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Nahostexperten waren völlig überrascht: Hintergrundgespräch mit dem Chefredakteur des Fachmagazins «zenith«, Daniel Gerlach

«Es wird keinen triumphalen Erfolg geben»

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(iz). Es gibt genug so genannte «Nahostexperten», und doch wurden sie alle von den Ereignissen in Tunesien und Ägypten auf dem falschen Fuß erwischt. Dies ist zu zumindest die Ansicht von Daniel Gerlach, Chefredakteur und Mitherausgeber des Fachmagazins «zenith». Der Magazinmacher wurde 1977 in Wuppertal geboren. Gerlach studierte Geschichte und Islamwissenschaften an den Universitäten Hamburg und Paris-Sorbonne. Seitdem ist er als Fachjournalist und Dokumentarfilmer aktiv.

Nach Ansicht von Daniel Gerlach haben westliche Experten und Regierungen nicht nur die Lage der Staaten im Nahen Osten falsch eingeschätzt, sie nahmen die enormen Widersprüche jener Regime auch im Rahmen ihrer Realpolitik billigend in Kauf. Auch beim Thema Muslimbruderschaft fehle es deutschen Massenmedien an profunden und differenzierten Analysen.

Islamische Zeitung: Lieber Herr Gerlach, Sie und Ihre Kollegen beobachten als Journalisten des Fachmagazins «zenith – Zeitschrift für den Orient» seit Jahren den Nahen und Mittleren Osten, sind Fachleute und haben die Region bereist. Waren Sie vom Ausbruch der Unruhen in Tunesien, Ägypten und anderswo überrascht oder hatten sie das erwartet?

Daniel Gerlach: Wir waren völlig überrascht, und wenn irgend ein Nahostexperte das Gegenteil behauptet, dann lügt er. Ich kenne keinen, der von diesen Entwicklungen nicht überrascht wurde. Ich sehe – abgesehen von der Verblüffung der Menschen in diesen Ländern über ihre eigenen Möglichkeiten – auch noch einen weiteren Grund: Unter den Medienleuten und Nahostexperten hat sich in den letzten Jahren eine gewisse Lethargie beim Thema Ägypten eingeschlichen. Man fand die dortigen Geschehnisse nicht mehr interessant. Ägypten hatte den klischeehaften Ruf eines gefallenen Kolosses – die ehemalige Führungsmacht der arabischen Welt, die man jetzt nur noch bedauern kann.

Man fällt – auch mit privilegierten Zugängen zu diesen Ländern – leicht auf diese Dichotomien herein: Hier der Machtapparat und dort die Bevölkerung; beide könnten sich nicht leiden, kommen aber nicht ohne den jeweils Anderen aus. Man hat darüber hinaus den Arabern unterstellt, dass sie sich mit den Potentaten abgefunden hätten, weil das, was nach diesen kommt, noch schlimmer sein könnte.

Selbst wir, obwohl wir die Entwicklungen seit Jahren kontinuierlich verfolgt und innerhalb der Gesellschaften auf die leisen Stimmen hörten, waren davon völlig überrascht. Uns unterscheidet allerdings von anderen Medien, dass unsere Autoren einen islam- oder regionalwissenschaftlichen Hintergrund haben.

Islamische Zeitung: Es gab in der Vergangenheit so genannte «farbcodierte Revolutionen« in Georgien, der Ukraine oder Kyrgystan, bei denen sich der Verdacht auf auswärtige Einflussnahme aufdrängte. Glauben Sie, dass die jetzigen Vorgänge spontane Aufstände von Unten sind? Gibt es regionale oder geopolitische Komponenten?

Daniel Gerlach: Ich glaube nicht, dass das von irgendeiner Seite gesteuert ist und auch nicht, dass es vom Ausland initiiert wurde, weder in Tunesien noch in Ägypten. Aber es ist so, dass die Informationen und Vorbilder über die Internetgeneration natürlich aus dem Ausland kommen.

Man könnte allerdings argumentieren, dass wir über Entwicklungshilfe zum Aufbau einer Zivilgesellschaft beitragen. Deutsche Parteistiftungen organisieren viele Veranstaltungen hierzu – was wir von zenith auch oft kritisch sehen. Nun werden diese Stiftungen wahrscheinlich sagen, dass ihre zivilgesellschaftliche Arbeit zum Aufbau von Strukturen und politischer Meinungsbildung geführt habe, deren Erfolg man jetzt sehen könne. Dies wäre der einzige Punkt, von dem ich sagen würde, dass der Westen mitgeholfen hat, auf eine relativ diskrete Weise ein zivilgesellschaftliches Bewusstsein zu säen. Das darf aber auch nicht überschätzt werden.

Islamische Zeitung: Hatte die westliche Politik eine vollkommen falsche Einschätzung ihrer de facto Verbündeten oder nahm sie Widersprüche billigend in Kauf?

Daniel Gerlach: Sowohl als auch. Interessanterweise – was auch für die so genannten Nahostexperten eine ernüchternde Erkenntnis ist – helfen Kenntnis und Vertrautheit offensichtlich nicht immer bei der Analyse. Wer, wenn nicht die Franzosen, wären in der Lage gewesen, die Lage in Tunesien richtig einzuschätzen? Und doch war ihre Analyse der Situation eine absolute Katastrophe. Nun könnte man argumentieren, Frankreichs Außenministerin hätte sich falsch verhalten, aber sie wurde offensichtlich auch falsch beraten und informiert.

Man glaubt, man habe ein Land durchdrungen und seine Mentalität verstanden und versteht in Wirklichkeit gar nichts von dem, was sich dort tut. Andere Länder wie Deutschland verhielten sich wesentlich zurückhaltender als Frankreich und wurden von der jetzigen tunesischen Opposition auch dafür gelobt, dass sie Kanäle zu ihr offen hielten. Auch wenn die Bundesregierung natürlich keine besonders gute Figur machte, blieb die Diplomatie einigermaßen stabil.

Was das «billigend in Kauf Nehmen» angeht, so trifft dies absolut zu. Schon allein um der Stabilität im Nahen Osten willen. Aber nur weil wir Deutschen uns bei der Unterstützung der Opposition zurückhalten, bedeutet dies nicht, dass wir für alle Zeit in der arabischen Welt verspielt hätten. Gerade dort wird sehr gut verstanden, was Realpolitik heißt, und dass sich Diplomatie im Wesentlichen nicht an Moral, sondern an Eigeninteressen orientiert.

Islamische Zeitung: Es mag unsere besondere Wahrnehmung sein, aber gerade im Fall Ägyptens wird sehr holzschnittartig reagiert – hier «säkulare Demokraten» und dort «gläubige Islamisten». Trifft dieses Bild zu oder ist die Wirklichkeit differenzierter?

Daniel Gerlach: Das ist natürlich auch eine suggestive Frage, weil die Berichterstattung so schlimm nicht ist. Was mir eher auffällt, ist die Hilflosigkeit beim Thema «Muslimbrüder». In deutschen Zeitungen oder «Spiegel online» finden sich kaum profunde und differenzierte Analysen über die Muslimbruderschaft. Das darf nicht verwundern, weil man in den letzten Jahren von diesem Thema gelangweilt war. Selbst viele Wissenschaftler hörten auf, sich damit zu beschäftigen. Die Muslimbrüder gaben in den letzten Jahren ein relativ klägliches Bild ab und waren vergreist. Und nun, nachdem die Demonstrationen losgingen, wird geschrieben, sie seien die bestorganisierte Gruppe in Ägypten mit vielen unabhängigen Abgeordneten im Parlament. Ich glaube, sie sind eher desorganisiert und auch nicht so gut vernetzt, wie behauptet wird. Vor allem, weil auch sie in den letzten Wochen von den Demonstrationen ziemlich überrascht wurden.

Die säkulare Opposition, die dazwischen steht, ist gelähmt – aber genauso wichtig. Läuft die Berichterstattung so weiter – bestärkt durch Regierungsfiguren wie Omar Sulaiman, der explizit ein Treffen mit den Muslimbrüdern einging und El Baradei ignorierte – wertet man sie natürlich auf. Durch den Antagonismus von Regime und Muslimbruderschaft wird die gesamte säkulare Opposition auf Seite gedrängt – was natürlich kontraproduktiv ist. Hier müssen wir auch in der Berichterstattung aufpassen.

Es gibt auch in der säkularen Opposition viele fromme Muslime, die sich aber nicht unbedingt mit den politischen Zielen der Muslimbruderschaft identifizieren. Und es gibt auf Seiten der Muslimbrüder viele, welche die alten Ziele ihrer Organisation hinterfragen und diese im Grunde ad acta gelegt haben. Die Einführung eines «islamischen Staates» ist – im Gegensatz zu den Salafisten – für viele nicht mehr real. Natürlich wird manchmal holzschnittartig berichtet. Andererseits sind viele der hiesigen Medien mit einer solchen Differenzierung überfordert. Ich glaube, dass sogar viele Ägypter dazu nicht in der Lage sind.

Islamische Zeitung: Kommen wir zu den Ursachen; besondern authentisch schien die Berichterstattung über Tunesien in den ersten Tagen. Da ging es um die Wirtschaftslage und Lebensmittelpreise. Der Fokus verschob sich dann aber auf politische Fragen. Dominiert das Leiden an den politischen Regimen oder an der wirtschaftlichen Realität der Menschen?

Daniel Gerlach: Diese Gewichtung ist schwer. Ich neige in der letzter Zeit, das Ganze mit dem seit einiger Zeit in Deutschland populären Begriff «Wutbürgertum» in Verbindung zu bringen. Die Tatsache, dass Menschen sich empören und auf die Straße gehen, ist eine Sache. Die Gründe dafür sind aber verschieden.

Das mag die ökonomische Lage sein. Das mag aber auch mit dem Begriff der Würde zusammenhängen – hier findet sich ein gemeinsamer Nenner. In Ägypten wurde die Lage für viele deshalb untragbar, weil sie nicht nur arm sind, sondern man sie auch zum Betteln zwang.

Es geht den Menschen nicht um die Verschlechterung der Wirtschaftslage, und sie hätten wahrscheinlich auch mit der Diktatur noch ganz gut leben können, aber ihnen wurde der letzte Rest an Würde und Selbstachtung genommen. Das ist ein gemeinsamer Nenner, der mehrere Gesellschaftsschichten mit ganz verschiedenen Problemen eint. Wir haben das Bedürfnis nach Würde und eines erhobenen Hauptes in der arabischen Welt in den letzten Jahrhunderten unterschätzt.

Islamische Zeitung: Viele Länder des Nahen Ostens und Nordafrika waren ja – bisher in gewisser Hinsicht – ökonomische Musterknaben, die den Vorgaben von Weltbank und anderen folgten. Ägypten privatisierte viele seiner Schlüsseleinrichtungen und Tunesien fungierte, provokant formuliert, als ökonomische Halbkolonie für Frankreich und Deutschland …

Daniel Gerlach: (zögert)… In Tunesien galt in den letzten Jahren das Versprechen: «Sorgt euch nicht um die Politik. Euch geht es gut.» Man trieb hier die wirtschaftlichen Zahlen durch das Anlocken ausländischer Investoren nach oben. Diese Investitionen waren aber nicht mit Auflagen verbunden. Man konnte in Tunis Geschäfte machen, was aber nicht zur Schaffung von Arbeitsplätzen führte. Das wäre dort sogar möglich gewesen, weil es dort nicht an qualifizierten Arbeitskräften mangelt.

In Ägypten gab es Big Business – große Industrie- und Immobilienprojekte. Aber wie wollen Sie mit diesen paar Hightechprojekten 85 Millionen Menschen – oder auch nur eine kritische Masse von 5-6 Millionen – in Lohn und Brot bringen? Ich glaube nicht, dass die ökonomischen Probleme Ägyptens alleine der Fehler des Regimes Mubarak sind. Die werden Sie auch nicht gleich lösen, wenn er abtritt. Es gibt dort jedes Jahr eine Million Menschen mehr. Das ist wirklich nicht einfach zu lösen.

Islamische Zeitung: Wie würden Sie die nächsten Jahre in Ägypten – wie in der gesamten Region – einschätzen? Viele Regime begründen ihre eigene Härte mit der Existenz Israels …

Daniel Gerlach: Hier bestand auch der große Fehler der Israelis. Dort glaubte man, dass beispielsweise das Regime Mubarak Sicherheit und Stabilität gewährt und letztendlich gut für Israel sei. Dabei hat dieses Regime konsequent Antisemitismus geschürt. Mubarak hatte zu keinem Zeitpunkt das Konstrukt einer angeblichen jüdischen Verschwörung beim 11. September öffentlich in Frage gestellt, obwohl das wirklich angebracht gewesen wäre. Der Antisemitismus wurde immer latent mit der Behauptung geschürt, man sich mit den Israelis, respektive den Juden, und Amerikanern arrangieren, da diese in Wirklichkeit die Welt kontrollierten.

Dies ist ein Motiv, dass sich in einer demokratischen Gesellschaft aufbrechen lässt. Es gibt viele Menschen in der arabischen Welt, die das durchschauen und letztendlich mit solchen Verschwörungstheorien nichts am Hut haben. Diktatorische Gesellschaften neigen dazu, alles mit dunklen Mächten und geheimnisvollen Strippenziehern zu erklären, weil man sich sonst gar nicht mehr orientieren kann.

Auf der anderen Seite hat die schrittweise Demokratisierung, wenn sie erfolgreich ist, die einzigartige Chance, aus dem israelisch-ägyptischen Frieden nicht nur einen gerechten Frieden zu machen, sondern einen, den die Bevölkerung mitträgt. Die Ägypter haben jetzt wirklich andere Dinge im Kopf, als den nächsten Krieg mit Israel zu beginnen – zumal es auch keine territorialen Konflikte gibt. Ich glaube, dass jetzt mehr Transparenz möglich wird.

Wenn Sie mich nach einem Ausblick befragen, so denke ich, dass die Revolution in Ägypten in einem Kompromiss enden wird. Es wird keinen triumphalen Erfolg der Opposition geben. Sie wird allerdings auch nicht so frustrierend enden wie im Iran, wo man sich 2009 auch viel erhoffte und nichts geschehen ist. Sollte sich in Ägypten die Demokratie durchsetzen, dann haben viele arabische Länder – die Monarchien wird es weiterhin geben – große Chance, wieder auf die einstige Führungsmacht Ägypten zu schauen und sich daran ein Beispiel zu nehmen.

Es ist noch nicht ausgestanden und ich habe Zweifel, dass wir – auch wenn das Jahr noch jung ist – das 2011 noch sehen werden.

Islamische Zeitung: Lieber Daniel Gerlach, vielen Dank für das Gespräch.

Hier klicken – Link zu Webseite von «zenith»

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