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Ohne mutige “Enthüllungs”-Netzwerke wie Wikileaks bliebe vieles im Dunklen. Von Sulaiman Wilms

Videos, Lügen und tote Zivilisten

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(iz/RT). Im jetzigen Umgang mit dem “Feind” funktionieren zwei einfache, aber effektive rhetorische Kunstgriffe auch nach Jahren immer noch sehr gut. Die unausgesprochenen Lehrsätze “weil sie böse sind, sind wir gut” und “wir müssen uns niemals für die Wirklichkeit unserer Ideologie rechtfertigen” haben ein Klima geschaffen, in dem beispielsweise Verbrechen im “Kampf gegen den Terror” entweder gar nicht erst an die Öffentlichkeit gelangen, oder aber als “Einzelfälle” kategorisiert werden. Auswirkungen hat dies nicht nur auf die so genannten politischen “Entscheidungsträger”, sondern auch auf die zusehend teilnahmslos berichtenden Massenmedien.

Vielfach würden eindeutige Verstöße gegen internationale Völker- und Kriegsrecht erst gar nicht ans Tageslicht kommen, gäbe es nicht so genannte “Whistleblower” (englisch für “Netzbeschmutzer”) und ihre Netzwerke wie “Wikileaks” geben. In den letzten Tagen veröffentlichte die Initiative gekürztes und ungekürztes Video- und Audiomaterial (im Internet als Direktdownload und als Bittorrent zu finden) eines Hubschrauberangriffes im Irak aus dem Jahre 2007, bei dem Zivilisten – sowie zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters – ermordet beziehungsweise verletzt wurden.

Im Gegensatz zu den engagierten Journalisten von Wikileaks, die seit Längerem unter Druck verschiedener Regierungen stehen und observiert werden, reagierte David Schlesinger, Chef von Reuters News, erstaunlich nüchtern auf die Veröffentlichung des Videos. “Dies ist der graphische Beweis der Gefahren, die sich aus der Kriegsberichterstattung und ihrer möglichen tragischen Ergebnisse ergeben.” Das war's? Die Reuters-Mitarbeiter liefen auf den Straßen ihrer Heimatstadt Bagdad, wurden verwundet und danach kaltblütig erschossen.

Kritiker stellten bereits die Frage, ob Schlesinger mehr an einem guten Verhältnis zum Pentagon gelegen ist als ein seinen ermordeten Mitarbeitern und ihrer Angehörigen. Angesichts der bestehenden Apathie bei Mainstreammedien wird die Arbeit von Wikileaks und vergleichbarer Zusammenschlüsse offenkundig immer wichtiger.

Nach Bekanntwerden der Aktion, laut Fachleuten kein Einzelfall, werden die Regeln der US-Armee in Frage gestellt, auch wenn die beteiligten Soldaten von einem Militärgericht bereits vorab freigesprochen wurden. “Ein Gefecht besteht nicht darin, einfach nur Menschen zu töten”, sagt Oberstleutnant Anthony Shaffer, Direktor des Center for Advanced Defence Studies. “Sie wollen so viele Menschen wie möglich am Leben erhalten. Die Einsatzregeln ermöglichen dies.” Nach Ansicht von Shaffer gebe es anhand der bestehenden Einsatzregeln keine Rechtfertigung für derartiges Verhalten von Soldaten im Irak und in Afghanistan.

Nicht nur im Irak, auch aus Afghanistan werden (siehe auch die Ereignisse der letzten Monate des dortigen Bundeswehreinsatzes) immer wieder fatale Tötungen von Zivilisten bekannt. Wikileaks bereitet gerade – nach Aussage eines Sprechers – die Ermordung von 97 Zivilisten auf, die im Jahre 2009 bei NATO-Aktionen ums Leben kamen.

Selbst die NATO musste mittlerweile einräumen, dass es bei ihrem Vorgehen immer wieder zu Toten kommt. So starben nach Angaben der Militärorganisation am 5. Februar fünf Familienmitglieder, darunter zwei schwangere Frauen, und ein Polizist. NATO-Vertreter gaben zu, dass es Versuche gegeben hatte, den Vorgang in der Ortschaft Khataba zu vertuschen.

Zu Anfang behauptete ein Sprecher von General Stanley McChrystal, dass die Zivilisten tot aufgefunden worden seien. Am 5. April räumte jedoch NATO-Sprecher, Oberstleutnant Todd Breasseale, ein, dass die Zivilisten während eines Einsatzes von NATO-Soldaten getötet wurden. Eine Untersuchung hatte ergeben, dass die beteiligten Soldaten sogar den Tatort verändert hätten, damit die Wahrheit nicht bekannt werden sollte.

“Die erste Geschichte, wonach diese Frauen bei 'Ehrenmorden' ums Leben kamen, hat sich als Lüge erwiesen”, sagte der Journalist David Lindorff, der darüber berichtete. “Ich glaube, wir können erkennen, dass hier Todesschwadronen am Werk sind, die auf der Suche nach Taliban in die Dörfer kommen. Hätten sie welche gefunden, hätten wir niemals davon gehört.”

Es wäre zu wünschen, dass sich kritische Investigativjournalisten und Insider auch in Deutschland daran machen, über die wirklichen humanitären Kosten der deutschen Kriegsbeteiligung in Afghanistan zu schreiben. Vor allem über jenes KSK-Kontingent, dass bisher weitestgehend vor einer kritischen Öffentlichkeit abgeschirmt blieb.

Links im Internet:
http://www.collateralmurder.com
http://wikileaks.org

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