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Nicht jede Rechtsmeinung ist wirklich verbindlich. Prof. Dr. Saffet Köse

Was ist eine Fatwa ? (2)

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(igmg.de). Abgesehen davon ist es auch erforderlich, dass der Mufti die gestellte Frage richtig versteht und gründlich darüber nachdenkt. Die Antwort muss auf eine dem Fragenden verständliche Art, und falls erforderlich unter Benennung der einzelnen Beweise, formuliert werden. Bei der Erstellung einer Fatwa sollte der Weg der Mitte gewählt werden. Es sollte keine Fatwa erteilt werden, wenn nicht das dazu nötige Wissen vorhanden ist. In diesem Fall sollte der Mufti Nachforschungen anstellen, mit Fachleuten beraten oder den Fragenden direkt an diese weiterleiten.

Grundlegende Regeln

Bei Fragen, die eine genaue Kenntnis des vorherrschenden Brauches (‘Urf) und Tradition eines Gebietes und der damit verbundenen Verwendung entsprechender Begrifflichkeiten benötigen, ist es erforderlich, vorerst von einer Fatwa abzusehen. Denn die Bräuche und Traditionen spielen beispielsweise beim Sachverhalt des Eides (Jamin) und der Scheidung (Talaq) eine große Rolle. Eine Fatwa, die unter bestimmten Umständen getroffen wurde, kann an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit völlig irrelevant sein. Beispielsweise hängt es vom Brauch ab, ob der Käufer oder der Verkäufer den Transport der gekauften Ware übernimmt. Die Antwort des Muftis, der zu diesem Thema befragt wird, nachdem der Vertrag abgeschlossen wurde, wird sich an dem Brauch orientieren. Wenn die Bräuche diesbezüglich sich in Hamburg und München unterscheiden, muss auch das Urteil des jeweiligen Muftis unterschiedlich ausfallen. Hier gilt: „Das, was guter Brauch ist, gilt, als wenn es besprochen und beschlossen wurde“1, „Die Tradition ist der Richter“2 und „die Sitten der Menschen sind wie Beweise, nach ihnen soll gehandelt werden.“3 Genauso muss etwa der Vermieter seine zu vermietende Wohnung möblieren, wenn es in dieser Region üblich ist, diese ausschließlich möbliert zu vermieten, auch wenn dies nicht gesondert im Mietvertrag erwähnt wird. Grundsätzlich muss der Mufti auch darauf achten, dass die Fatwa nicht miss­braucht wird, sie beispielsweise für andere Situationen als den dafür vorgesehenen anwendet. Ebenso muss gewährleistet werden, dass die Fatwa nicht ihren Rahmen überschreitet und zu Ergebnissen führt, die nicht beabsichtigt sind.

Der Fragende (Mustafti)

Der Fragende muss eine gute Absicht haben, das heißt, nichts anderes im Sinn haben als das religiöse Gebot bezüglich seiner Frage zu erfahren, um diese ­anzuwenden. Eine Fatwa zu erfragen, um das Wissen eines anderen zu testen, jemanden bloßzustellen oder die Fatwa für unrechte Zwecke zu missbrauchen, ist nicht richtig und erst recht nicht ­tugendhaft.

Wenn es mehr als einen Mufti gibt, den man fragen kann, muss man – nach der Mehrheit der Gelehrten – nicht prüfen, wer mehr Wissen besitzt, sondern kann sich an den Mufti seiner Wahl wenden. Dies, weil im Qur’an angeraten wird, die Wissenden zu fragen, falls man etwas selbst nicht weiß ([16:43][21:7]). Sogar die Rechtsschule spielt hier keine große Rolle, denn in den Rechtsbüchern heißt es: „Die Fatwa des Muftis ist die Rechtsschule des einfachen Mannes.“4 Denn solche Urteile, die auf dem Wege der eigenen Entscheidungsfindung ermittelt werden, zählen nicht zu den eindeutigen Geboten des Islams, können also nicht als der genaue Wille Gottes betrachtet werden. Dieser Aspekt, der die Beziehung der Gelehrten verschiedener Rechtsschulen prägt, wurde wie folgt formuliert: „Die Ansicht unserer Rechtsschule ist richtig, kann möglicherweise aber auch falsch sein. Die Ansicht der anderen Rechtsschule ist falsch, kann aber möglicherweise auch richtig sein.“ Demgemäß kann von keinem Urteil/Idschtihad behauptet werden, dass sie die absolut richtige Antwort sei. Jede Entscheidung, die den Voraussetzungen entsprechend gefällt wird, hat aber einen Platz in der Religion und bei Allah. Deshalb kommt der Fragende seiner Verantwortung zur Genüge nach, wenn er sich an der Fatwa des Muftis orientiert, ohne die Gründe seiner Entscheidung zu kennen. Wie muss der Fragende handeln, wenn er verschiedene Antworten von verschiedenen Muftis bekommen hat? Da der Fragende nicht die Fähigkeit hat, das Wissen des jeweiligen Muftis zu beurteilen, kann er sich an den Mufti halten, dem er zugeneigt ist und dessen Fatwa ihm zuspricht.

Falls der Fragende den Mufti auf irgendeine Art und Weise beeinflusst hat, um die erwünschte Fatwa zu erhalten, und sollte dies sein Gewissen belasten, dann sollte er in sich kehren und die Fatwa nicht missbrauchen. Der Mufti kann seine Entscheidung nämlich nur auf der Grundlage der ihm vorgebrachten Informationen fällen. Wenn der Fragende den Mufti nicht über alle nötigen Dinge in Kenntnis setzt oder ihn auf eine andere Art beeinflusst, kann die Fatwa nicht als rechtsgültige Antwort auf die Frage angesehen werden. In diesem Sinne ist der folgende Hadith zu verstehen: „Auch wenn die Muftis dir eine Fatwa geben, solltest du die Fatwa deines Herzens befolgen.“5

Fußnoten:
1 Medschelle (osmanischer Gesetzeskanon), ­Paragraph 43
2 Medschelle, Paragraph 36
3 Medschelle, Paragraph 37
4 Vgl.: Ibni Nudschajm, al-Bahrur raik, Beirut, II, 316
5 Ahmad bin Hanbal, I, 194

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