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Neue Antworten für neue Zeiten?

Die momentane Veränderung sozialer Gegebenheiten erfordert neue Ansätze bei der muslimischen Seelsorge

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Foto: MuTeS e.V.

(iz). Die Themen „Islamische Seelsorge“ und „Islamische Wohlfahrtspflege“ sind gegenwärtig die wichtigsten Themen der muslimischen Community in Deutschland und Europa. Aber nicht nur in der muslimischen Community, sondern auch auf der politischen und gesamtgesellschaftlichen Ebene werden diese Themen immer wichtiger. So sind beide schon seit Langem auf der Agenda der Deutschen Islamkonferenz, welche von der Bundesregierung organisiert wird.

Während im Christentum Seelsorge institutionalisiert und professionalisiert ist, übernahmen diese Aufgabe im Islam die nächsten Familienangehörigen und Freunde. So gibt es im Islam zwar nicht den Begriff der Seelsorge, aber inhaltlich existiert eine Seelsorgetätigkeit. Sowohl im Qur’an als auch in den Aussprüchen des Propheten Muhammad finden sich viele Bereiche und Methoden der Seelsorge. Das bekannteste Narrativ, das man in diesem Kontext findet, ist folgendes: „Allah, der Mächtige und Erhabene, wird am Tage der Auferstehung dem Menschen vorhalten: ‘Oh Kind Adams! Ich erkrankte, doch Du besuchtest Mich nicht!’ Er wird antworten: ‘Oh mein Herr! Wie hätte ich Dich besuchen können, wo Du doch der Herr der Welten bist?’ Allah wird erklären: ‘Hast du denn nicht erfahren, dass mein Diener Soundso krank war, und du ihn nicht besuchtest? Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihn besucht hättest, hättest du Mich bei ihm gefunden! Oh Kind Adams! Ich bat Dich um Essen, doch Mir gabst du nichts zu essen!’ Er wird antworten: ‘Oh mein Herr! Wie hätte ich Dir etwas zu essen geben können, wo Du doch der Herr der Welten bist?’ Allah wird erklären: ‘Hast du etwa nicht gewusst, dass Mein Diener Soundso dich um Essen bat? Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihm etwas zu essen gegeben hättest, du sicherlich dafür Meine Belohnung erhalten hättest! Oh Kind Adams! Ich bat dich, Mir Wasser zu geben, aber du gabst mir nichts zu trinken!’ Er wird sagen: ‘Oh mein Herr! Wie hätte ich Dir zu trinken geben können, wo Du doch der Herr der Welten bist?’ Allah wird erklären: ‘Mein Diener Soundso bat dich um Wasser, doch du gabst ihm nichts zu trinken! Hast du denn nicht gewusst, wenn du ihm zu trinken gegeben hättest, du deinen Lohn dafür bei Mir gefunden hättest?’“ (Muslim und Nawawi, 896)

Der Prophet Muhammad lebte Seel­sorge in der Praxis aus. Zaid, ein kleiner Junge im Umfeld des Propheten, hatte einen Vogel namens Umair, den er sehr liebte. Deshalb nannte der Prophet den Jungen auch Abu Umair, was so viel bedeutet wie „Vater des Umair“. Als Zaids Vogel starb, war er sehr betrübt über diesen Umstand. Daraufhin besuchte ihn der Prophet und übergab ihm seine Beileidsbekundung. In der Prophetenbiografie findet man Dutzende solcher Begegnungen, die Seelsorge widerspiegeln. Diese Traditionen wurden in den muslimischen Gemeinschaften weitergelebt. So entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Alltagsseelsorge. Vor allem die Großfamilie bot den notleidenden Familienmitgliedern diese an. Öfters waren es auch der Dorfvorsteher oder die Imame, die in Not gerufen wurden. Die Ressource, dass die Community, Familie und Freunde Alltagsseelsorge leisten, steht aber in einer globalisierten, ausdifferenzierten Gesellschaft nicht mehr in solcher Form zur Verfügung.
Daher benötigen auch Muslime professionelle Seelsorger, die hierfür ausgebildet wurden.

Nicht nur veränderte Familienstrukturen, sondern auch durch die Migration haben sich Problemsituationen ergeben, die verstärkt einer Seelsorge unter der muslimischen Community bedürfen. So entwickeln sich in Deutschland, aber auch in vielen andern Ländern Europas islamische Seelsorgeprojekte in den verschiedensten Disziplinen. Auch in der Türkei wurde kürzlich ein Kooperationsvertrag zwischen dem Gesundheitsministerium und der Religionsbehörde unterschrieben, wonach Seelsorger nach dem europäischen Modell in einem Pilotprojekt eingesetzt werden. Was jedoch bislang gänzlich fehlt, sind Konzepte für die islamische Seelsorge und allem voran empirische Studien über die bisher angebotenen Seelsorgeprojekte in Deutschland.

Diese Lücke soll die Arbeit „Seelsorge im Islam – Theorie und Praxis in Deutschland“ füllen. In der Arbeit wird theologisch und historisch Seelsorge im Islam aufgegriffen und anhand von Qur’an, Hadith und Traditionen ein Konzept der islamischen Theologie entworfen. Gleichzeitig gibt es die ersten empirischen Ergebnisse zu Seelsorgeprojekten in Deutschland. Dafür wurden verschiedene Seelsorgedisziplinen wie Krankenhausseelsorge, Notfallseelsorge, Gefängnisseelsorge, Telefonseelsorge, Seniorenseelsorge, Flüchtlingsseelsorge, Gemeindeseelsorge, Psychiatrieseelsorge, Militärseelsorge und Onlineseelsorge analysiert. 117 muslimische Seelsorgeangebote in Deutschland wurden untersucht, Experteninterviews sowohl mit Seelsorgern als auch Ausbildern wurden durchgeführt. Fragebögen, Auswertung von Curricula und anderen Dokumenten (über 1.000 Dokumente) sind ebenfalls Bestandteil der Arbeit. Auch wurde ein Vergleich mit den Ländern Dänemark, England, Frankreich, Italien, Kanada, Niederlande, Österreich, Schweiz, Türkei und USA gemacht, um zu schauen, wie in diesen Ländern islamische Seelsorge angeboten und durchgeführt wird. Als Fazit kann gesagt werden, dass die islamische Seelsorge in Deutschland dringend standardisiert, professionalisiert und institutionalisiert werden muss.

Hierfür muss natürlich auch die finanzielle Frage geklärt werden, da bisher, bis auf eine Handvoll Personen, die Seel­sorger ehrenamtlich tätig sind. Gleichzeitig fällt auf, dass viele Projekte, die das Label „Islamische Seelsorge“ tragen, gar keine Einzelgespräche anbieten. Dies ist jedoch der Kern der Seelsorge und darf nicht vernachlässigt werden. Besonders im Bereich der Gefängnisseelsorge ist es auffällig, dass kaum Einzelgespräche mit Inhaftierten stattfinden. Daher ist eine Standardisierung  gerade in der Ent­stehungsphase der islamischen Seelsorge so wichtig.

Da der Aufbau einer solchen, institutionalisierten, professionalisierten und standardisierten Lebenshilfe gegenwärtig eine Mammutaufgabe für die islamische Community in Deutschland ist und alleine nicht bewältigt werden kann, ist es sinnvoll, mit christlichen Einrichtungen, die seit Jahrzehnten Seelsorge anbieten und Know-How haben, und der Politik, wie auf der Bundesebene auf der Deutschen Islamkonferenz, aber auch auf der Landesebene, zu kooperieren. In diesem Sinne scheint auch die Gründung eines Spitzenverbandes der muslimischen Wohlfahrtspflege, welche die Seelsorge koordinieren könnte, nicht ganz abwegig.

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Cemil Sahinöz

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