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Narr in mundo

George Orwells Essay über Nationalismus von 1945 erscheint nun erstmals auf Deutsch

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Foto: NCMallory, flickr

(iz). Fragte man nach dem Namen des einflussreichsten Dystopikers des vergangenen Jahrhunderts, so fiele die Wahl wohl mit großer Sicherheit auf George Orwell. Umso mehr überrascht es, dass seine „Notes on Nationa­lism“ – sie erschienen im Oktober 1945, also unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges – erst jetzt, fünfundsiebzig Jahre später, in einer deutschen Übersetzung veröffentlicht werden. 1984 machte Orwell weltberühmt, wahrscheinlich kennt jeder, der im Westen eine höhere Schulbildung durchlaufen hat, das Buch wenigstens auszugsweise. „Über Nationalismus“ dagegen fehlen die dystopischen Momente.

Orwell war Sozialist, aber ein Gegner Stalins, und so gingen ihm die Verteidiger des ­britischen Spätimperialismus genauso auf die Nerven wie jene prosowjetische, Stalin ­verehrende bürgerliche Intelligenz, die es um 1950 im deutschen Westen kaum, dafür in den drei westlichen Siegermächten Frankreich, Großbritannien und USA umso mehr gab. „Nationalismus“ bezeichnet daher bei ihm nicht nur die darunter im engeren Sinne bekannte „rechte“ Ideologie, sondern schlichtweg jeden dogmatischen Glauben an die Überlegenheit der eigenen Gruppe. Ein Nationalist ist für ihn „jemand, der einzig und allein – oder überwiegend – in Kategorien konkurrierenden Prestiges denkt“, „sein Denken kreist stets um Siege und Nieder­lagen, Triumphe und Demütigungen.“ Nicht nur hier fühlt sich der Leser an Hannah Arendt erinnert.

„Ein intelligenter Mensch“ etwa könne ­”einer Überzeugung halb erliegen, die ihm attraktiv erscheint, von der er aber weiß, dass sie absurd ist, und er kann sie lange Zeit aus seinem Kopf fernhalten und nur in Momenten des Zorns oder der Sentimentalität dorthin zurückkehren, oder wenn er sicher ist, dass es dabei nicht um wichtige Fragen geht.“ Es müsse „nur ein bestimmter Ton getroffen oder an einen sensiblen Punkt gerührt werden – einen Punkt vielleicht sogar, von dessen Existenz man selbst bislang nichts wusste –, und die unvoreingenommenste und sanftmütigste Person verwandelt sich mit einem Mal in einen brutalen Parteigänger.“ Die Kunst liege folglich nicht darin, keine Ressentiments zu haben, denn das sei so gut wie unmöglich, sondern seinen Ressentimenthaushalt vernünftig regeln zu können.

Gutsein ist also keine Frage der Gesinnung oder des Parteiprogramms, sondern der inneren Haltung. Das können sich nicht nur Rechte, sondern genauso Linke ins Stammbuch schreiben. So sieht es auch Armin Nassehi. Der deutsch-iranische Soziologe schreibt in seinem Nachwort, man solle bei Orwells Nationalismus „nicht nur an rechtspopulistische (…) Bewegungen denken, sondern etwa auch an militante Formen des Klimaprotests, der bisweilen eschatologische Formen annimmt und in Endzeiterwartungen zu einer Selbststeigerung neigt, die mit ­Argumenten nicht mehr erreichbar ist. ­”Vielleicht“, so heißt es weiter, „nehmen sogar kulturkämpferische Debatten zwischen eher urbanen linksliberalen Milieus und den eher verunsicherten traditionellen Milieus ‘nationalistische’ Dimensionen im Sinne ­Orwells an.“

Diesen Nationalismus definiert Orwell durch dreierlei: Obsessivität, Instabilität – womit er inhaltliche Inkonsistenz meint – und Gleichgültigkeit gegenüber der Realität. Das spiegelt den ideologiekritischen Diskurs der Zwischen- und Nachkriegszeit wider, in der Heimito von Doderer vor „Apperzeptionsverweigerung“ oder Eric Voegelin (er begründete die normative Schule der Politikwissenschaft) vor der „second reality“ warnten und darin, wie Hannah Arendt, die geistige (und gesellschaftliche) Standlosigkeit reflektierten, in die der Zusammenbruch der alten Ordnung Europas 1918 die Menschen entlassen hatte und die zum Entstehen von Faschismus und Stalinismus geführt hatten.

Dass und wie die bipolare Weltordnung nach 1945 den Menschen hüben wie drüben ein Stück weit ihr existenzielles Standesbewusstsein – nämlich Bürger dieses oder jenes Blocks zu sein – wieder zurückgab, hat Orwell ironischerweise nicht mehr miterlebt; er starb 1950. Sicher aber ist, dass uns dieses Standesbewusstsein – das existenzielle und mit ihm auch das soziale – mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Ost-West-Konflikts 1990 abermals abhanden kam. Und hier liegt das Problem.

Denn seit 1990 befinden wir uns inmitten eines neuen Kulturkampfes. Hier die Linksgrünen, da die Konservativen, hier Gender-Mainstreaming und Skolstrejk för klimatet, dort das Beharren auf traditionellen „hetero­normativen“ und industriellen Lebensformen, hier Slavoj Zizek, dort Jordan Peterson. Der seit 1990 nicht mehr geordnete öffentliche Raum wabert vor Ressentiments wie zuletzt vielleicht in den 1920er Jahren – und Ressentiments, schreibt Orwell, kann man nicht einfach loswerden, indem man seinen Verstand einschaltet. Aber man könne ­”zumindest anerkennen, dass man diese Gefühle hat, und verhindern, dass sie die ­eigenen Denkprozesse kontaminieren. Der Gefühlsdrang, der unvermeidlich und für das politische Handeln vielleicht sogar nötig ist, sollte mit einer Anerkennung der Realität einhergehen.“ Dazu aber bedürfe es einer „moralischen Anstrengung“ (Hervorhebung im Original).

Doch was bedeutet das? Wer sich besonders bemüht, moralisch zu sein, läuft damit nur allzu häufig gegen eine Wand. Carl Schmitts zynisches Diktum, dass, wer Menschenrechte sage, betrügen wolle, hieße auf heute übertragen: wer behaupte, moralisch zu sein, wolle betrügen, und wer für sich Intellektualität beanspruche, sei anmaßend. Mit diesem antimoralischen und antiintellektuellen Generalverdacht wird heute unweigerlich konfrontiert, wer Moral und Intellekt statt Egoismus – denn nichts anderes ist Orwells „Nationalismus“ – zu Richtschnüren seines Handelns macht. Zudem bedeutet Orwells Anruf an uns, uns nicht den eigenen ­Ressentiments auszuliefern, auch: die Verletzungen, die man erlitten hat und die zur Entstehung von Ressentiments als Reak­tionsbildung erst geführt haben, zu ver­drängen beziehungsweise zu verleugnen. Seine Aufforderung zur „Unparteilichkeit“ ist nicht nur eine Aufforderung zur Selbstlosigkeit, sondern auch eine Aufforderung zur Selbstverleugnung.

Über diese letzte, radikale Konsequenz verliert Orwell wohlweislich kein Wort, ebenso wenig Nassehi. Den Nationalismus nennt dieser nicht unpassend „eine Übersteigerung des Eigenen, eine narrative Anstrengung“; er müsse „herbeigeschrieben werden, er ist auf literarische Kapazitäten angewiesen, er muss (schriftliche) Welten erfinden, gewisser­maßen scholastisch gegen die Realität protestieren“. Ja – nur: trifft das genauso, und noch viel eher, auf den Antinationalisten zu. Unablässig und noch im Kleinsten bemüht um die Integration des „Oppositionellen, Abweichenden, Unterlegenen“, gerät der ­”radikale Demokrat“ (Nassehi) zwischen alle Stühle und wird zum innerlich Gekreuzigten wie der Gute Mensch von Sezuan. Der ­Befehl, gut zu sein und doch zu leben, ­zerreißt ihn wie ein Blitz in zwei Hälften, und die Hand, die er dem Elenden reicht, wird ihm gleich ausgerissen.

Das ist die düstere, dystopische Seite von Orwells Zumutung, kein Nationalist zu sein. Wer etwa als Deutscher gegenüber Zugewanderten besonders tolerant sein will, erwirbt sich dadurch bei diesen nicht selten den Ruf der Schwäche, ein Underdog zu sein, und bezieht die Prügel, die er ihnen ersparen wollte. Wer, wie etwa die liberalkonservative Publizistin Liane Bednarz, aus einer gefestigten christlich-demokratischen Moral heraus den Versuch unternimmt, „mit Rechten zu reden“, wird leicht von Linken als Verräterin an der „antifaschistischen“ Sache, von den Rechten aber als linke Spinnerin abgetan. In einer Welt, in der Realitätsverweigerung die neue Realität ist, ist es schwer, an der Anerkennung der eigentlichen Realität – nämlich die Gleichheit und Gleichwertigkeit aller Menschen – festzuhalten. Kein Narr in Christo, aber ein Narr in mundo, ein Narr in der Welt – das ist dieser Orwell, und die, die ihm nachfolgen. Doch es ist ihre Narrheit, die die Idee des Guten in dieser Welt am Leben erhält.

George Orwell, Über Nationalismus. Mit einem Nachwort von Armin Nassehi. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. Deutsche Erstausgabe, dtv 2020, 64 Seiten, 8.-

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Konstantin Sakkas

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