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Nordafrika: Die Polisario auf dem Sterbebett?

Die jungen Generationen lassen sich nicht mehr von den alten Slogans beeindrucken. Hintergründe von Azzadine Karioh

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Foto: Jaysen Naidoo, Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 2.0

(iz). Auf dem EU-Afrika-Gipfel, der seinen ­Abschluss am 30.11.2017 in Abidjan (Elfenbeinküste) fand, kam sich der Polisario-Führer Brahim Ghali sicherlich wie das fünfte Rad am Wagen vor. Die Staats- und Regierungschefs schenkten ihm keinerlei Beachtung. Kenner des afrikanischen Kontinents verwundert es nicht: die Polisario hat sich mittlerweile völlig ins Abseits geschossen.

Die kommunistische Frente Polisario rief am 27. Februar 1976 die „Demokratische Arabi­sche Republik Sahara“ (DARS) aus, um der internationalen Staatengemeinschaft ihren Sezessionswillen zu demonstrieren. Als Able­ger der Polisario ist dieser ausgerufene „Staat“ organisatorisch und personell unauflöslich mit der Front verflochten. Einen losgelösten Staat, der das Gebiet der Westsahara umfasste, oder einen Staat mit dem Namen DARS oder Ähnliches hatte es bis dato in der gesamten Geschichte Nord-Westafrikas nicht gegeben. Es sollte also von Anfang an ein künstlicher Staat entstehen. Bis heute hat die internationale Gemeinschaft – zu Recht – die Anerkennung der von der Polisario ausgerufenen DARS verweigert. Kein einziges europäisches oder nordamerikanisches Land hat sie bisher anerkannt.

Die anfängliche Anerkennung wurde von mehreren dieser Staaten inzwischen wider­rufen beziehungsweise bis auf weiteres ausgesetzt. Ihre Anwesenheit beim EU-Afrika-Gipfel hat die Polisario allein dem Umstand zu verdanken, dass sie auf Betreiben Algeriens in der AU aufgenommen wurde.

Hinzu kommt ihre Verstrickung mit dem internationalen Terrorismus: Das Bild der Poli­sario, welches dem Ausland bisher insbesondere seitens Algeriens und deren Sympathisanten zu vermitteln versucht wird, fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Man liest in letzter Zeit nur noch über ihren Zusammenhang mit Entführungen und Terrorismus. In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche – voneinander unabhängige – Berichte veröffentlicht, wonach die Organisation aktiv an kriminellen Machenschaften und Schmuggel beteiligt sei. Die Polisario hat unter ­anderem Einnahmequellen aus Waffen- und Drogenschmuggel erschlossen. Die „Washington Times“ notierte in ihrer Ausgabe vom 17. Mai 2005, dass sie „als Feind der ­Zivilisation zu betrachten ist und die marokkanischen Kriegsgefangenen dazu benutzt, um von der ausländischen Hilfe der NGOs zu profitieren“. Gleichzeitig unterstützte die „Washington Times“ einen Aufruf, der die damalige amerikanische Außenministerin aufforderte, die Frente Polisario endlich auf die Terror-Liste „TEL“ (The Terrorist Exclusion List) zu setzen.

Es verwundert daher nicht, dass Polisario, die sowohl vom Organisationsaufbau her als auch im Hinblick auf das sozialistisch geprägte Programm keinerlei demokratische Strukturen aufweist, keine wirkliche Anerkennung auf internationaler Ebene finden konnte. Sie wurde zwar von der UNO als politische Vertretung der sahraouischen Bevölkerung anerkannt, sie besitzt jedoch (anders als etwa die palästinensische PLO) nach wie vor weder eine Repräsentation noch einen Beobachterstatus in dieser Organisation. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, woher sie ihre Legitimation überhaupt herleitet. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Anerkennung der Polisario als politischer Repräsentant nicht bedeutet, dass keine anderen weiteren Repräsentanten der Sahraouis anerkannt werden können. Sie kann somit weder eine Exklusivität, noch ein Ewigkeitsrecht für sich beanspruchen.

Während in den 1970er und 1980er Jahren die Bevölkerung in den Lagern mit leeren Versprechungen hingehalten wurde, verflog spätestens seit den 1990er Jahren der Glaube an eine bessere Zukunft. Bis dato ließ die Aussicht auf eine bessere Zukunft die katastrophalen Verhältnisse und die in den Lagern herrschenden sozialen Ungerechtigkeiten erträglicher erscheinen. Die neuen Generationen in den Lagern lassen sich jedoch von den alten Hinhaltetaktiken nicht mehr beeindrucken, da die Korruption und Unterschlagung von internationalen Hilfen unter dem Führungskader der Polisario längst überhandgenommen haben und keine zukunftsorientierte Vorwärtsbewegung erkennbar ist. Die vorher­sehbare Perspektivlosigkeit führte zu einer Neubewertung der eigenen Geschichte. Spontane Erhebungen von jungen Sahraouis in den Lagern von Tindouf gegen die schreiende Ungerechtigkeit gehören in den letzten Jahren mittlerweile zum Alltag. Es kommt immer mehr zum Aufruhr.

Das korrupte, abgewirtschaftete und historisch völlig überholte System der Polisario ist resistent gegen Reformen jeglicher Art. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: Die Mitglieder der Führung fürchten um den Status, den sie gegenwärtig beanspruchen. Neben der uneingeschränkten Reisefreiheit genießen die Spitzenfunktionäre ein gewisses Prestige innerhalb der Lager. In materieller Hinsicht steht ihnen darüber hinaus ungehinderter ­Zugang zu den finanziellen Mitteln zur Verfügung. Sie sind es, die sich westliche Produk­te und einen europäisch-amerikanischen ­Lebensstil leisten können. Diese Tatsache führt mangels Kontrolle von außen zur willkürlichen Verteilung der internationalen Hilfsgüter und -mittel.

Die Führung fürchtet nichts so sehr wie eine Änderung der herkömmlichen Sozialordnung innerhalb der Lager, die ohnehin durch die vermehrten Widerstände der letzten Jahre in ihren Grundfesten wankte. Eine absolute Minderheit der Lagerbewohner, die eine Funk­tion innerhalb der Organisation ausübt oder zumindest eine persönliche Nähe zur Führung der Polisario aufweist, spaltete sich materiell rasch von der Mehrheitsbevölkerung in den Lagern ab. Es kam zu einer schleichenden Zwei-Klassen-Gesellschaft. Reformen wurden schlichtweg verschlafen. Die Kämpfe innerhalb der Polisario haben die Situation weitgehend unbeherrschbar gemacht. Unglücklicherweise verschwinden Unrecht und Kriegslüsternheit nicht von selbst: Sie müssen von allen Betroffenen bekämpft werden. ­Dafür ist die Zeit jetzt reif.

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