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„Ohne Leidenschaft für eine Idee wird die Umsetzung langfristig scheitern“

„IZ-Begegnung“ mit der Autorin und Unternehmerin Nadia Doukali über Schokolade, Firmengründung und Begeisterung

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Foto: Honeyletter Production

(iz). Nadia Doukali ist Schriftstellerin für Kinder- und Jugendliteratur und Erfinderin des Iftar-Kalenders „Iftarlender“ und der Schokoladenkreation „Iftarlade“. Sie wurde in Marokko geboren und kam als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland. Die vor Kreativität und Energie strotzende Frau verbindet mit scheinbarer Leichtigkeit Mutterschaft, Kunst und Unternehmertum. Wir unterhielten uns mit ihr über Inspiration, Aktivismus und ihren Mut zur eigenen ­Firmengründung.

Islamische Zeitung: Liebe Nadia Dou­kali, Sie haben mit dem Iftarlender und der Schokoladenreihe Iftarlade nicht nur zwei erfolgreiche Produkte beziehungsweise Produktreihen auf den Markt eingeführt. Sie haben auch beinahe „aus dem Stand“ eine recht große Öffentlichkeit damit erreicht. Haben Sie ein Rezept für ­diesen Erfolg?

Nadia Doukali: Das ist eine der beliebtesten Fragen, die mir regelmäßig gestellt wird. Ich kann das auch verstehen, dass man sich ein Rezept für Erfolg wünscht, um dieses spezielle Gericht nachzukochen. Es gibt heutzutage massenweise Berater, die einem für viel Geld ein Erfolgsrezept verkaufen wollen. Als erfolgreiche Unternehmerin kann ich Ihnen versprechen – es gibt nicht das eine Rezept.

Ich frage mich manchmal selbst, wie es überhaupt soweit kommen konnte. Gerade, wenn man meinen Background kennt. Vielleicht klingt es zu einfach und zu romantisch, aber tatsächlich führen und führten mich in dem ganzen Prozess der Glaube an mich selbst und das mir gottgegebene Talent, meine Mitmenschen zu verstehen und mich mit Ihnen auf Augenhöhe zu bewegen. Ich liebe es einfach, mehr Freundlichkeit und Verständnis zu säen.

Islamische Zeitung: Obwohl es unzählige Schokoladenmarken gibt und auch vorab manch „Ramadankalender“ kursierte, erfuhren Sie seit Markteinführung für beide Produkte einen großen Zuspruch. Woher kamen die Ideen hierfür? Und was begeistert Ihre Kunden, Iftarlade zu kaufen, statt ein Billigprodukt aus dem Discounter?

Nadia Doukali: Mein Kalender ist kein Ramadankalender, sondern ein Iftar-Kalender. Das Konzept beruht auf der Sehnsucht und Erfüllung des Fastens. Diese Leidenschaft für etwas, das allein in Deutschland Millionen Menschen dazu bringt, sich selbst und das Umfeld zu hinterfragen, und bedingungslos zu lieben, ist an sich schon ein Wunder. Deshalb mag ich es nicht, wenn man sagt, es gab ja schon Ramadankalender. Ja, es gab sie und wird sie immer geben. Es gab aber keinen Iftarlender. Einen Kalender, der Dich auffängt und Dich mit den Worten auf den Türen Deinem Din näherbringen kann.

Ich stand damals, als ich den Kalender konzipiert habe, vor der Herausforderung, meinen fast erwachsenen Kindern den Sinn und die Schönheit des Qur’an nahezubringen. Die Moscheen in meiner Umgebung und mein Umfeld konnten mir da leider nicht helfen. Ich wollte sie auch nicht googeln lassen. Ich vermisste den Luxus, den ich als Kind und Heranwachsende erfahren habe. Mich mit Älteren im Ramadan zusammenzusetzen, ihren Qur’anrezitationen zuzuhören und die Suren sogleich liebevoll und als würde ein Dichter vor mir stehen in mein Verständnis zu transformieren. Ramadan und Qur’an haben eine so viel wichtigere Verbindung als „nur“ den ständig thematisierten Verzicht auf Speis und Trank. Die Worte auf den Kalendern begleiten den Besitzer durch den Tag, er bekommt auf unserer Webseite und Facebookseite in einem täglichen Blog die Worte zuerst in ihrem Ursprung erklärt und dann versuche ich auf meine Art, diesen Ursprung und die Philosophie hinter dem Wort in unserem Leben zu reflektieren. Dabei finden wir heraus, dass wir als Weltgemeinschaft, egal welcher Religion wir angehören, einer viel größeren Aufgabe aufsitzen. Die Gemeinsamkeiten, zu lieben und zu leben.

Wir beschäftigen uns als Unternehmen, das sich im Halal- und Koscherbereich spezialisiert hat, selbstverständlich, wenn wir schon beim Thema sind, auch mit unserer Umwelt, Tierwelt und unseren Mitmenschen. Hier kommen wir nicht um die Erklärung des Sinns und der Stärke hinter „halal“ herum. Unter diesem Begriff verstehen wir nicht nur die Reinheit des Produktes im Sinne der islamischen Speisegesetze, also zum Beispiel, dass bei der Herstellung kein Ethanol, kein Palmfett, keine Gelatine oder der Farbstoff Karmin verwendet wird, sondern auch ein Verantwortungsbewusstsein für Produktionsweise und -bedingungen. In den letzten Jahren steigt das Bewusstsein für nachhaltige Produkte und faire Löhne, auch außerhalb Deutschlands, immer weiter. Diese Entwicklung findet auch in der muslimischen Community statt, man kehrt zurück zu einem ethischen Konsumbewusstsein und möchte ohne schlechtes Gewissen genießen können. Unsere Schokolade und der Kalender werden unter Bedingungen gefertigt, welche einen Beitrag zum Erhalt und zur Verbesserung der Umwelt leisten. Unsere Arbeiter werden gerecht entlohnt. Außerdem sind die Geschmackssorten, wie etwa Dattel mit Meersalz, einzigartig. Da entscheiden sich die Kunden lieber für ein vergleichbar teureres Produkt, dass aber durch seine Qualität und Reinheit einen größeren Genuss mit sich bringt.

Islamische Zeitung: Als Künstlerin, Aktivistin und Unternehmerin sind Sie mit unterschiedlichsten Personenkreisen vernetzt. Hat das – in Zeiten, in denen Vernetzung immer wichtiger wird – einen Effekt auf den Aufbau ­Ihres Geschäftes und seiner Tätigkeiten gehabt?

Nadia Doukali: Absolut. Ich würde sogar behaupten, dass gerade mein nicht-muslimisches Netzwerk von meinem Produkt als erstes begeistert war und ist. Nicht wegen des wirtschaftlichen Erfolges, sondern wirklich, weil sie auf einfache Weise plötzlich einige offene Fragen beantwortet bekommen haben.

Ich dachte eigentlich, dass mir Muslime die Bude einrennen und mit mir diesen Weg gehen würden, aber dem war leider nicht so. Ich muss es jetzt mal ganz hart sagen – meinen muslimischen Kontakten ging es primär um die Marge und meinen nicht-muslimischen Kontakten um die Idee der gesellschaftlichen Verbindung, anstatt Trennung allein durch ein Produkt. Ohne mein Netzwerk, welches auch meine ersten Kunden beinhaltete, und die Presse wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Ein schöner Beweis der Umma, nicht wahr?

Islamische Zeitung: Die Iftarlade ist mit dem Hinweis „halal“ und „koscher“ versehen. Damit sprechen Sie auch gezielt einen muslimischen Kundenkreis an. Gab es einen formali­sierten Zertifizierungsprozess, den Sie durchlaufen mussten und wie beeinflusste dieser ihre Produktion?

Nadia Doukali: Unsere Produkte werden von einem Rabbi und einem Imam, welche beide promovierte Lebensmittelchemiker sind, zertifiziert. Die Zertifikate werden jährlich geprüft und erneuert. Jedes neue Produkt, jede neue Rezeptur wird geprüft. Auch unsere einzelnen Zutaten sind halal und kosher. Wir achten zum Beispiel darauf, welcher Dünger benutzt wird und ob dieser den Halal-Richtlinien unterliegt. Eine geeignete Produktionsstelle zu finden war eine Herausforderung, aber wir konnten einen Partner finden, dem wir vertrauen. Bei diesem Hersteller steht uns eine eigene Produktionshalle zur Verfügung, hier wird also ausschließlich Iftarlade hergestellt, sogar die Mitarbeiter wurden dazu verpflichtet, während der Arbeitszeit keinen Alkohol zu konsumieren oder innezuhaben, um den Standard des Produkts abzusichern.

Islamische Zeitung: Sie haben sich den Begriff „Nafri“ als Marke gesichert. Ist das ein Werbegag oder hat die Aktion einen ernsthaften Hintergrund?

Nadia Doukali: Das war für mich eine wichtige Aktion. Schließlich ging es um einen diskriminierenden Ausdruck, der von den Rechten direkt benutzt wurde, um Männer mit schwarzen Haaren und „ausländischem“ Aussehen auszusortieren und vorzuverurteilen. Ich würde jetzt mal wild behaupten, wir reden hier von 80 Prozent der männlichen Erdbewohner. Da wir alle wissen, dass mit Nafri in Deutschland auch meine Söhne, die hier geboren wurden, gemeint sein könnten, wollte ich einfach dieses Negative, Gefährliche in etwas Positives verwandeln.

Meine Aktion machte die Runde, das Marken- und Patentamt hat immer noch damit zu tun, zu entscheiden ob, wie sie selbst in einem Brief an mich feststellten, ein „diskriminierender und verletzender Begriff“ als Marke geschützt werden darf. Ich war die Erste, die sich das Wort schützen ließ, somit wird niemand außer mir, sollte der Begriff als Marke durchgesetzt werden, es verwenden und missbrauchen können. Zum Beispiel wäre er auch auf Werbeplakaten der NPD verboten. Ein Erfolg und ein Beweis, dass man Dinge diskutieren kann, aber mit Popkultur in Form von T-Shirts und Tassen oft mehr erreichen kann.

Islamische Zeitung: Liebe Frau Doukali, zuvor schon haben Sie Kinderbücher und einzelne Geschichten für Kinder geschrieben und auch Hörbücher beziehungsweise Hörspiele gemacht. Gibt es für Sie einen Zusammenhang zwischen der künstlerischen Tätigkeit und dem Aufbau eines erfolg­reichen Startup-Unternehmens?

Nadia Doukali: Ein direkter Zusammenhang besteht da nicht, ein Unternehmen aufzubauen ist eine ganz andere Herausforderung. Während ich beim Schreiben meine Kreativität ganz ausleben kann, muss ich in der Firma auch die kaufmännische Seite übernehmen und meine Mitarbeiter anleiten –  als Führungspersönlichkeit. Von Natur aus kreativ veranlagt zu sein, hilft bei der Ideenentwicklung in einem Start-Up aber natürlich ungemein.

Islamische Zeitung: In einigen Teilen Deutschlands ist der Anteil muslimischer Unternehmer höher als in der Gesamtbevölkerung. Haben Sie Tipps für Muslime, die sich mit einer Geschäftsidee selbstständig machen wollen? Auf was muss man achten?

Nadia Doukali: Ich habe da immer ein Zitat von Goethe im Kopf, als er schrieb: Erfolg hat drei Buchstaben: T U N! Die meisten Hürden befinden sich immer noch in unseren eigenen Köpfen, als Unternehmer ist es wichtig die Angst vor dem Scheitern zu überwinden und sich den Risiken zu stellen. Dabei sollte der Gründung ein Prozess der sorgfältigen Überlegung und Einschätzung vorangegangen sein. Wichtig ist auch, wenn man unbedingt seinen Glauben als Begleiter für sein TUN mitnimmt, sich stetig zu hinterfragen und auch einer Art Eigenkontrolle zu unterziehen, für wen man das alles macht. Für das Ego sollte es niemals sein.

Islamische Zeitung: Wie wichtig ist für einen ganzheitlichen Erfolg die Begeisterung, wenn nicht Liebe für die Sache, die man macht – ob als Unternehmerin oder als Autorin?

Nadia Doukali: Die ist ganz essenziell! Ohne Leidenschaft für eine Idee wird die Umsetzung langfristig scheitern – egal ob es sich um ein Produkt, kreative Arbeit oder andere Ziele handelt. Wenn wir ganz hinter der Arbeit stehen, die wir machen, schaffen wir es, auch die schweren Zeiten durchzustehen und am Ende gestärkt herauszukommen. Am Ende des Tages werden wir auch nur ganz zufrieden sein und inneren Frieden erreichen, wenn wir den Dingen nachgehen, für die wir brennen.

Islamische Zeitung: Liebe Nadia Doukali, vielen Dank für das Gespräch.

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Sulaiman Wilms

Sulaiman Wilms

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