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Özlem Nas spricht über ihre Erfahrungen in TV-Talkshows und über die augenblickliche Debatte im Lande

Islam im Fernsehen: „Hart und unfair“

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Özlem Nas studierte Turkologie, ­Psychologie und Erziehungswissenschaften. Sie ist Referentin am Lehrer­fortbildungsinstitut der Stadt Hamburg und ist Mitglied im Hamburger Integrationsbeirat. Außerdem ist sie Frauenbeauftragte der SCHURA Hamburg.

Islamische Zeitung: Frau Nas, Sie waren in den letzten Wochen verstärkt in den Medien und haben unter anderem an mehre­ren TV-Talkrunden zur Integrationsdebatte teilgenommen. Welche Erfah­rungen haben Sie dabei gemacht?

Özlem Nas: Die Erfahrungen differieren je nach Sendung. Meist wird man als muslimischer Gast mit einem Ungleichgewicht konfrontiert, was die eingeladenen Gäste und meist auch das Geschlecht der geladenen Gäste anbelangt. Der muslimische Gast ist oftmals in der Unterzahl und wird in einigen Sendungen auch dementsprechend als Angriffsfläche ausgenutzt. Es ist immer sinn­voll, sich nach den anderen gelade­nen Gästen zu erkundigen, da sich oftmals auch daraus die Tendenz der jewei­ligen Sendung ablesen lässt. Ich war innerhalb von zwei Wochen zu sechs Sendungen eingeladen, aber ich nehme nicht jede Einladung zu TV-Sendungen wahr, zum Beispiel wenn es um Diskussionen mit Necla Kelek oder Ralph Giordano geht. Meines Erachtens führen solche Diskussionen und Sendungen zu nichts, es geht nur darum, „die Muslimin mit Kopftuch“ dafür zu benutzen, sämtliche Vorurteile einiger kontraproduktiver Menschen zu entladen. Dafür lasse ich mich nicht instrumentalisieren. Sicherlich gibt es Sendungen, von denen ich enttäuscht bin, wenn etwa aus „hart aber fair“ , wo ich bereits dreimal war und zweimal recht gute Erfahrungen gemacht hatte, „hart und unfair“ wird und man im Anschluss an die Sendungen bedrohenden Emails oder Anrufen ausgesetzt ist. Andere Sendungen in denen ich war, wie beispielsweise Markus Lanz oder die Phoenix-Runde, in der zum Beispiel Prof. Bade als kompetenter Wissenschaftler in Sachen Integration und Migration geladen war und wo es eher um die Sache als um die explosive Konfron­tation ging, erscheinen mir sinn- und niveauvoller. Die Politik in Deutsch­land wird, so denke ich, letztlich ohnehin nicht durch solche Sendungen bestimmt, sondern es ist wichtiger, was konkret vor Ort geschieht und getan wird.

Islamische Zeitung: Wie kann man sich aus Ihrer Sicht als Muslim(in) möglichst gut in der Öffentlichkeit präsentieren und agieren?

Özlem Nas: Die Voraussetzungen hierfür sind meines Erachtens zunächst einmal Wissen, so sollte man etwa über aktuelle Studien, Daten und Fakten informiert sein und nicht nur theoretische, sondern auch praktische Kenntnisse haben und viel im Austausch mit Anderen sein. Doch Wissen allein reicht bei Weitem nicht aus, denn Wissen ohne Erfahrung wäre wie Theorie ohne Praxis und würde dazu führen, dass man nicht handlungskompetent interagieren kann. Es ist auch wichtig, selbst bei emotional berührenden oder verärgern­den Situationen gelassen und objektiv zu bleiben. Sicherlich ist das nicht immer ganz einfach, was ich zum Beispiel bei „hart aber fair“ zu spüren bekam. Das öffentliche Auftreten kann durchaus auch eine psychische Belastung darstellen, insbesondere wenn man im Anschluss Bedrohungen ausgesetzt ist. Solche Situationen muss man verarbeiten und mit ihnen umgehen können.

Islamische Zeitung: Wie ist Ihr Eindruck von der aktuellen Debatte über Integration und Islam, die mit dem Sarrazin-Buch wieder einmal aufkam und durch die Rede des Bundespräsi­denten Wulff am 3. Oktober weiter befeuert wurde?

Özlem Nas: Meines Erachtens wird der Begriff Integration unterschiedlich verstanden und interpretiert. Die Trenn­linie zwischen Integration und Assimilation ist meist unklar. Wann gilt man als integriert? Integration ist ein wechselseitiger Prozess, doch diese Wechselseitigkeit sehe ich bisher nicht als erfüllt an. Natürlich muss sich die Minderheit integrieren, die Sprache ­beherrschen, aktiv am gesellschaftlichen Leben partizipieren und sich nicht ­isolieren. Ich nehme jedoch verstärkt wahr, und hierfür werde ich auch von Einheimischen kritisiert, dass die Integrationsbereitschaft auf Seiten vieler Menschen deutscher Herkunft, aber auch in Institutionen, Firmen oder Bildungs­ein­richtungen, nicht ausreichend vorhanden ist. Natürlich muss sich die Min­derheit integrieren und ihren Teil dazu tun, aber es gibt viele, die gegen Wände laufen, diskriminiert und ausgegrenzt werden, etwa was den Bildungsbereich oder das Berufsleben anbelangt. Wenn ich ein Kopftuch ­trage, kann ich noch so qualifiziert sein, ich be­kom­me nirgendwo einen meiner Qualifikation angemessenen Job. Es gibt eine Ausgrenzung, man fühlt sich wie ein Mensch dritter Klasse. Ich weiß nicht, ob ich es noch erleben werde, dass ich in diesem Land als ganz normaler Mensch akzeptiert werde. Migranten möchten gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft sein, doch statt ­Chan­cen­ge­rechtigkeit begegnet ihnen meist Pers­pektivlosigkeit und es kommt Über­le­bensangst auf, wenn sie, egal wie qualifiziert sie sind, keinen Job finden, und dann zum Beispiel als Verkäufer in einem türkischen Gemüseladen arbeiten müssen. Es ist kein Wunder, dass immer mehr Hochqualifizierte dann auswandern. Ich denke, so lange die Politik und Ge­sellschaft in Deutschland und insbe­sondere der Arbeitsmarkt und Bildungs­einrichtungen die Bereitschaft zur Integration nicht ausreichend aufbringen, können wir noch lange auf Chancengerechtigkeit und Partizipationsmöglichkeiten, also auf gelungene Integration, warten. Ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft, aber für wen bin ich denn deutsch? Für niemanden. Niemand sieht mich als Deutsche. Meine Eltern waren Ausländer, ich gelte als Ausländerin und meine Kinder werden als Ausländer bezeichnet. Solange sich das Ausländersein vererbt, treten wir in Deutschland auf der Stelle. Einheimische wie Eingewanderte müssen ihre Aufgaben und Verpflichtungen viel ernster nehmen und sich ernsthafter Gedanken um die gemeinsame Zukunft machen. Ich bin der Ansicht, dass diese Integrationsdebatte, bei der immer über die Menschen gesprochen wird, vor allem Türken und Muslime, die sich angeblich nicht integrieren wollen, auch dazu dient, andere Themen und Probleme, die ebenso wichtig sind, in den Hinter­grund zu rücken. Debatten im Fernsehen bringen die Bürger meiner Ansicht nach ohnehin nicht weiter. Es ist im Grunde genau bekannt, wo die Probleme liegen. Ich brauche nur zehn Personen in meinem Umfeld, die mit Behörden zu tun haben, zu fragen, wie sie dort behandelt werden. Die vollständige Akzeptanz der Muslime als zu Deutschland gehörend, wie Bundespräsident Wulff sie gefordert hat, ist vielfach noch nicht vorhanden, auch wenn es Lippenbekennt­nisse dazu gibt. Es wird viel von interkultureller Öffnung gesprochen, aber ich möchte tatsächlich in Vorständen und Gremien, in der Verwaltung, in Schulen nicht mehr nur Menschen sehen, die deutscher Herkunft sind, sondern viel mehr Menschen mit Migrationshintergrund. Da muss sich noch sehr viel tun. Ich möchte erst einmal die Bereitschaft sehen, dass man mich, so wie ich bin, akzeptiert, ohne dass ich mich assimiliere; aber ich denke davon sind wir noch weit entfernt.

Islamische Zeitung: Was muss sich noch seitens der Mehrheit und der Politik ändern, und was können Migranten und insbesondere Muslime ihrerseits besser machen?

Özlem Nas: Das sind Dinge, die eigentlich bekannt sind; etwa sich zu bemühen, die Sprache zu erlernen und richtig zu beherrschen für diejenigen, die sie nicht beherrschen. Und Bildung, wobei mir besonders wichtig scheint, dass Eltern dabei ihre Kinder unterstützen. Damit sie dies tun können, müssen wir wiederum die Eltern unterstützen und ihre Erziehungskompetenz stärken. Ein Mensch, der keine Erziehungskompetenz hat, wird seine Kinder auch dementsprechend erziehen. Und dann haben wir Kinder und Jugendliche, die nicht erfolgreich sind, weil ihnen die Voraussetzungen dafür von ihrem Elternhaus nicht mitgegeben wurden, und sie auch die Unterstützung ihrer Eltern nicht erhalten, wenn zum Beispiel in der Schule etwas nicht klappt und die Eltern der Sache nicht richtig nachgehen. Was wir als Migrantenorganisationen tun können, ist die Menschen, die zu uns kommen – und natürlich ist nicht jeder Migrant in einer Organisation – zu sensibilisieren, ihr Wissen und ihr Engagement für die Gesellschaft zu fördern und ihnen zum Beispiel dabei behilflich zu sein, ihre Sprachkompetenz und Erziehungskompetenz oder ihre Kenntnis des Schulsystems zu verbessern. Dies betrifft vor allem die Eltern. Bei den Jugendlichen, die Probleme haben, Praktikums- oder Ausbildungsplätze zu finden, ist es schwieriger; man muss konkret überlegen, zum Beispiel im Integrationsbeirat, wen man anspre­chen und was man tun kann um der Ausgrenzung und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt entgegen zu wirken. Migrantenorganisationen leisten trotz finanzieller und personeller Engstände viel für die Gesellschaft, was meist in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist. Die Politik darf nicht bei den Kindergärten sparen, sie darf nicht Eltern Geld zahlen, damit sie ihre Kinder zu Hause behalten, wie dies in einzelnen Bundesländern geschieht, und sich dann wundern, warum Kinder in der Schule nicht ausreichend Deutsch sprechen können. Man braucht das Rad also nicht neu zu erfinden, es gibt seit langem Integrationskonzepte und Maßnahmenkataloge. Die Probleme sind bekannt, aber die Politik muss auch Mittel investieren und sich dieser Probleme praktisch annehmen. Beides greift ineinander über. Das Bewusstsein der Migranten muss gestärkt werden, was ihre Kinder angeht, was verschiedene Aspekte der Gesellschaft betrifft, sich für ihren Lebensraum einzusetzen und nicht sich zurückzuziehen und zu sagen, ich beherrsche die Sprache nicht, und deswegen gehe ich nicht zum Elternabend, um ein Beispiel zu nennen. Und wenn ich als Schule weiß, dass die Eltern deswegen nicht kommen, muss ich etwas dafür tun. Es gibt für alle Bereiche, auch die Schule, schon Lösungen, die bereits besprochen worden sind, und wo Muslime übrigens stets auf ehrenamtlicher Basis Beratungen durchführen. Keiner von uns bekommt dafür Geld. Es mangelt daran, dass die Unterstützung und Beratung auch finanziell entlohnt wird. Ich habe auch mit dem Bundesinnenminister de Maizière darüber gesprochen, was man praktisch etwa zur Steigerung der Erziehungskompetenz von Eltern tun könnte und müsste, damit die Integration der Kinder besser klappt, und er hat lamentiert, dass dies ja alles kompliziert und mit Kosten verbunden sei. Integration ist ein ganzheitlicher Prozess, der zwischen Mehrheit und Minderheit ineinander übergreift. Und überall dort, wo Barrieren sind, funktioniert es nicht. Erst wenn mehr Menschen mit Migrationshintergrund auch in Führungspositionen sind, ganz normal und gleichberechtigt und nicht durch eine Quote, dann wird sich einiges ändern. Ich glaube nicht, dass wir momentan gleichberechtigt sind, wir können uns noch so bemühen. Man hört uns gerne ehrenamtlich an, aber wir werden fast nie bezahlt. Was nicht bezahlt wird, hat auch nur einen entsprechenden Wert. Ich sehe leider keine kurzfristige Lösung für das Problem. Bundespräsident Christian Wulff ist mit seinen Aussagen auf jeden Fall derzeit eine Bereiche­rung und strahlt eine Willkommenskultur aus, nach der sich viele Migranten sehnen, auch wenn er sehr viel negatives Feedback dafür bekommt; was für mich wiederum Zeichen mangelnder Integrationsbereitschaft ist.

Islamische Zeitung: Liebe Özlem Nas, vielen Dank für das Interview.

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