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Niedersachsen: IZ-Gespräch mit Wolf Ahmed Aries über Pläne an der Universität Osnabrück

Soll der Staat Imame ausbilden?

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(iz). Niedersachsen will muslimische Geistliche ausbilden und im kommenden Jahr damit bundesweit Neuland betreten. Bisher kämen die Imame meist aus der Türkei, blieben nur drei Jahre und seien schlecht integriert, sagte Landesinnenminister Uwe Schünemann (CDU) in Hannover.

Ein Weiterbildungs-Studiengang soll zum Wintersemester 2010 an der Universität Osnabrück angeboten werden. Eine Imam-Ausbildung an deutschen Fakultäten sei für eine bessere ­Inte­gration von Muslimen von enormer Bedeutung, so Schünemann. Unklar ist , wie die Muslime de facto an der inhaltlichen Ausgestaltung der Ausbildung beteiligt werden. Im Oktober werde es Gespräche mit muslimischen Verbänden über das Vorhaben geben, kündigte der Minister an.

Für mehr Hintergründe und die Sicht der Muslime auf das Projekt sprachen wir mit dem Publizisten, Dozenten und Bildungsfachmann Wolf D. ­Ahmad Aries aus Hannover.

Islamische Zeitung: Das Bundesland Niedersachsen will ab 2010 Imame ausbilden. Was ist Ihre erste Reaktion dazu?

Wolf D. Ahmad Aries: Als ich die Meldung zum ersten Male las, da dachte ich nur: endlich!

Islamische Zeitung: Dass Imame in Deutschland geschult werden sollen, wünschen sich viele Muslime seit Langem. Doch wie sehen sie die Involvierung des Staates in diese Ausbildung – beispielsweise in Person des niedersächsischen Innenministers, der auf der anderen Seite unter anderem durch verdachtsunabhängige Polizeikontrollen in Moscheen sehr umstritten ist?

Wolf D. Ahmad Aries: Der niedersächsische Innenminister ist auch für die Integration federführend. Er muss daher die Integration als Querschnittsaufgabe mehrerer Ministerien koordinieren. Dabei wird er sich nicht über die gültige Gesetzeslage hinwegsetzen.

Das Bundesland Niedersachsen muss daher die Hochschulautonomie respektieren und die grundgesetzlich gesicherte Lehrfreiheit der Lehrstuhlinhabers.

Er hat daher kaum Eingriffsmöglichkeiten. Eine davon betrifft die Koordination der Ausschreibung eines Lehrstuhles, eine andere die Liste der Einzuladenden und schließlich die Bestätigung der Berufung. Alle drei Möglichkeiten sind nur in Absprache mit der Hochschule nutzbar. Danach endet jeglicher Einfluss, wie der Fall Münster zeigt.

Islamische Zeitung: Wäre ein drittes Modell denkbar – Ausbildung in Deutschland ja, aber in Trägerschaft muslimischer Institutionen und ohne staatliche Einflussnahme?

Wolf D. Ahmad Aries: Der Verband Islamischer Kulturzentren (VIKZ) und manche Tariqa bilden bereits seit Jahren für die eigene Klientel aus, ohne dass diese Imame ein Chance haben, von anderen Moschee-Vereinen oder gar von den Schulbehörden als Lehrer übernommen zu werden.

Ich halte jedoch diesen traditionellen Weg nicht nur deswegen für wichtig, weil mit ihm die Silsila bewahrt wird, sondern auch um des Diskurses der Muslime selber Willen. Schließlich ist die Vielfalt eine Barmherzigkeit.

Islamische Zeitung: Was könnten in Deutschland ausgebildete Imame verändern? Oder wären nicht auch im Ausland ausgebildete, sofern sie denn Deutsch können und lange genug hier leben, um die Gesellschaft zu kennen (und nicht nach wenigen Jahren ­abberufen werden wie beispielsweise bei der DITIB) mehr oder weniger ebenso gut geeignet?

Wolf D. Ahmad Aries: Im Grunde genommen ist das Modell der DITIB trotz aller Nachbesserungen gescheitert. Der normale DITIB-Imam ist weder zum theologischen noch gesellschaftlichen Dialog fähig. Da helfen Vorzeigepersönlichkeiten gleich unserem Bruder Bekir Alboga wenig. Umso mehr schätze ich seine Bemühungen.

Imame, die an einer deutschen Hochschule studieren werden, werden erst in fünf bis acht Jahren den Moschee-­Vereinen zur Verfügung stehen. Sie werden sich dann um eine Stelle bei Vereinsvorständen bewerben, die der zweiten oder dritten Generation angehören, das heißt die hier geboren wurden, zur Schule gingen und ihre Berufsausbildung abschlossen. Diese Muslime haben anderen Fragen als die Einwanderergeneration; und sie werden an zahlreichen Orten auf der bisherigen Dialogarbeit aufbauen können. Vereinsintern werden die Imame sich verstärkt dem widmen, was man als seel­sorgerische Arbeit nennen sollte. Dazu gehören Schulschwierigkeiten ebenso wie die Aufarbeitung der Erfahrungen von Diskriminierung und Demü­tigung, oder die Bewältigung der Vereinsamung älterer Muslime in Altenheimen und Krankenhäusern.

Unklar erscheint mir die Problematik der Weiterentwicklung der islamischen Orthopraxie, die unser Glaubensleben stärker beeinflusst als irgendeine Art von Kalam-Diskussion. Und sie werden vor der Aufgabe stehen, der Verdrängung der Gläubigkeit aus der Öffentlichkeit in der Weise zu widerstehen, dass die Muslime als Staatsbürger islamischen Glaubens sich in der Gesellschaft durchsetzen können.

Islamische Zeitung: Unabhängig von der Frage der Trägerschaft, was wäre aus Ihrer Sicht für eine Imamausbildung hierzulande inhaltlich wichtig?

Wolf D. Ahmad Aries: Inhaltlich wird es zuerst darauf ankommen, die Breite eines islamischen Studiums an einer islamischen Hochschule in der Weise zu reduzieren, dass in Deutschland arbeitsfähige Imame ausgebildet werden können. An der Universität Osnabrück sind die ersten Schritte dazu getan worden, indem man dort zwei Professuren aufbaut: Eine für Religionspädagogik und eine weitere für Religionssoziologie. Der nächste Schritt wäre eine Professur für Kalam, so dass unter anderem terminologische Fragen geklärt werden können.

Um dialogfähig zu werden, müsste der künftige Imam in der Lage sein, sich mit der deutschen Geschichte und ihren Katastrophen geistlich auseinanderzusetzen, das heißt beiden Totalitarismen und der Shoa, die zur Zeit von vielen als rein christliches, deutsches Problem gesehen wird.

Es ist zu vermuten, dass im Zuge des so angestoßenen Prozesses eine (schmerzhafte?) Ablösung von den Ursprungsgesellschaften der Einwanderergeneration erfolgt, die die Imame werden begleiten müssen.

Islamische Zeitung: Lieber Wolf D. Ahmad Aries, vielen Dank für ihre Antworten.

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