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Notizen aus der Generation jung, muslimisch, einsam. Von Von Khaled Al Fares

„Ich will heiraten, aber…“

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(iz). Wie viele in meiner Generation junger akademischer Muslime gehöre ich zu jenen mit an sich guten Ausgangspositionen für die Zukunft. Ich bin 26, habe einen Bachelor in Islamwissenschaften mit einem 1er-Schnitt in der Tasche, in Fachkreisen meines Schwerpunktthemas einen gewissen Ruf erarbeitet, gute Kontakte aufgebaut. Recht gute Startpositionen für einen Masterstudiengang an der Uni, oder den Einstieg ins Berufsleben. Wäre da nicht die Depression.

Ich wohne in einer kleinen Universitätsstadt weit entfernt meines Herkunftsbundeslandes Nordrhein-Westfalen, in der Stadt gibt es eine kleine muslimische Gemeinde. Doch der echte Kontaktaufbau hat nicht besonders funktioniert, fast alle persönlichen Freunde leben in NRW. Soziale Isolation ist die Folge. Eine Beziehung eingehen? Die Auswahl im Umfeld der Uni ist zu klein, ohnehin hat man das Gefühl, dass bei uns in der Moschee auf eine Schwester 20 oder mehr Brüder kommen. Emotionale Einsamkeit beginnt an mir zu nagen, aber man hält durch und schaut nach vorne. Meine Bachelorarbeit beende ich mit einer herausragenden Note, danach bricht der Damm: die IS-Krise, die Wut und Enttäuschung über das Verhalten von Muslimen, die soziale und emotionale Isolation, Orientierungslosigkeit nach Ende des Studiums, die Unfähigkeit muslimische Frauen außerhalb des Internets kennenzulernen, schon erzwungen durch die religiöse Geschlechtertrennung. Ich falle in eine schwere Depression, bin für Wochen gelähmt, passive Suizidgedanken steigen auf, nach dem Motto: „Wenn ich morgen nicht mehr aufwache, hätte ich da gar nichts gegen, dann ist der Scheiß wenigstens vorbei!“ Mein Gottesdienst stürzt ins bodenlose, ich höre auf in die Moschee zu gehen. Warum auch? Die Predigten verschlimmern meinen Zustand noch.

Zurück an die Uni hat für mich mit der Depression keinen Sinn, durch Arbeitsstress an einem privaten Projekt fange ich mich wieder einige Monate, beschäftige mich mit anderen Themen, nur nicht mit der Religion, die für mich Belastung statt Entlastung geworden ist. Dann im März bricht die Depression erneut aus, die Verzweiflung ist groß. Ich nehme die Einladung eines befreundeten konservativen Imams nach Spanien an, mit dem ich offen über meine Probleme reden kann. Statt inhaltsleere Vorschläge wie „Das ist die Einflüsterung des Satans, du musst mehr beten und fasten!”, bekomme ich Sätze wie „Ich kann dich völlig verstehen, wir sind soziale Wesen und man kann diese emotionale Isolation auf Dauer nicht ertragen.” Um es platt zu sagen: Allah ist für dich da, aber Allah ist nicht der, der dich in den Arm nimmt, wenn du es brauchst.” Die Talfahrt ist gestoppt, ich kehre gestärkt nach Deutschland zurück. Aber wie es weitergeht? Das ist unsicher. Die soziale und emotionale Isolation bleibt weitgehend bestehen.

Zugegeben, wir Konvertiten haben es nochmal schwieriger als geborene Muslime, uns fehlen die familären Netzwerke, die gerne beim Verkuppeln helfen. Die Geschlechtertrennung verhindert im Alltag ohnehin, sich näher kennenzulernen. Und islamisch flirten? Wie geht das denn? Nie gelernt. Das Internet muss aushelfen und da will man zumindest außerhalb der Datingportale für Muslime doch wirklich auf die erbärmlichen Nachrichten wie „Salam alaykum, Schwester, willst du heiraten?“ verzichten. Denn seid ehrlich, Mädels, das hängt euch zum Hals raus. Und wenn man dann jemanden kennenlernt, auch Möglichkeiten testet, sich auch ernsthaft etwas vorstellen kann, dann kommt der Satz, den man nicht hören will: „Meine Mutter wird keinen Nichttürken akzeptieren…“

Wer von euch kennt dieses Problem nicht? Eltern, die aus egoistischen und unislamischen, ja gar nationalistischen und damit gar rassistischen Motiven heraus ihren Kindern verbieten, dass sie den Mann oder die Frau heiraten, den sie heiraten wollen. Ich denke an einen deutsch-türkischen Freund, der seit sieben Jahren mit einer Araberin zusammen ist und dabei nicht die religiösen Regeln überschreiten will. Ihre Eltern sind noch immer gegen die Heirat. Ein Türke kommt ihnen nicht ins Haus. Eine andere deutsch-türkische Freundin hat zwei ernsthafte Beziehungen aufgegeben, weil ihre Mutter keinen Nichttürken wollte, nun hat sie endlich geheiratet – mit 30. Spöttisch könnte man sagen: „Wow, damit bist du ja noch unter dem ägyptischen Durchschnitt!“, denn tatsächlich sind wir – diese Generation in den 20ern – gerade mal die Jugend unter den Unverheirateten. In den arabischen Ländern ist das Heiratsalter noch katastrophal höher, wo Heiraten durch die finanzielle Lage und vor allem den gesellschaftlichen Druck – große Feier, 10.000 € Brautgabe und natürlich muss die Braut Jungfrau sein – erschwert wird. Durchschnittsheiratsalter im Libanon für Männer? – 35. In Ägypten ähnlich. Keuschheit bis zur Ehe mit 35? Das als Folge davon sexuelle Belästigung ein dramatisches gesellschaftliches Problem wird ist nachvollziehbar und nicht umsonst haben gerade muslimische Länder eine immer stärkere Verbreitung der Pornographie.

Die Frauen haben es beim Thema Heiratsprobleme sicher nicht anders als wir Männer, vermutlich sogar schlimmer, anders als wir, werden sie auch noch stigmatisiert, denn man hat ja viel mehr zu verlieren als der Mann. Nicht als Jungfrau in die Ehe? Geschieden? Schon Kinder haben und dann noch einen neuen Ehemann suchen? Ganz mies für die Familienehre. Schön begutachtet werden. „Trifft die sich mit Jungs?!“ – „Nein, ich bin nicht so eine…“

Der Islam kam um den Menschen das Leben einfach zu machen, so steht es im Qu’ran. Leider sind es gerade die Muslime, die ihn so schwer lebbar machen, indem sie egoistische oder gar unislamische Konzepte über ihn erheben – mit fatalen Folgen für die Gesellschaft und ihre Kinder, die sie damit zu Notlösungen zwingen. Nicht umsonst boomt in Ägypten das Prinzip der Urfi-Ehe, der religiösen Eheschließung ohne das Wissen der Familie, nur damit ein junges Paar zusammen sein kann, ohne gegen religiöse Bestimmungen zu verstoßen. Meist Ehen bei denen die Scheidung schon im Voraus garantiert ist, denn dann gibt es vielleicht irgendwann doch den Ehepartner, den die Familie sich gewünscht hat und mit offenen Armen empfängt. Die Liebe des eigenen Kindes lehnt man ab.

Seit rund einem Jahr leide ich psychisch und physisch unter der Depression und obgleich viele die Veränderung gemerkt haben, haben die wenigsten gefragt, was denn mit mir los sei und noch weniger ihre Hilfe angeboten, deren Lohn bei Allah gewaltig sein möge. Ob sich meine Situation ändert? Ich bete und arbeite dafür. Doch bis dahin verbleibe ich in der Generation jung, muslimisch, einsam.

Der Autor ist Admin beim Facebook-Projekt „News zur muslimischen Welt“.

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