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Neue Modelle braucht das Land

Mehr frische Perspektiven: Nicht alle Vorstellungen über eine glückliche Ehe halten einer Realitätsprüfung stand

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Foto: Mirsada Huseinovic

(Muslimmatters.org). Wir alle kennen solche Artikel: „50 Wege, Deinen Ehemann/Deine Ehefrau glücklich zu machen“. Allesamt hatten wir unsere Älteren, die an uns Perlen der Weisheit weitergaben. Unsere Altersgenossen sagen, wie Ehe wirklich ist. Anstatt das Rad neu zu erfinden, möchte ich auf die Schwächen einiger „Ehe-Modelle“ verweisen, die uns am Herzen liegen. Dabei sollten wir auf Unbequemlichkeiten vorbereitet sein. Mein Ziel ist es, Einsichten zu vermitteln, die unseren ehelichen Kompass korrekt ausrichten.

Modell Nummer Eins
Der „goldene“ Hit unter Muslimen lautet: „Ich befriedige Deine Bedürfnisse und du meine.“ Das Konzept hat sicherlich einen gewissen Wert. Aus ihm leiten wir das Verständnis der Schari’a von Ehe ab: Wer wen versorgt, welches Verhalten die „Rechte“ unseres Partners beschneidet, welches Tun als verwerflich gilt, was man vom anderen erwarten darf etc. Zweifelsohne alles wichtige Informationen. Denn die islamische Lebenspraxis und ihre Regeln sollten das Fundament unserer Ehen bilden.

Darüber hinaus möchte dieses Modell, dass wir unseren Partner verstehen. Und dass diese/r sich von uns unterscheidet, und wir die Liebe zu ihr/ihm durch ihre/seine „Liebessprache“ erlernen müssen. Das heißt, indem wir die Bedürfnisse des anderen befriedigen, nachdem wir sie verstanden haben. Üblicherweise konzentriert man sich an diesem Punkt auf das Geschlecht: Männer wollen Sex, Frauen emotionale Bindung; richtig, oder? Im Ernst, beide wollen all diese Dinge. Es besagt, dass wir die Notwendigkeiten des anderen erfüllen müssen, damit er oder sie glücklich, erfüllt und zufrieden ist.

Vorsicht, hier gibt es Stolperfallen. Erstens, führt die Konzentrierung unserer Ehe auf die die Bedürfnisbefriedigung des anderen oft dazu, dass wir sehr bedürftige Leute werden. Das ist nicht sonderlich anziehend. Häufig jammern wir dann am Ende, werden passiv-aggressiv, wütend, reizbar etc., weil wir wollen, dass unsere Bedürfnisse befriedigt werden. Wann fanden Sie das letzte Mal jemanden anziehend, der sich so verhalten hat? Wahrscheinlich niemals. Ohne es jedoch zu merken, arbeiten wir genau so daran, die gewünschten Ergebnisse in unseren Ehen zu erzielen.

Ein weiteres Hindernis ist Aufrechnen. Wir halten Liebe, Sex, Zuneigung und Hilfe zurück, weil wir das Gefühl haben, dieser „Spielstand“ ist aus dem Gleich­gewicht. Und, um die Dinge noch zu verkomplizieren, hat jeder Partner seine persönliche Abrechnung der Ehe, die vollständig der eigenen, parteiischen Spielleitung unterliegt. Ehegatten halten zurück (oder sie geben mit jeder Menge ­nervigen Seufzern), wenn sie das Gefühl bekommen, ihr Partner nimmt zu viel, ohne die gleichen Mühen aufzuwenden.

Um es zusammenzufassen: Der Hauptaspekt ist schlussendlich, dass die Bedürfnisbefriedigung uns auf den anderen fokussiert und nicht auf uns. Unser Verhalten „wartet“ auf das unseres Partners. Und wird versuchen es auf alle erdenklichen, falschen Weisen, es von ihm/zur erzwingen. Wollen wir unsere Ehen zum Besseren wenden, müssen wir damit anfangen, uns selbst zu ändern. Denn der eigene Wandel ist die schnellste und verlässlichste Methode für Wandel.

Ist unsere Partnerschaft nicht so prickelnd, müssen wir etwas mit ihr machen. Wir sind alles Mitschöpfer/innen unserer Ehen. Es gibt definitiv Dinge, die wir alle tun können, um bessere Gatten beziehungsweise Gattinnen zu sein. Als Muslime sollten wir unsere Hälfte der Verbindung schlussendlich als eine Verpflichtung gegenüber Allah und nicht zu einem Individuum begreifen. Wir haben Allah das Versprechen gegeben, Ehemann oder -frau zu sein. Wenn es zu schwer ist, müssen wir uns Hilfe suchen. In dem Sinne ist Allah der Einzige, der „Buch führt“. Erwachsensein bedeutet, dass wir so handeln, wie wir es nach unseren eigenen Grundsätzen und nach der Taqwa tun – nicht als Reaktion auf das Verhalten eines anderen. Wenn wir nach Prinzipien handeln, wird unser Ehepartner uns widerwillig respektieren müssen und sogar eigene Änderungen zum Besseren vornehmen.

Modell Nummer Zwei
Wir müssen das Konzept „ich will bis ans Lebensende glücklich sein“ überdenken. Ich glaube tatsächlich, dass es dauerhaftes Glück gibt. Und wenn man es erlangt, hat man deutlich besser gearbeitet als die meisten, die in einer unglücklichen Beziehung feststecken.
Aber hier ist die harte Wahrheit. Glücklich bis ans Ende wird langweilig.

Tun wir so, als würden wir romantische Komödien mögen. Und alle (auch du, Bruder) tun es. Wir wollen etwas Würze, etwas Romantik und etwas ­Magisches. Das sind Teile einer menschlichen Erfahrung, nach der wir uns alle sehnen. Wenn dies der schwer fassbare Traum ist, den wir alle haben, dann möchte ich fragen: Warum enden die Geschichten immer in dem Moment, in dem sie glücklich sind?

Will ich damit sagen, dass das Geheimnis einer lebendigen Leidenschaft in ­Unsicherheit (nicht Sicherheit oder Vertrauen) liegt? Genau das. Sicherheit und Vertrauen sind wichtig. Die meisten von uns wissen das. Niemand will das Gegenteil. Aber in langanhaltenden Ehen wird das intime Verlangen lethargisch, wenn eine solche sich zu sehr wie eine warme, gemütliche Bettdecke anfühlt.

Jemals vom verflixten siebten Jahr gehört? Dann führt die gefürchtete „zweite Ehefrau“-Phase manchen Kerl auf eine Heiratsvermittlungswebseite. Das ist der Moment, wenn das glückliche Paar der gemütlichen Bettdecke überdrüssig wird. Sie werden unruhig und wollen wieder ein bisschen mehr Spannung haben für ihr vorhersagbares, schläfriges und sicheres Leben. Es ist, wenn sie die Decke ­abwerfen und eine prickelnde Gänsehaut wollen, die ihnen einen gefährlichen Schauer gibt.

Also, was ist die Lösung? Wir wissen, dass es definitiv nicht Untreue sein kann. Die Lösung für die übergroße Mehrheit der Ehe liegt darin, das Boot mit neu gefundener Echtheit und Intimität zum Schaukeln zu bringen. Viele von uns fühlen sich so wohl, dass wir unserem Partner nicht unser tieferes (manchmal dunkleres) Selbst preisgeben möchten, weil wir uns nicht mit Ablehnung oder Ärger konfrontieren wollen. Die Dinge sind einfach so gemütlich, warum überhaupt etwas sagen? Warum eine Fantasie preisgeben oder Dinge im Schlafzimmer verändern? Zumindest hat man immer noch Sex, richtig? Was ist, wenn Sie Ihrem Ehepartner sagen, dass Sie sich weniger auf die Kinder als auf sich selbst konzentrieren wollen, dann sind Sie auf jeden Fall ein monströser Elternteil, oder?

Wenn wir nicht anfangen, diese Dinge (auf die liebevollste Weise) zu sagen, ­werden sie uns ungewollt einholen. Ehen müssen wachsen und sich verändern. Wir müssen uns öffnen, ohne einander zu beschuldigen, und wenn die Dinge etwas angespannt werden, umso besser. Die Wärme, die durch die Reibung der Authentizität entsteht, wird an den richtigen Ort gelangen, wenn die Menschen reif sein können, um die fragliche ursprüngliche Diskussion zu behandeln.

Daher müssen wir unserem Partner das Gefühl geben, dass er sich sicher fühlen kann, um die Dinge zu teilen, welche die Beziehung unsicher machen. Also können wir als Erstes fragen und anbieten, zuzuhören. Fragen wir unseren Partner: „Erzähl mir etwas von dir, das du mir aus Angst nicht sagen konntest.“ Oder beginnen Sie damit, dem Ehepartner Ihre Fantasien mitzuteilen. Selbst wenn Sie Angst haben, dass diese abgelehnt werden. Wenn Sie etwas stört, seien Sie authentisch (und unterstützend), wenn Sie Ihre Gedanken mit anderen teilen, auch wenn Sie nicht glauben, dass es willkommen ist. Dann handeln Sie danach, auch wenn es sich etwas seltsam anfühlt. Für immer glücklich ist Glück mit etwas Unvorhersagbarkeit, mit einem kleinen Risiko und etwas Spannung. Eine berauschende Ungewissheit, um die Sicherheit auszugleichen. Das passiert nicht einfach so, es muss geschaffen werden.

Modell Nummer drei
Der Prophet sagte, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, die Ehe ist die Hälfte unserer Religion. Aber er sagte nicht, dass unser Ehegatte die Hälfte unseres Dins sei. Das heißt dass wir ohne ihn oder sie nicht unvollständig sind.

Offenkundig ist eine Ehe voller Kompromisse und des Findens eines gemeinsamen Nenners. Zumindest sollte sie das sein. Nimmt sich jemand aus dem Bild, um die Ehe glücklich zu halten, dann kann diese nicht sehr lange gesund ­bleiben. Sie besteht immer aus zwei ­Individuen. Die Schari’a erkannt das an, indem sie die beiderseitigen Kulturen und Gebräuche respektiert. Niemand muss die Identität des Partners annehmen oder im Wesentlichen zu einem Geist seines ehemaligen Selbst werden.

Die Mentalität des „wir müssen eins werden“ ist üblicherweise mit emotionaler Bedürftigkeit verbunden. Jemand, der glaubt, dass wir unsere Individualität, Bemühungen, Gewohnheiten und soziales Leben opfern müssen, ist gefährlich egozentrisch. Mit anderen Worten, was sie eigentlich sagen will: „Je mehr du wie ich wirst und all jene ablenkenden Dinge aufgibst, damit du dich besser auf meine Bedürfnisse konzentrieren kannst.“ ­Solche Menschen sind in Wirklichkeit sehr unsicher. Sie fürchten, den anderen zu verlieren oder durch eine andere ­Person oder Sache ersetzt zu werden.

Die glücklichsten Ehen sind die von zwei Individuen, die Gemeinsamkeiten (was wichtig ist) haben, aber auch jede Menge Differenzen. Sie lesen unterschiedliche Bücher, haben getrennte Interessen und freunden sich mit verschiedenen Menschen an. Das hält eine Ehe frisch. So haben wir Platz, selbst wenn er nur mental oder emotional ist. Dieser Raum ermöglicht es uns auch, einander zu vermissen und wieder zu entflammen, wenn wir die Lücke schließen, was uns das Prickeln gibt. Unterschiede werfen die warme Decke ab, wenn wir uns über diese Unterschiede freuen.

Entscheidend ist, sich nicht bedroht zu fühlen. Zu große Nähe kann genauso toxisch werden wie zu große Distanz. Wir brauchen die richtige Menge ­Abstand, damit wir nicht zu ehelichen siamesischen Zwillingen werden. Wir sollten uns gegenseitig ermutigen, rauszugehen, um Dinge zu verfolgen, die für jeden von uns spezifisch sind, und den anderen davon zu erzählen, ohne dass sie dazu gezwungen werden müssen. Wir sollten unseren Ehepartnern ermög­lichen, ihre persönlichen Leidenschaften zu verfolgen.

Abschließend sei gesagt, dass keine meiner Anmerkungen geschlechtsspezifisch ist und alles gleichermaßen auf Männer und Frauen zutrifft. Persönlich glaube ich, dass wir uns schaden, wenn wir Ratschläge zur Ehe geschlechtsspezifisch machen. Denn zu viele Beziehungsgespräche werden zu einem Geschlechterkampf. Meiner bescheidenen Meinung nach geht es bei den meisten Problemen in der Ehe nicht darum, dass geschlechtsspezifische Unterschiede nicht verstanden werden, sondern dass man sich zu sehr auf sie konzentriert. Ich denke, wenn wir uns stattdessen darauf konzentrieren, reife Erwachsene zu sein, die unseren Din an erster Stelle und unser Ego an zweiter Stelle setzen, sind wir an einem viel besseren Ort.

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