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Noch streiten wenige über einen politischen Entwurf jenseits der Nationalstaaten – warum?

Vor und nach der Nation

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(iz). Gibt es eine künftige Ordnung, ein Nomos, jenseits der Existenz von Nationalstaaten? Für uns Muslime stellt sich diese Frage angesichts des andauernden Zusammenbruches zahlreicher Nationalstaaten dringender denn je. In den Krisenregionen Palästina, Syrien oder auf dem Balkan drohen dabei entweder Chaos, anhaltende Bürgerkriege oder aber das Scheitern demokratischer Spielregeln und neue Formen der Diktatur.

Fest steht: seit die Nationalstaaten und ihre willkürlichen Grenzziehungen aus der Kolonialzeit erschüttert sind, scheinen auch Muslime ihre alte soziale Kompetenz verloren zu haben. Die Tradition multi-ethnischer und multi-konfessioneller Gesellschaften droht in der islamischen Welt unterzugehen. Muslime sind dann entweder selbst Opfer der Diktatur von Minderheiten, oder sie kopieren, wenn sie die Macht erringen, die Idee totaler Raumbeherrschung mitsamt der Verdrängung Anderer und etablieren so selbst neue Praktiken der Unterdrückung.

Für Muslime sind diese Tendenzen mehr als verstörend, war es doch über Jahrhunderte möglich, mit Minderheiten harmonisch oder zumindest geordnet zusammenzuleben, ohne die Integrität der jeweilig Anderen in Frage zu stellen.

Es ist an der Zeit, die eigentliche, vorstaatliche Geschichte des Islam in Erinnerung zu rufen, zu studieren und so vielleicht eine neue Möglichkeit echten Friedens zu entwickeln. Gerade die verheerenden Zustände im ehemaligen Syrien, das Fehlen jeder friedensstiftenden Vision, lassen den Beobachter fragen, wie denn eine künftige Ordnung eigentlich aus islamischer Sicht aussehen könnte.

Hier gibt es leider noch nicht einmal eine konstruktive Diskussion darüber, wie sich Muslime, seien sie in der Mehrheit oder in der Minderheit, diese Zukunft vorstellen. Dabei ist klar, dass die totalitäre Ideologie des sogenannten „Islamischen Staates“ sich nicht auf das ursprüngliche Modell des „leben und leben lassen“ der Muslime berufen kann, dass die Konzeption eines Staates dieser Organisation sich weder auf die Grundsätze des vor-staatlichen Islam berufen kann, noch ihre Ideologie eine akzeptable Option für die Minderheiten der Region darstellt. Die Philosophie globalen Handels, als die eigentliche Dynamik jeder islamischen Geschichte, wird ein auf Krieg getrimmter „Gottesstaat“ sowieso kaum fortführen können.

In der islamischen Historie gibt es natürlich zahlreiche Lehrbeispiele des Zusammenlebens unterschiedlicher Religionen und Kulturen. Es sind nicht nur Muslime, die sich interessiert gerade diesem Wissen zuwenden. Der griechische Autor Nicholas Doumanis stellt zum Beispiel in seinem Buch „Vor der Nation“ die Konzeption des interkommunalen Zusammenlebens im Osmanischen Reich vor. Der Historiker geht der Frage nach, wie es möglich war, dass Modelle friedlicher Koexistenz sich im Zeitalter des Nationalismus plötzlich, scheinbar „über Nacht“, auflösten. Der Autor hat diesbezüglich in den griechischen Archiven tausende Zeugenaussagen von Exilgriechen untersucht. Der weit verbreitete Tenor dieser Zeitzeugen war es, das lokale Zusammenleben mit den türkischen Muslimen über lange Zeit als ausgesprochen gut und vertrauensvoll zu bezeichnen. Bis zum Ausbruch des Nationalismus waren sogar viele orthodoxe Griechen bewusst nach Anatolien ausgewandert, um dort nicht nur ein gutes ökonomisches Leben zu leben, sondern auch, um ohne Probleme mit anderen Kulturen zu koexistieren. Der Abenteurer Fred Burnaby berichtete als Zeitzeuge, dass er eine große Harmonie zwischen Türken und Christen beobachtet habe und dass, wo immer er mit Muslimen gegessen habe, beispielsweise auch Armenier am Tisch gesessen hätten.

Doumanis beschreibt so sehr eindrücklich diese Geschichten der osmanischen Gesell- und Gemeinschaften, in deren Mittelpunkt zunächst lokale, multi-ethnische Zusammenhänge und eine Struktur autonom agierender Konfessionen standen. Vor dem ersten Weltkrieg gab es immerhin bis zu 380 griechisch sprechende Dörfer in Anatolien.

Natürlich gab es in den letzten hundert Jahren des osmanischen Reiches auch in der Bevölkerungspolitik einen großen Veränderungsdruck. In der Reformzeit 1839-76 (Tanzimat) versuchte die Regierung unter dem Eindruck der europäischen Nationalstaatsbewegung zunächst eine „osmanische“ Staatsbürgerschaft zu schaffen, die aber auch ausdrücklich Nicht-Muslime in den neuartigen Patriotismus einschloss. Bis in die so genannte Belle Époque (1890-1912) hinein, finden sich jedenfalls zahlreiche Beispiele gelungenen Zusammenlebens und der Gewährung von größtmöglicher Autonomie für diverse Minderheiten. Die Logik von einer Nation, einem Volk und einem Glauben blieb dieser Epoche wesensfremd.

Im Kern ist das Konzept der Koexistenz einfach beschrieben. So hatten christliche Gemeinschaften größtmögliche Autonomie, man kannte sich auf lokaler Ebene persönlich, respektierte gegenseitige Feiertage und gestand jeder Konfession ihre entsprechende Infrastruktur zu. Die Inhalte der modernen Ideologien, die am Horizont erschienen, bestimmten den Alltag der Menschen noch nicht direkt. Hochrangige Priester und respektable Imame kümmerten sich im Notfall um eine direkte Konfliktbewältigung und lehrten auch den entsprechenden Respekt vor den Riten der anderen Gläubigen.

Wesentliche Probleme entstanden erst, als die großen politischen Ideen doch in das Leben vor Ort hereinbrachen. Zunächst war zwar auch der politische Arm der sogenannten „Jungtürken“ in ihrer Opposition zu den alten Herrschaftsstrukturen an der erfolgreichen Einbindung der nichtmuslimischen Minderheiten interessiert. Aber – so berichtet Doumanis aus zahlreichen Interviews – das Klima des Zusammenlebens änderte sich dennoch. Die neue Bewegung politisierte und zentralisierte schrittweise das gesellschaftliche Leben. Es ging nun um politische Macht und das säkulare „Komitee für Einheit und Fortschritt“ mischte sich nun zunehmend in die lokalen Angelegenheiten ein.

Die Balkankriege und die Berichte über ihre menschlichen Abgründe mobilisierten in der Propaganda zunehmend Freund und Feind. Die Dominanz des lokalen Geschehens ging letztlich auf ihr Ende zu, künftig sollten Nationalstaaten und ihre Ideologien das politische und moralische Geschehen auf eine zentralere Ebene führen.

Überhaupt setzte sich in der islamischen Welt die Idee der Nation, als eine fiktive Einheit von Staatsvolk und Territorium, gegenüber den dezentralen Konzepten der ehemaligen Vielvölkerstaaten durch. Begünstigt wurde dieser Trend durch die Innovationen der Finanztechnik, einer neuen Infrastruktur und dem Spiel neuer Medien.

Im Rahmen der Zentralisierung war es entsprechend schwer, die lokalen Gemeinschaften und ihre unmittelbaren Beziehungen als die Schwerpunkte des alltäglichen politischen Lebens zu halten. Die aktive Verfolgung von Minderheiten wurde dann später von Trupps ausgeführt, die aus den Hauptstädten in die Provinz gesendet wurden.

Angesichts des Zusammenbruchs der nationalstaatlichen Grenzen des Irak, Syriens oder Libyens dieser Tage, ist die Frage nach der Möglichkeit dezentraler Ordnungen wieder überaus aktuell. Noch gibt es den Flickenteppich unterschiedlicher Völker und Konfessionen, auch wenn die Angst steigt, dass die verschiedenen Konfliktparteien eines Tages nur noch das Konzept ethnischer Säuberungen als ihre Lösungsmodelle für Konflikte zwischen Ethnien und Konfessionen praktizieren können. Fakt ist aber, dass in Ost und West die Homogenität von Bevölkerungen, nach Immigration, Flucht und Vertreibung gleichzeitig endgültig und alternativlos in Frage steht. Gerade Muslime sollten sich also erinnern, dass der Nationalstaat und seine starren Grenzen zumindest für sie eine relativ neue Erfindung sind.

Hat Michael Wolffsohn Recht, wenn er heute sogar behauptet „die Vorstellung von der Dauerhaftigkeit unserer Staatenwelt mit seinen willkürlichen Grenzen“ sei „absurd“? In seinem neuen Buch „Zum Weltfrieden“ beschäftigt sich der Historiker einmal mit einem politischen Entwurf, der einsieht, dass es angesichts globaler Technik, Ökonomie und politischer Unordnung an der Zeit ist, eine Zeit jenseits der Nationalstaaten zu denken. Egal wie man hierzu steht, gerade das Beispiel Syrien zeigt, dass auch der Westen den nihilistischen Bürgerkrieg nicht auf Dauer ohne Konzepte der Befriedung beobachten kann. Es wird aber kaum möglich sein, einfach die alten Grenzen wieder aufzubauen.

Wolffsohn setzt gegen den unerschütterlichen Fatalismus der Anhänger von Nationalstaaten eine neue Konzeption des Föderalismus, eine Sicht, die, je nach örtlicher Lage, auf gruppenbezogene und territoriale Selbstbestimmung innerhalb und gegebenenfalls zwischen Staaten setzt. Nach dieser politischen Philosophie kann es nur Frieden geben, wenn alle gesellschaftlichen Gruppen aktiv an Entscheidungsprozessen beteiligt werden.

In einigen klugen Kapiteln zeigt Wolffsohn dann auch die geopolitische Komplexität der Wirklichkeit zahlreicher alter und neuer Staaten auf, gerade wenn man davon ausgeht, dass alle Gruppen nicht entpolitisiert werden können, sondern auch weiter auf territoriale oder personale Selbstbestimmung setzen. Hier gibt es bei der Betrachtung der Schicksale von Kurden, Basken oder Palästinensern durchaus Gemeinsamkeiten, vor allem die, dass jede nationalstaatliche Ideologie, wenn sie als einzige denkbare Politik gilt, in vielen Regionen in Bürgerkriegen und Feindschaften enden muss. Alle größeren Nationalstaaten dieser Erde können durchaus implodieren, weil sich Menschen eben nicht nur als Menschen, sondern auch als Träger von Traditionen, Rechten und Konfessionen sehen. Die Deckungsgleichheit von Demografie, Kultur, Konfession und Geografie ist bei genauerem Hinsehen eher ein Ausnahmefall der Geschichte.

Der Föderalismus im Sinne Wolffsohns ist also ein notwendig flexibles Modell, das, wenn möglich, dezentral Territorien zuteilt, oder im Notfall zumindest personenbezogene Sonderrechte. Nötig ist also eine kreative Ordnungspolitik, die in Kantonen, Föderationen oder Staatenbünden denkt und die als eine Maxime darauf setzt, dass sich jede Minderheit auch politisch geschützt und repräsentiert sieht.

Nicht zu überlesen ist dabei, dass Wolffsohn auch für die Bundesrepublik neue Herausforderungen sieht. Im Kern geht es hier darum, ob die Präsenz der Millionen Muslime hier auf der Mehrheitsseite einen neuen Nationalismus mit fatalen Folgen auslösen könnte und die Minderheitenseite sich zunehmend als bevormundet und unterdrückt erfährt. Keine Lösung ist dabei für den Historiker die Schaffung eines Staatsislam, eher schon die gelassene Beobachtung eines neuen muslimischen Selbstbewusstseins. „Eines Tages“, so Wolffsohn, „werden Muslime sich die Freiheit nehmen, ihre eigenen Institutionen und Parteien zu gründen“ und ihre legitimen Anliegen gruppenbezogen, aber friedlich, in das föderale System einbringen. Die politische Lage ist so in allen Weltgegenden komplizierter geworden, hoffnungslos ist sie aber nur, wenn sich die politischen Systeme nicht flexibel weiterentwickeln.

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