IZ News Ticker

Ohne eine Einordnung bleibt die „Errungenschaft“ der islamischen Bank unverstanden. Von Abu Bakr Rieger, Berlin

Banking! Banking?

Werbung

(iz). Seit nunmehr einem Jahrhundert ist der sogenannte islamische Modernismus fasziniert von den Machtinstrumenten des Westens. Die Kraft dieser technologischen Errungenschaften, die letztendlich zum Souveränitätsverlust der arabischen Welt führten, spiegelte für die islamische Welt nichts anderes als die eigene Rückständigkeit. Für diese Denkrichtung war klar, der Islam musste schnellstmöglich „modernisiert“ werden.

Die Grundidee für die eigene Machtgewinnung war simpel – die Machtinstrumente der westlichen Welt sollten schlicht „islamisiert“ werden. Die eigene Macht sollte gewonnen werden durch ein System von Kopien – den islamischen Staat, die islamische Partei, die islamische Bank oder den islamischen Verein. Natürlich war damit dem Strukturalismus, der Ideologie und der Finanztechnik ebenfalls die Tür geöffnet, ohne dass Klarheit herrschte, was diese Mischung für die Authentizität der islamische Lebenspraxis eigentlich bedeutete.

Parallel hierzu, beinahe ironischerweise, wuchsen im Denken des Westens bis heute die intellektuellen Kräfte, die die eigenen Techniken der Machtgewinnung und ihre Folgen durchaus kritisch beurteilen. Nach der Rückbesinnung auf die Bewahrung der Schöpfung sind diese Erkenntnisse wie folgt zu fassen: Der Nationalstaat als die starre Einheit von Rasse und Territorium soll in Europa ausgedient haben, die Parteien sind in einer Krise und das Bankensystem wird für die globale Finanzkrise und nicht zuletzt die globale ökologische Krise und ihre zahlreichen Opfer verantwortlich gemacht. Das Verhältnis zur Technik, dass in manchen Erdteilen religiöse Züge bekommt, wird heute im Westen selbst kritischer betrachtet als irgendwo sonst.

//3l//Es gehört zu den Fragwürdigkeiten des islamischen Modernismus, dass er weder diese kritischen Analysen, noch das Wesen der Technik überhaupt zu kennen scheint. Die Wahrheit ist wohl, dass der islamische Modernismus, bis heute geblendet vom Chic schöner Autos und rasselnder Rüstung, nicht einmal die entscheidenden, problematischen Grundaspekte der Technik problematisiert. Das westliche Modell hat für viele Denker der islamischen Welt wenig von der alten Magie verloren.

Nach Heideggers berühmter Technik­analyse ist das Grundmissverständnis über die Technik, nicht zu erkennen, dass diese den Menschen in der Hand hält, und nicht etwa andersherum. Die Technik führt also zu einem Machtverlust, nicht Machtzuwachs, und stellt schlussendlich sogar die Souveränität des Menschen in Frage. Die Hochzeit von Technik und Kapital, die Finanztechnik, führt uns diesen Sachverhalt heute schmerzlich vor Augen. Es ist heute zumindest unsicher, ob das „Primat der Politik“ gegenüber dem Kapital wirklich weiter Bestand hat.

Die politischen Parteien und ihre Führer – man denke nur an die aktuelle Lage an der Wall Street – können nur noch sehr begrenzt den „führungslosen“ ökonomischen Strukturalismus beherrschen. Die Technik neutralisiert also auf Dauer die leitenden politischen oder religiösen Ideen der Menschen, deren Leben und Werte sie beherrscht. Die entfesselte Technik, die auch einer Begrenzung durch moralische Kategorien nicht mehr zugänglich ist, wird damit für Heidegger zu nichts anderem als zu einem „Herausfordern“ der Schöpfung. Die Schöpfung wehrt sich dagegen mit ihren außer Kontrolle geratenen Naturkräften.

Im Westen wächst in diesen Tagen die Einsicht, dass im Zentrum der globalen Machtgewinnung durch die Technik das System der Banken und ihr unheimliches Vermögen, aus dem Nichts Geld zu schaffen, steht. Der Versuch, dieses System und seinen Titanismus einfach moralisch einzufärben, wie es beispielsweise das islamische Banking versucht, sozusagen die ökonomische Welt ein wenig „netter“ zu machen, ignoriert dabei die eigentliche, aus dem Nichts das Nichts schaffende Grundstruktur jedes Bankenwesens.

„Gibt es künftig noch einen menschlichen Fortschritt mit den Banken?“, ist man versucht zu fragen. Es ist natürlich, zumindest für vernünftige Kritiker an der Herrschaft der Technik, keine Rückkehr ins Mittelalter denkbar. Denkbar ist so eigentlich nur die rechtliche Begrenzung der maßlosen Kapitalgewinnung, für dessen Schaffung das gesamte Bankenwesen verantwortlich ist.

Aus dieser Skepsis gegenüber der Idee endloser Machtsteigerung heraus beschäftigt sich heute die europäische Intelligenz mit den Positionen des Islam zur Ökonomie. Immer häufiger studieren westliche Denker die ökonomischen Gesetzlichkeiten des Islam. Sie sinnen über qur’anische Verse nach, in denen Allah „den Handel erlaubt, die Zinsnahme aber verbietet“ und erkennen gleichzeitig die Umkehrung dieses Gesetzes im westlichen Wirtschaftsmodell, dass den Handel monopolisiert und die Zinsnahme fördert.

Könnte der Islam den im Westen ersehnten Mittelweg zwischen Geist und Materie inspirieren und dafür sorgen, dass die Menschen in der allumfassenden Struktur der Technik nicht zu einem Bestand von Arbeitskräften und Konsumenten degradiert werden? Die Quellen des Islam sind in der Tat in dieser Hinsicht fruchtbar. Der Islam erlaubt selbstverständlich Reichtum, Eigentum und ökonomischen Erfolg, begrenzt aber durch moralische Grundsätze UND eindeutige Rechtsregeln die entfesselten Möglichkeiten der heutigen Finanztechnologie. Die Begeisterung für ein „islamisches Banking“ erscheint ohne eine grundsätzliche Reflexion auf die Herrschaft der Finanztechnik naiv. Natürlich bleibt auch zwischen islamischen Gelehrten weiter umstritten, ob eine „islamische Bank“ so etwas ist wie ein „islamischer Whiskey“ – nämlich nichts anderes als ein denkwürdiges Paradox.

Vor allem in der vom Kapitalismus ergriffenen Golfregion gilt heute Banking und sein Nebenarm „Islamic Banking“ als eine Art Clou der Moderne. Nicht ganz zufällig sind es ignorante Muslime, die gerade die gefährlich taumelnden Banken-Giganten der USA gerettet haben. Das heute offensichtliche Schicksal moderner Banken und ihre eindeutige Funktion in der Destruktion der Schöpfung ist für diese Muslime kein Grund zur Hinterfragung dieser Überzeugungen. Aber die Debatte darüber hat immerhin begonnen.

//1l//In Deutschland entdecken vor allem die Banken selbst in den islamischen Banken ihre religiösen Brüder. Unter dem interessanten Titel „Eigenkapital ist gottgefällig – Zinsnahme nicht“ beschäftigt sich die ehrwürdige FAZ in der Ausgabe vom 1.8.2009 mit dem Thema „Finanzsystem und Scharia“. Die Wirtschaftsredakteure beurteilen dabei, in diesem Fall, sogar das berühmte Reizwort „Scharia“ auffallend milde und ungewohnt unvoreingenommmen. Islamisches Wirtschaften, so die eigentliche Romantik des Beitrags, repräsentiere sogar das „verlorene“, in den deutschen Tugenden schlummernde Maß. Der ­Beitrag begeistert sich an den neuen ökonomischen Möglichkeiten, die das „Isla­mic Banking“ für den erschütterten Bankenstandort Frankfurt ergeben soll.

Innerhalb der islamischen Gemeinschaft selbst nimmt das Geldthema ebenfalls breiten Raum ein. Vor allem die Juristen und Gelehrten sind nun – angesichts einer ungeheuren Finanzkrise – gefordert, das islamische Recht in allen Punkten korrekt und ausführlich darzustellen. Nach der Herausforderung durch den Zynismus der Terroristen, die man lange verschlafen hat, stellt sich die nächste große Frage an die Lehre: Gibt es schlechtes beziehungsweise a-moralisches Geld? Kann eine Bank wirklich islamisch sein?

Auch einige islamische Institutionen, die sich heute verantwortlich fühlen, ­islamische Finanzprodukte öffentlich zu zertifizieren, sehen im Pakt mit dem ­„Islamic Banking“ nichts Anderes als eine Machtchance. Gleichzeitig bleiben ihre Positionen zur Zakatnahme nicht zufällig im Dunklen. Ein islamisches Recht der Ökonomie, um das es diesen Institutionen angeblich geht, kann für Muslime ohne eine gleichzeitige Beachtung der Zakat natürlich nicht wirklich sinnvoll sein. Das Recht der Zakat führt aber auch zu einem Grundproblem des Banking selbst.

//2l//Wer die Zakatregeln beherrscht, wird das Grundproblem der Muslime mit der modernen Finanzwirtschaft nicht übersehen können: Die Zahlung der Zakat mit inflationärem „Papiergeld“ ist nämlich nicht möglich. Hieraus nährt sich auch die islamische Distanz zum Titanismus des Bankensystems selbst, dass natürlich ohne das Vermögen, aus dem Nichts Geld zu schaffen – die wundersame moderne Geldvermehrung – nicht denkbar ist. Banken sind selbst an der Schaffung der wucherischen Inflation entscheidend beteiligt. Diese Kritik, um die es hier geht, beschränkt sich also nicht nur auf die Forderung moralisch korrekter Banken, sondern enthüllt und hinterfrägt die gesamte Ratio und Struktur der Bankenwelt – eines Glaubenssys­tems, in das die „islamische Bank“ natürlich vollständig integriert ist.

Aber auch ganz konkret sind Zweifel an islamischen Banken angebracht. Jeder Rechtsanwalt oder Ökonom wird auch in einigen modernen Finanzprodukten islamischer Banken schnell den einen oder anderen Taschenspielertrick erkennen. „Murabaha-Verträge“ sind nicht nur oft unverschämt teuer, sie bestehen auch aus einer unerlaubten Doppelverfügung in einem Geschäft, die dann die „Zinsnahme“ verdeckt.

Die abenteuerliche Logik, die man bisweilen vernimmt, immerhin sei das Geschäft der islamischen Bank „nur ein bisschen haram“, gibt es dabei im Recht nicht. Es ist also Zeit, die authentischen und eigenständigen ökonomischen Alternativen des Islam besser freizulegen und über die Natur schlechter Kopien nachzudenken.

The following two tabs change content below.
Abu Bakr Rieger

Abu Bakr Rieger

Abu Bakr Rieger

Neueste Artikel von Abu Bakr Rieger (alle ansehen)

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen