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Norwegens Tragödie: Es ist am besten, sie nicht zum Instrument der Debatte zu machen, meint Sulaiman Wilms

Der Islamist, der keiner war

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(iz). Nachdem die grauenhaften Untaten in Norwegen bekannt wurden, hielt Europa kurzzeitig dem Atem an. So mancher „Experte“ befürchtete, die Ereignisse – die an die Anschläge von London und Madrid erinnerten – markierten die „Rückkehr des Terrors nach Europa”. Später, nachdem die norwegischen Ermittler den mutmaßlichen Täter festnahmen, wurde verlautbart, dass es sich dabei nicht um den erwarteten muslimischen Extremisten handelt.

Sollte sich die bruchstückhafte deutsche Berichterstattung – über deren abgrundtief schlechte Qualität endlich öffentlich debattiert werden muss – bewahrheiten, dann wurde der gebürtige norwegische Attentäter auch von anti-muslimischen Einstellungen angetrieben. Auf SPIEGEL-online war die Rede von „christlichen“, „konservativen“ und „anti-muslimischen“ Meinungen des mutmaßlichen Terroristen. Andererseits soll der Mann gleichzeitig ein begeisterter Leser des Philosophen Kant gewesen sein. Diese buntscheckige Mischung des Mannes macht eine einfache Kategorisierung bisher schwierig.

Relativ schnell nach Bekanntwerden des unerwarteten Sachverhalts fanden sich erste Stimmen, unter anderem auch muslimische Blogger, die einen Zusammenhang zwischen den Einstellungen des mutmaßlichen Terroristen und einer evident vernetzten „islamfeindlichen Szene“ auf europäischer Ebene herstellten, und dementsprechend argumentierten. Über die europäische Islamkritik lässt sich vieles sagen (siehe hierzu auch die kommende Ausgabe der Islamischen Zeitung) und ihr muss begegnet werden, die blutige Tragödie Norwegens aber darf allein schon aus Gründen der Pietät nicht als Aufhänger und als Argument benutzt werden. Auch wenn die Faktenlage eindeutig zu sein scheint, müssen Schnellschüsse – so verständlich sie sind – vermieden werden. Es wäre schade, wenn sich gerade kluge muslimische Blogger auf das gleiche Niveau begeben sollten, wie wir es sonst von unappetitlichen Webseiten der Islamkritik kennen. Wie sehr sich die verfassungsfeindlichen Segmente der verbalen „Islamkritik“ (egal, ob sie vom rechten Rand oder von der „Mitte“ kommen) mittlerweile winden, sollte als abschreckendes Beispiel reichen.

Die scheinbar unpolitischen Vorfälle Winnenden und ähnliche Amokläufe belegen, dass Europas Gesellschaften nicht von den radikalen Rändern her, sondern durch die Auflösung ihrer Mitte zerfallen. Und diese Auflösung betrifft nicht immer nur den Anderen, der an ihr Schuld sein soll, sondern auch uns selbst. Die Verbrecher von London, Oslo oder Winnenden werden alle durch den ihnen inne wohnenden Nihilismus gekennzeichnet. Ideologische Hintergründe dienen der Rechtfertigung, mehr nicht.

Der jahrelange Druck auf Europas Muslime, die perfide Gleichsetzung der Taten einzelner Krimineller mit dem Islam in Politik und Massenmedien sowie die daraus resultierende existenzielle Defensive dürfen aber nicht Anlass für ein klammheimliches, umgekehrtes Triumph-Gefühl sein.

Ein Nachtrag
Die gebotene Pietät und Zurückhaltung bezüglich der Anschläge in Norwegen sollten uns aber durchaus nicht davon abhalten, nach ideologischen Ursprüngen zu suchen. So wie viele rechtstreue, organisierte Muslime in den letzten Jahren verleumderischer Kritik und Gleichsetzung mit kriminellen Verbrechern ausgesetzt wurden, müssen sich die mehr oder weniger sichtbaren Exponenten der „Islamkritik“ fragen lassen, ob nicht Schnittmengen zum Weltbild des Attentäters in Norwegen bestehen.

Von wenigen, namentlichen Ausnahmen abgesehen, mussten sich respektable Publizisten wie Dr. Johannes Kandel (den Patrick Bahners als eine „graue Eminenz“ bezeichnete) niemals öffentlich nach den Quellen und Folgen ihres Weltbilds befragen lassen. Während Dr. Kandel – in einflussreicher Stellung bei der Friedrich-Ebert-Stiftung – seit Jahren versucht, die Islamische Zeitung und ihre Mitarbeiter in ein denkbar schlechtes Licht zu rücken, muss er sich dann nicht auch fragen lassen, ob es eventuell eine Schnittmenge zwischen seinem evangelikalen Weltbild und dem christlichen Verständnis jenes Dunstkreises gibt, aus dem sich der Attentäter in Norwegen speiste?

Institutionelle Islamkritiker wie Dr. Kandel haben sich niemals um eine direkte Begegnung mit Muslimen wie uns oder anderen bemüht. Eigentlich sollte man von „Experten“ erwarten, dass sie ihrem Studienobjekt direkt begegnen. Darüber hinaus weigerten sie sich bisher standhaft, jede Deassoziierung von kriminellen Machenschaften oder extremistischen Weltbildern zu beachten und ihre Bewertungen einfließen zu lassen. Daher soll es auch nicht verwundern, wenn ihre eigenen ideologischen Hintergründe angesichts des norwegischen Massackers einer kritischen Betrachtung unterzogen werden.

Der Kommentar wurde am 24.7.2011 erweitert.

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Sulaiman Wilms

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