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Nicht hinter jeder Attacke auf Muslime steckt Islamfeindlichkeit. Ein Debattenbeitrag. Von Aiman Mazyek

Trotz Hektik: Differenzierung muss sein

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(iz). Nicht alle Diskriminierungen sind rassistisch motiviert. Und nicht jeder Rassismus kommt von Rechts. Wenn zum Beispiel das Motiv des Rassismus-Tatbestands allein daran festgemacht wird, ob jemand NPD-Mitglied ist oder nicht, dann blenden wir einen großen Teil des Themas einfach aus.

Wenn beispielsweise eine Arbeitgeberin eine Kopftuchdame deswegen nicht einstellt, weil sie ihren Kunden dies nicht zumuten kann, oder angeblich Pöbeleien gegenüber der Muslimin befürchtet, dann wird sie nicht gleich zur NPD-Anhängerin. Dennoch diskriminiert sie damit die Betroffene letztendlich, obgleich ihr Motiv möglicherweise Fürsorge oder gar Mitleid war. Für die Betroffene ist das im Ergebnis dasselbe: Diskriminierung.

Letztlich hat sich die Arbeitgeberin dem öffentlichen und gesellschaftlichen Druck und Vorurteil gebeugt.

Als vor Wochen (kurze Zeit nach dem Mord an Marwa El-Scherbini) in den Niederlanden die Nachricht bekannt wurde, dass eine Kopftuch tragende Kindergärtnerin in Amsterdam ermordet worden war, war die Aufregung in der muslimischen Gemeinschaft groß.

Dennoch haben viele Muslime besonnen reagiert und sind, Gott sei Dank, nicht mit Vorverurteilungen in die ­Öffentlichkeit gegangen, zumal der Mörder flüchtig und das Motiv zunächst unbekannt war. Leider gab es aber auch genug Heißsporne, die bei mir anriefen und uns (den Zentralrat der Muslime) mit wütenden Mails überschütteten und sich beschwerten, warum wir uns nicht äußerten.

Nur wenig später erwies sich die Zurückaltung als richtig: Der Täter war ein türkischer Beschaffungskrimineller, der tragischerweise die muslimische Frau mit Kopftuch als Opfer ausgeguckt hatte. Es ist richtig, wenn Muslime verstärkt auf die zunehmenden Diskriminierungen und Übergriffe aufmerksam machen, dagegen protestieren und deutlich machen, dass sie unter Negativ-Klischees und Stereotypen leiden. Es ist aber nicht richtig, wenn pauschalisiert wird und jede mutmaßliche Diskriminierung oder gar jeder Mord sofort in antimuslimische Kategorien eingestuft wird.

Ich hätte mir dieses vorbildliche ­Verhalten beispielsweise auch von den Gruppen rund um den Prediger Pierre Vogel (dawa-news) gewünscht, als ­diese fast zeitgleich zum Mord an Marwa mit der Kampagne loszogen „Nicht ohne meine fünf Töchter”, als einer Muslima angeblich durch ihren geschiedenen ­jüdischen Ehemann die Kinder gewaltsam entzogen worden sein sollen.

Noch dazu von antisemitistischen Ressentiments beflügelt, schreckte man selbst bei Trauerkundgebungen für Marwa El-Sherbini nicht davor zurück, diesen Fall zu instrumentalisieren und gleichzeitig den Moscheegemeinden mangelnde Solidarität vorzuwerfen. Kein gutes Vorbild für die Umma, die Gemeinschaft der Muslime in Deutschland, war das.

Später haben dann diese Gruppen kleinlaut zugegeben, dass der Fall doch anders lag und sie komplett daneben ­lagen. Das spärliche Eingeständnis kam viel zu leise, viel zu spät angesichts der schrillen und lauten Kampagne zuvor.

Die Kraft der Differenzierung und zur Fairness oder schlichtweg Gerechtigkeit an den Tag zu legen und dabei den kühlen Kopf nicht zu verlieren – das sind die Tugenden auch und gerade in dieser hektischen Zeit. Heißt es doch schon im Qur’an: „Gott ist mit den Geduldigen“, oder „Seid gerecht, das ist der Gottesfurcht näher“.

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