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Offener Ausgang: Lange schien die Arabische Welt zu stagnieren. Nun kündigt sich ein Wechsel an. Von Sulaiman Wilms

Ein „Frühling“ im Nahen Osten?

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(iz). Es kann niemand behaupten, er hätte vorher Bescheid gewusst. Die sich jetzt im Nahen Osten abspielenden Ereignisse erwischten Politiker und Experten nicht nur auf dem falschen Fuß. Sie können dem atemberaubenden Tempo der Ereignisse von ­Tunis über Kairo bis Sanaa und Manama nicht folgen. Neben Teilen der GUS-Staaten und Schwarzafrikas galt die ­Region als Verlierer der Globalisierung. Eine Wahrnehmung, die beispielsweise durch OECD-Berichte bestätigt ­wurde.

Niemand hatte mit Tunesien gerechnet. Anhaltende Diktatur, gepaart mit einer religionsfeindlichen Politik, dem Ausverkauf des Landes und den Folgen der Finanzkrise führten zur Eruption. Selbst Frankreich, immer noch Schutzmacht seiner wirtschaftlichen Halbkolonie, konnte den Fall des Freundes Ben Ali nicht aufhalten. Ihm, und seinem korrupten Clan, blieb nur die Flucht.

Im Rückblick war es folgerichtig, dass sich diese Entwicklung nach Ägypten ausbreitete. Das bevölkerungsreichste Land der arabischen Welt wurde von ­einer selbst mit massiver Repression nicht mehr zu integrierenden Polarität zer­rissen. Tyrannisch herrschte die Regierungspartei seit Jahrzehnten mit Mitteln des Ausnahme­zustands. Eine Situation, die in ­Zeiten moderner Kommunikation unhaltbar wurde. Dabei gerät in den Hintergrund – das ändert auch der demonstrierene Nachwuchs eines auf­streben­den selbstbewussten Bürgertums nicht -, dass Ägypten mindestens genauso an riesigen wirtschaftlichen und demografischen Problemen krankt, denen selbst die ­härteste Hand auf Dauer nicht Herr­ ­werden kann. Verschuldung gegen­über fremden Banken, Privatisierung nationaler Ressourcen, beinahe vollkom­me­ne Abhängigkeit von Auslandsinvestitionen und ständig steigende Lebensmittelpreise stürzten weite Teile des Landes am Nil nicht nur in tiefe ­Armut. Sie nahmen den Menschen auch das Wenige, was ihnen an ­Würde blieb.

Der Nahe Osten ist wieder spannend geworden. Ob es in Kairo zu einer Staatsform westlichen Zuschnitts kommt, oder ob das Militär in Ägypten direkt oder in­di­rekt herrschen wird, bleibt offen. ­Beides scheint möglich. Immerhin: Die Kommandeure in Kairo – wie in Tunesien – weigerten sich, auf das eigene Volk zu schießen. Ein möglicher Gewinner kann jetzt schon ausgemacht werden. Seit Jahren von europäischen Konservativen verteu­felt, scheint sich das türkische Modell – gerade als Vorbild für seine nahöstlichen Nachbarn – bewährt zu haben. Anstatt gegen die Menschen zu ­regieren, betrieb die Regierung unter Tayyip Erdogan einen klugen und ausgeglichenen Kurs.

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