

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Foto: IZ Medien

Mit gerade 19 kam er in die Bundesrepublik und wurde zum Gesicht des organisierten Islam in der Öffentlichkeit: ein Konservativer mit sanfter Erscheinung. Gegen den Islamismusvorwurf hat sich Elyas stets gewehrt.

Bonn (KNA/iz). Wenige Tage nach den Anschlägen vom 11. September 2001 waren die Religionen zu Gast im Kanzleramt. Es ging um ein Signal des Zusammenhalts in aufgeladenen Zeiten. Neben Kanzler Gerhard Schröder (SPD), den Vertretern des Judentums und beider Kirchen stand damals Nadeem Elyas auf dem Podium, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD) – um dieses Amt wahrlich nicht zu beneiden.

Er konnte nur wiederholen, was jeder hören wollte und doch so ratlos klang: Nein, die Terroristen konnten sich bei ihren Taten nicht auf den Koran berufen, denn der Islam verbiete das Töten Unschuldiger. Die Warnung vor dem „Generalverdacht“ vertrat der stets zurückhaltend auftretende Sunnit, der am 1. September 75 Jahre alt wird, fortan mit der für ihn typischen sanften Energie. In die Bundesrepublik kam der im saudischen Mekka geborene Elyas bereits 1964 mit gerade 19, um Medizin und Islamwissenschaft zu studieren. Die junge islamische Verbandslandschaft brauchte Leute wie ihn.

Als Elyas 1994 Vorsitzender des neugegründeten ZMD wurde, hatte der Name „Zentralrat“ durchaus seine Berechtigung. Hieß es doch anfangs, dass sich der neuen Struktur auch große nationaltürkische Verbände wie DITIB und Milli Görüs anschließen würden. Das scheiterte an deren Ausrichtung auf Ankara. Im Jahr 2000 ging auch der ebenfalls türkisch geprägte Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) von der Fahne. Statt machtvoller Lobby blieb der organisierte Islam in Deutschland zur Beruhigung seiner Kritiker ein Flickenteppich.

Trotzdem avancierte kein türkischer Funktionär, sondern der saudischstämmige ZMD-Vorsitzende in Sachen Islam bald zum bevorzugten Gesprächspartner für Politik und Medien. Moderat und höflich im Auftreten, entschlossen in der Sache, vertrat Elyas bei Themen wie islamischem Religionsunterricht, Kopftuchstreit, Moscheebau, Mohammed-Karikaturen oder Schächten unmissverständlich die Positionen des orthodoxen Islam. Die Muslime seien nicht bereit, auf ihre religiöse Identität zu verzichten, und forderten nur das, was ihnen das Grundgesetz im Rahmen der Religionsfreiheit ohnehin zugestehe, argumentierte er.

Foto: IZ Medien

Andererseits forderte Elyas die Anpassung der Muslime an die deutsche Gesellschaft als einen „vom Islam gewollten Prozess“, zu dem nicht nur der Staat, sondern auch die Moscheen mehr beitragen müssten. Es sei „islamische Pflicht“, mit den Behörden im Kampf gegen Extremismus zu kooperieren: „Der Islam ist keine politische Handlungsanweisung, die zur Not auch mit Gewalt durchgesetzt werden kann.“

Vehement warnte er vor einer Selbstabschottung der Muslime, verurteilte Zwangsehen und „Ehrenmorde“. Sein Dialog mit dem jüdischen Zentralratsvorsitzenden Ignaz Bubis brachte ihm 1999 nicht nur den Alternativen Friedenspreis ein, sondern auch Morddrohungen von Islamisten.

Zu den Kirchen hatte Elyas ein eher gespanntes Verhältnis. Als der evangelische Ratsvorsitzende Wolfgang Huber 2004 kritisierte, die Toleranz der islamischen Verbände existiere oft nur „auf dem Papier“ hielt er ihm mangelnde Sensibilität vor. Ungehalten reagierte er auch auf die Forderung von Kardinal Karl Lehmann, die Muslime sollten sich stärker für die Rechte von Christen in ihren Herkunftsländern engagieren, sonst gebe es keinen echten Dialog. Der Kardinal dürfe die „Ereignisse in der Welt nicht den Muslimen in Deutschland anlasten“. Von der Kirche verlangte Elyas umgekehrt eine Entschuldigung für die Kreuzzüge.

Nach dem Ende seiner Amtszeit 2006 zog sich Elyas weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Heute leitet er eine Stiftung für Bildung und Kultur, die unter anderem Deutschkurse für Imame ermöglicht.

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Christoph Schmidt

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