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Niedersachsens Landesregierung will stärkere Bindungen zwischen Industrie und Migranten. Von Wolf Ahmed Aries

Muslimische Jugendliche gesucht

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(iz). Drei niedersächsische Ministe­rien hatten zu einem ­Gespräch mit anschließender Pressekonferenz geladen, um ein neues Integra­tionsprojekt zu initiieren beziehungswei­se vorzustellen. Wie wichtig ihnen ihr neuer Schritt war, zeigte die ­Anwesenheit aller drei Amtschefs: die Integrationsministerin Özgan, Wirtschaftsminister Bode und Kultusminister Althusmann. Trotzdem waren nicht alle Stühle in der Pressekonferenz besetzt.

Beim vorangegangenen Gesprächen hatten sich die Minister mit Unternehmen und niedersächsischen Verbänden über integrative Ansätze in der Berufsausbildung unterhalten. Dabei war es interessant, dass man zwar die Vertreter türkische Unternehmer (BTEU), der türkischen Gemeinde und Lehrer dazu ­gebeten hatte – aber die türkischen bezie­hungsweise arabischen Unternehmer ­selber fehlten.

Das gleiche galt für die Kirchen und muslimische Gemeinschaften wie der Schura Niedersachsen, den orthodoxen Kirchen beziehungsweise den ­nationalen Seelsorgern innerhalb der niedersächsischen Bistümer. Und es hätte sich sicher­lich gelohnt, von ihnen zu erfahren, wie man die Eltern der Jugendlichen erreichen will, die ihre schulische und beruf­liche Ausbildung abbrechen mussten. Die am Gespräch beteiligten Ministeri­en und Verbände ließen diese Frage offen. Dabei zeigte die Erfahrung, dass die Seelsorger aller Glaubensgemeinschaften am ehesten die Eltern erreichen ­könnten.

Denn die Vorstellung, die Zahl der Schulabbrecher zu reduzieren, ist zwar nicht neu, aber sie könnte dieses Mal in der hier vorgestellten Kombination Erfolg haben, wenn, ja wenn nicht nur das Wirrwarr (der ministeriellen Projekte, Initiativen von Bundesministerien, Landesministerien, Verbänden etc.), wie die drei Ministerien es hier ankündigten, durchsichtiger würden. Dafür sollen ­regionale „Gesprächskreise“ geschaffen werden, die über Ministerien und Orga­nisationen hinweg eine Zusammenarbeit ermöglichen sollen.

In diesem technokratischen Verfahren gab es einen Lichtblick, als der ­Vertreter der Industrie berichtete, dass einzelne Unternehmen Schüler der Abgangsklassen aus den Haupt- und Realschulen in die Betriebe eingeladen hätten, wo sie Mit­arbeiter mit Migrationshintergrund kennenlernten, die ihnen etwas vom ­Arbeitsleben erzählen konnten.

Hier kam ein Faktor zum Vorschein, der in Verwaltungsvorgängen meist zu kurz kommt: Vertrauen. Es sind eben nicht nur um Potentiale, die es auszuschöpfen gälte, wie es aus dem Wirtschaftsministerium hieß, sondern es geht um junge Menschen und ihre Eltern. Sie stehen vor der Vielfalt möglicher Ausbil­dungsberufe – es sollen über dreihundert sein – meist irritiert gegenüber. Bei ­einem Betriebsbesuch und in der Begegnung mit einem Kollegen, der die gleiche Sprache spricht, kann am dort zu sehenden Arbeitsplatz Vertrauen entstehen, sodass der Haupt- beziehungsweise ­Realschüler und seine Eltern sich sagen können, dass kann ich beziehungsweise das kann er auch leisten. Der muslimische Jugendli­che von heute ist nicht nur ein ­Potential, um dem Fachkräftemangel zu begegnen, sondern der Angehörige einer deutschen Glaubensminderheit, der Verständnis und Vertrauen erwartet.

Ein anderer Ansatz, der auch nicht neu ist, war der vorgetragene Gedanke, ­Lehrer in die Betriebe einzuladen, damit diese das industrielle Arbeitsleben kennenlernen. Warum tut man dies nicht mit den Imamen und Seelsorgern, die den Eltern 1in ihren Predigten, persönlichen Gesprä­chen Mut machen können, ihre Kinder zu einem Lehrberuf zu raten und nicht gleich auf das „große“ Geld zu schauen? Und wenn die Berichte richtig sind, werden muslimische Jugendliche am häufigsten in mittelständischen Betrieben diskriminiert, sodass die entsprechenden Verbände ihr Mitgliedsfirmen über ande­re Glaubenswelten informieren sollten. Schließlich ist ein fastender Lehrling kein Betriebshindernis. Und es stört das Betriebsklima nicht, wenn der muslimische Lehrling beim Betriebsfest kein Bier trinkt.

Die interministerielle Initiative belegt, dass die Integration im beruflichen ­Alltag angekommen ist, was der demographische Wandel wohl erzwungen hat. Aber es wird noch eine Weile dauern, bis die Sozialpartner, einschließlich der Gewerk­schaften, das Phänomen akzeptiert und verarbeitet haben werden. Die Leiterin der Abteilung Integration Erpenbeck meinte abschließend, dass man in Niedersachsen weit vorangekommen sei.

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Wolf D. Ahmed Aries

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