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Motoren der Entwicklung

Osmanische Stiftungen ließen das Kapital zirkulieren

(iz). Handel beginnt mit der Investition von Kapital – unabhängig von der Größe des Geschäftes. Egal ob Kaufen und Verkaufen beziehungsweise Produktion und Verkaufen, für beides braucht es Startkapital. Bei den Osmanen gab es dazu Rückgriff auf verschiedene Geldquellen wie Partnerschaften, Darlehen, Bargeld-Auqaf (Auqaf Al-Nuqud) oder Geldverleiher (Sarraf).

Das osmanische Reich war ein islamisches. Bernard Lewis beschrieb es wie folgt: „Seine Menschen dachten von sich zuerst und vor allem als Muslime. Sowohl Osmanen wie Türken sind (…) Begriffe, deren Gebrauch vergleichsweise jüngeren Datums sind. Die osmanischen Türken identifizierten sich mit Islam (…).“

Das hatte zur Folge, dass die Wirtschaft im Machtbereich der osmanischen Kalifen von den Werten des Islam bestimmt war. Die prinzipielle Sorge galt dem Wohlergehen der muslimischen Gemeinschaft als Ganzes. Die Landvergabe durch den Sultan erfolgt auf Grundlage des Miri- beziehungsweise Timar-Systems. Die Steuern der Zakat, ‘Uschr und Dschizja wurden genommen und verteilt. Die Gesellschaft in der Zeit von Orhan Gazi erreichte einen solchen Wohlstand, dass es niemanden mehr gab, der Zakat annehmen konnte. Die Märkte wurden vom Muhtasib überwacht, der vom Sultan oder einem lokalen Qadi ernannt wurde.

Ein bedeutsamer Teil der erwirtschafteten Vermögen wurde – auch wenn sie manchmal in Qirad- oder Mudaraba-Geschäften gebunden waren – zur Gründung von Auqaf (sing. Waqf, Stiftungen) genutzt. Ihre wirtschaftliche Bedeutung kann nicht überschätzt werden, denn sie waren die ursprüngliche Einrichtung zur Umverteilung von Wohlstand. Das herstellende Gewerbe blühte dank der Handwerkergilden.

Die osmanische Geldordnung war – für ihren Großteil – bimetallisch, denn Gold und Silber wurden geprägt und zirkulierten ungehindert. Das monetäre System funktionierte bis hin zum letzten Viertel des 16. Jahrhunderts. Während des 16. und 17. Jahrhunderts lag das große und weit verstreute Kalifat an den Schnittpunkten des interkontinentalen Handels. Osmanische Finanzinstitutionen behielten ihren islamischen Charakter und blieben mehrheitlich unbeeinflusst von Entwicklungen, die zeitgleich in Europa vor sich gingen.

Innerhalb dieses islamischen Milieus wurden viele kommerzielle Techniken für die Geschäfte benutzt.

Einige dieser Techniken beinhalteten Partnerschaftsverträge wie Qirad/Mudaraba, Scharika/Muscharak und Kreditbriefe. Diese Transaktionen wurden islamrechtlich sanktioniert. Weil sie sozial passender waren, wurden sie Darlehen vorgezogen, die auf Wucher (arab. Riba) basierten. Osmanische Unternehmer nutzten diese Techniken und die Regierung verließ sich auf Steuerpacht für die Einziehung von Steuern sowie für kurzfristige Kreditaufnahme.

Auqaf Al-Nuqud – Bargeld-Waqf: Der Bargeld-Waqf war eine gemeinnützige Treuhandstiftung, die mit Geldern geschaffen wurde, um soziale Dienstleistungen im Namen Allahs zu fördern. Sie wurden Anfang des 15. Jahrhunderts von den osmanischen Gerichten zugelassen. Zum Ende des 16. Jahrhunderts entstanden viele Bargeld-Auqaf in Anatolien und den europäischen Provinzen. Sie waren verantwortlich für die größten Kapitalspritzen in die Ökonomien der Städte, wo es sie gab. Wohlhabende Einzelpersonen mit Kapital schufen die Auqaf Al-Nuqud.

Das Kapital dieser Stiftungen wurde bei Unternehmern investiert, die die Darlehenssumme zuzüglich eines vorab festgelegten Gewinnanteils zurückzahlten. Der Prozentsatz des Gewinns wurde vom Waqf bestimmt und die Profite wurden für spezifische religiöse und soziale Zwecke ausgegeben. Das Stiftungskapital wurde bei einem Treuhänder hinterlassen, der dann die Stiftung bei Gericht registrieren ließ. Die Einzelheiten der Stiftung wurden in die Listen des Gerichts namens vakif tahrir defterleri eingetragen. Der Betrieb eines Waqf Al-Nuqud begann mit der Übergabe des Kapitals an den Sachwalter. Danach kam die dortige Registrierung der Stiftung. Das Kapital dieser Auqaf wurde an Partner übergeben, die nach einer bestimmten Periode die Darlehenssumme zuzüglich eines vorab vereinbarten Gewinnanteils zurückzahlten. Diese Gewinne aus dem Kapital wurden dann für bestimmte religiöse und soziale Zwecke verwandt.

Einige, moderne Forscher sind der Ansicht, dass der vorher vereinbarte Prozentsatz des Gewinns Riba darstellt. Donduren hält dagegen, dass es sich dabei nicht um Zinsen, sondern um einen Prozentsatz der erwirtschafteten Gewinne handelte. Es gab drei verschiedene Methoden, wie ein Bargeld-Waqf seine Gewinne erwirtschaftete: Qirad/Mudaraba, Bida’a und Mu’amala Schar’ijja.

Qirad/Mudaraba: Hier wird eine der beiden Parteien als Rabb Al-Mal bezeichnet; das heißt, sie ist der Investor, der die Mittel anvertraut. Die zweite Partei ist der Mudarib; das heißt, der Unternehmer oder Agent/Manager. Der Mudarib investiert Arbeit, Zeit und betreibt das Geschäft entsprechend den Vertragsbedingungen. Erzielte Nettogewinne werden nach einem Verhältnis geteilt, auf das sich zuvor geeinigt wurde. Jeder Kapitalverlust wird vom Rabb Al-Mal getragen. Der Verlust des Mudarib besteht aus Zeit, Arbeit und entgangenen, erwarteten Verlusten.

Bida’a: Ein Vertrag, bei dem ein Waqf Al-Nuqud sein Kapital einem Darlehensnehmer anvertraute, der die Darlehenssumme ohne Kompensation, Kommission oder Gewinn an den Waqf abführte.

Mu’amala Schar’ijja: Dabei handelt es sich um einen allgemeinen Begriff, der unterschiedliche Methoden abdeckt, durch die Geld innerhalb der islamischen Parameter verliehen werden kann. Eine der beliebtesten, die dabei von den Stiftungen benutzt wurde, war die Hijal (juristischer Kniff) namens Istiglal. Sie wurde zum Gegenstand einer weiteren Debatte.

Hamdi Donduren gehört hier zur Minderheit, die die Ansicht vertritt, wonach die an die Stiftungen abgetretenen Summen keine Zinsen, sondern Gewinnanteile waren. Alle Transaktionen zwischen diesen Parteien seien gewissenhaft von den Rechtsgelehrten in Augenschein genommen worden und wären legal gewesen. Die Mehrheit der Forscher allerdings ist der Ansicht, dass das Finanzinstrument Istiglal Riba war, das von osmanischen Juristen durch die Technik des Hijal legalisiert wurde.

Eines der Gebiete innerhalb der Stiftungsforschung war die Wirtschaftsgeschichte der Regionen, in denen die Auqaf entstanden. Timur Kuran bemerkt, dass, auch wenn die Auqaf durch das islamische Recht bestimmt wurden, ihre Aktivitäten nicht auf religiöse Angelegenheiten begrenzt waren, noch galt ihr Nutzen ausschließlich den Muslimen. Öffentliche Dienstleistungen, die heute von Regierungsbehörden bereitgestellt werden, kamen früher von den Auqaf. Timur Kuran ist der Ansicht, dass „das Waqf-System als glaubwürdiges Werkzeug diente, dass sich an die Besitzer von Land und anderen festen Vermögenswerten richtete. Sie erhielten wirtschaftliche Sicherheit im Austausch für Investitionen in das Allgemeinwohl. Das System ermöglichte soziale Dienstleistung, indem es seinen Geldgebern Schutz gegen steuerhungrige Herrscher bot“.

Am Ende hatte der Aufstieg des modernen Bankwesens in Europa schwerwiegende Konsequenzen für das osmanische Kalifat. Und zwar genau deshalb, weil europäische Banken zu den mächtigsten aller Unternehmungen wurden, die durch das partielle Reservesystem die Versorgung mit Geld kontrollieren konnten. Es war die Verschuldung bei den europäischen Banken, die zum Niedergang des osmanischen Kalifates wurde. Es gibt eine erkennbare Verbindung zwischen dem osmanischen Import westlicher Technologie und einem zinsbasierten Finanzwesen.

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Dr. Riyad Asvat

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