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Oft genug sind die Arme für Konvertiten alles andere als offen

Schwarze und weiße Muslime haben mit Barrieren in der Community zu kämpfen

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Foto: Ahmed Eckhard Krausen

(iz). Muslime im Westen – zumeist Einwanderer oder ihre Nachkommen – haben einen ­Bestand an positiven Erinnerungen – an Feiertage in ihrer Heimat oder ähnliche befriedigende Momente in ihrer jetzigen Heimat. Gleichzeitig kann die Betonung ihrer eigenen Idiosynkrasie dazu führen, dass sie auf Kosten der Sorge um die neuen Muslime in ihrer Gemeinschaft geht. Und das in einem ­Moment, wo diese besonders auf kollektive ­Unterstützung angewiesen sind.

Das Thema der Sorge um diese Gruppe ist ein blinder Fleck in den muslimischen Communitys des Westens. Das ist umso bitterer, als dass diese Mehrheit der Muslime selbst seit Jahren eine mangelnde Sichtbarkeit in ihren Mehrheitsgesellschaften beklagt. Dabei lassen sich diese „Konvertiten“ (hier ver­wendet in Ermangelung eines passenderen Begriffs) nicht alle in die gleiche Schublade stecken. Sie haben unterschiedliche Hintergründe, Bildungsgrade und Wissensstände von ihrem Din.

In Zugehörigkeit liegt Trost – ob in der ­Familie, im Freundeskreis oder im weiteren Sinne als religiöser Gemeinschaft. Zugehörigkeit ist ein Schutzraum des Privilegs, der die überwiegende Mehrheit vor Isolation und Ausgrenzung schützt. Die Sozialpsychologie sagt uns: Zugehörigkeit ist ein Gefühl, das den Menschen befriedigt. Daher liegt es in unserer Natur, nach Kreisen der Gemeinsam­keit zu suchen.

Für Konvertiten ist klar, dass die erfahrene Isolation – insbesondere zu Feiertagen wie den beiden ‘Ids oder anderen Gelegenheiten – aus einer Nichtzugehörigkeit zu Gemeinschaften kommt, die ihre Existenz vernachlässigt haben. Obwohl Konvertiten die innewohnende Motivation haben, Teil ihrer Gemeinschaft zu sein, distanziert sie der Mangel an gemeinschaftlicher Bemühung und Akzeptanz von dem Gefühl der Zugehörigkeit. Allgemein ist bekannt, dass ein solcher Ausschluss negative emotionale und psychologische Folgen hat.

Selbst auf rein emotionaler Ebene ist verständlich, wie ein neuer Muslim trotz geringer bis keiner theologischer Zweifel Unsicherheiten in seinen Glauben erleben kann. Die Reaktion auf Ausgrenzung besteht oft darin, sich von sozialen Kreisen zu distanzieren oder vollständig zurückzuziehen. Da die Gemeinschaft ein wesentlicher Bestandteil muslimischer Tradition ist, kann eine solche Verhaltensreaktion sich nachteilig auf die innere Landschaft eines neuen Muslims auswirken. Die harte Realität für viele Konvertiten ist, dass sie, abgesehen von Glückwünschen und Umarmungen in der Moschee nach ihrer Schahada zu einer vernachlässigenden Person werden.

Es gibt keine allgemeinverbindliche Identität bei neuen Muslimen. Jede Person hat ihre eigene Geschichte und Entwicklung innerhalb des Dins. Manche erleben die Bezeugung ihres Islam als rund, weil sie sich in ­verlässlichen sozialen Kreisen bewegen sowie eine offene Familie haben. Andere teilen diese Vorteile nicht und leiden vielleicht unter der spirituellen Differenz mit geliebten ­Menschen oder müssen sich allein um ihr spirituelles Training bemühen.

Die Mehrheit dürfte zustimmen, dass ­zumindest einige Aspekte ihres Dins von Anfang isoliert sind. Es ist wichtig, ihre ­Mentalitäten zu untersuchen, bevor Systeme aufgebaut werden, um sie zu unterstützen. Während Konvertiten zum Islam nicht alle die gleiche Haltung haben, besitzen sie eine religiöse Motivation, die sie befähigt, der ­islamischen Identität in ihrem täglichen ­Leben Priorität einzuräumen.

2010 erstellte die NGO Faith Matters eine Erhebung zu Erfahrungen neuer Muslime. Eine wichtige Frage wollte etwas über Probleme nach der Bezeugung des Islam wissen. Ein Ergebnis war, dass die Hälfte der Befragten mit Akzeptanz innerhalb der lokalen muslimischen Gemeinschaft zu kämpfen hatte. Und fast ein halber Teil hatte Probleme damit, Netzwerke zur Unterstützung neuer Muslime und authentisches Wissen über ihre Religion zu finden.

Wären Gemeinschaften in der Lage, ihren Ansatz gegenüber neuen Muslimen zu korrigieren und ein einladendes Umfeld für ihr Aufblühen zu schaffen, dann würde das viele Fragen klären. Zu diesen gehören ­Zugang zu authentischem Wissen, Austausch der ­Geschlechter sowie spirituelle Höflichkeit (arab. adab).

Ein signifikanter Teil der muslimischen ­Gemeinschaften im Westen sind derzeit psychologisch nicht in der Lage, mit den Problemen dieser Muslime umzugehen. Täglich – und verstärkt an Feiertagen – wird ihnen bei Fragen wie Einsamkeit, spiritueller Trennung und familiären Spannungen geraten, dass „Gott mit ihnen“ sei. Hier sind diese Gemeinden nachlässig geworden. Was es übrigens radikalen Gruppierungen, die keine kulturellen Hemmnisse haben, leicht machte, neue Anhänger zu rekrutieren. Wenn das Wissen um die Nähe Allahs bei Beschwernissen notwendig ist, sollte es keine Entschuldigung für das Fehlen der weiteren muslimischen Gemeinschaft sein.

Manche Muslime, die den „Konvertiten“ durch die Verbreitung von Büchern zu mehr Wissen verhelfen wollen, stehen unter dem Eindruck, dass es dieser Gruppe unisono fehlt. Die meisten ignorieren dabei aber, dass es viel mehr an Gesellschaft anderer Muslime mangelt. Allzu oft werden jene Menschen als schwach bei Glaube und Gewissheit betrachtet, obwohl dies allgemein nicht der Fall ist. Eine Studie von Pew Research ergab, dass neue Angehörige einer Religion eine größere spirituelle Überzeugung haben als jene, die in ihr geboren wurden (70 vs. 62 Prozent). Moscheen und islamische Zentren müssen die „Bücherecke“ hinter sich lassen. Vielmehr brauchen sie ein ausgeglichenes Wachstum durch Förderung, kuratierte Leselisten sowie Geschwisterlichkeit. Dafür gibt es Vorbilder beim Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Oft brachte er zwei seiner Gefährten, möge Allah mit ihnen allen zufrieden sein, zusammen, damit sie voneinander lernen könnten. Das nutzte nicht nur den neuen Muslimen, ­sondern allen Beteiligten.

In einem langen Essay für „Critical Muslim“ verweist die Anthropologin Juliette Galonnier auf ein anderes Problem der neuen Muslime. Sie erfahren nicht nur mehrheitlich Desinteresse, sondern müssen zusätzlich ethnische Barrieren gegenüber „gebürtigen“ Muslimen überwinden. In diesem Phänomen würden schwarze und weiße Personen (Galonnier forschte zu den USA und Frankreich) als andersartig beziehungsweise ­minderwertig im Vergleich zu „gebürtigen Muslimen“ wahrgenommen. Viele Gesprächspartner klagten über eine Diskrepanz zwischen islamischen Lehren und der Realität vieler Gemeinschaften im Westen. In ihren Stichproben hätten sich schwarze wie weiße „Konvertiten“ pessimistisch zur Realität ethnischer Grenzen unter Muslimen geäußert. Die Segregation entlang kulturell-völkischer Linien sei insbesondere ein Grund zur Sorge für jene, die von einer ganzheitlichen Sicht auf die Community ausgingen.

Da in beiden Ländern Islam stark als „arabisch“ (oder als „asiatisch“) kulturalisiert sei, machen schwarze wie weiße Muslime die Erfahrung, dass sie von anderen Muslimen oder der Gesellschaft nicht als solche wahrgenommen würden. Sophie, eine 27-jährige Sozialarbeiterin aus Marseille, blond und blauäugig und seit mehreren Jahren Muslime, gestand, dass viele ihrer Glaubensgenossen sie nicht als Muslimin sähen. Sie erzählte, wie der Imam in ihrer Moschee sie immer wieder Christin nannte, obwohl er sie dort regelmäßig beim Gebet gesehen habe. „Selbst im religiösen Kontext kam er zu dem Schluss französisch = christlich.“

Gegenüber Juliette Galonnier berichtete der senegalisch-gambische Journalist Rokhaya Diallo über seine Erfahrungen: „Schwarz und Muslim sein in dieser Gesellschaft ­heben sich gegenseitig. In Frankreich herrscht eine komplette Unsichtbarkeit nicht-arabischer Muslime.“ Schwarze Muslime entspräche nicht dem stereotypen Bild des „Muslims“ in der französischen Vorstellung und würden eher mit Christentum in Verbindung ­gebracht.

Schwarze und weiße Muslime würden gleichermaßen ihre Nutzung als „Vorzeigemuslime“ ablehnen, um im institutionellen Rahmen eine Diversität vorzugaukeln. Das heißt in der Regel, wenn es um die Finanzierung von Moscheen geht, um das Treffen mit ­Behördenvertretern usw. Galonniers Gesprächspartner seien müde, als „Gesichter von Vielfalt“ für die muslimische Gemeinschaft zu dienen. Imam Suhaib Webb, weiß und 1992 zum Islam konvertiert, sagte ­während eines Vortrages 2013, dass er es ablehne, wie er manchmal strategisch eingesetzt wurde. Er würde zu Werbezwecken auf die Bühne gestellt und bedauerte, nicht bei ­internen Moscheeangelegenheiten zu Rate gezogen zu werden.

Aufbauend auf den verschiedenen Erfahrungen schwarzer beziehungsweise weißer Muslime legt Juliette Gallonier bezüglich „religiöser Autorität im französischen und amerikanischen Kontext“ offen. Aufgrund der „Rassifizierung des Islam“ hätten beide Schwierigkeiten, ihre islamische Legitimität in der Gesellschaft und innerhalb der muslimischen Minderheit selbst durchzusetzen, wo die Grenze zwischen Orthodoxie und Abweichung teils nach ethnischen Gesichtspunkten „überwacht“ werde.

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