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Osnabrück: Tagung über Frauen in Moscheegemeinden. Von Rania Nuur

Wandel muss von Innen kommen

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(iz) Die Kollegen vom Lehrstuhl für Islamische Religionspädagogik der Uni Osnabrück sind aktiv. Seit es sie gibt, haben sie mehrere Tagungen veranstaltet, die ersten Studenten des Studiengangs für Islamische Religionspädagogik ausgebildet, sie werden im Frühling nächsten Jahres den Master in der Hand halten, die Imamausbildung wird vorbereitet und beginnt diesen Herbst.

Auch Mitte September hatten sie eingeladen, gemeinsam mit der Konrad-Adenauer-Stiftung wollten sie sich dem Thema der Frauen im Islam widmen. „Die Rolle der muslimischen Frauen in den Moscheegemeinden“ war der Titel der III. Fachtagung in der Reihe „Religiöse Bildung und Integration“. Sicherlich ein spannendes Thema, wird doch immer wieder gefragt, wo denn nun die Frauen sind, bei den Muslimen. Angesichts der regen Diskussionen um die Frau im Islam erstaunt der Blick in die Runde der Teilnehmer – die Anzahl ist überschaubar und es sind muslimische Frauen in der Mehrzahl! Viele derjenigen, die nach den Frauen im Islam rufen, haben den Weg hierher nicht gefunden – schade. Geht hier doch ein großes Potential an kompetenten Gesprächen verloren. Nach der Eröffnung durch Prof. Bülent Ucar, durch die Vizepräsidentin der Uni Osnabrück, Frau Blasberg-Kuhnke und auch durch Frau Honey Deihimi, der Integrationsbeauftragten des Landes Niedersachsen folgt ein erfrischender Beitrag zum Thema der Frauen und Moscheen in historischer Perspektive, danach wird das Frauenbild bei muslimischen Philosophen und Mystikern durch zwei Professoren aus Istanbul erörtert, bis dann die nächsten beiden Vorträge in der Gegenwart enden, indem über Frauen in Vorständen von Moscheegemeinden referiert wird.

Interessant an diesen Beiträgen ist die Strukturierung der Frauenarbeit in einerseits große Moscheeverbände und andererseits kleinen einzelnen Moscheen. DITIB, VIKZ und Milli Görus werden hier unter die Lupe genommen. Allen drei großen Verbänden ist hier gemeinsam, dass sie kaum Frauen in den Vorständen haben, obwohl alle sie sich positiv zu Frauen in diesen Gremien positionieren. Frau Abdel-Rahman hebt hervor, dass sich im Laufe der Zeit aus dem Privileg einer Frauenräumlichkeit eine abgeschottete, meistens sehr gut ausgestattete Frauenabteilung entwickelt hat. Die Frauen sind somit unter sich – die Männer auch. Und genau hier liegt dann auch das Problem. Die Kommunikation zwischen beiden Bereichen ist manchmal gut, meisten schlecht und sehr oft gar nicht vorhanden. Da leben zwei Welten nebeneinander in einer Gemeinschaft. Genau diesen Aspekt bestätigte auch Frau Yardim, die einen Tag später sehr anschaulich und lebendig über die Frauenwelten der VIKZ berichtete.

Auch Frau Dr. Abid, die über Erfahrungen aus Österreich berichtete, beschrieb das gleiche Phänomen. In Entscheidungsgremien, die ganze Moschee betreffend, sind Frauen sehr selten eingebunden. Untersucht man, in welcher Funktion frau in den Vorständen arbeitet, dann wird ihr geschlechtsspezifisch die Funktion der Frauenbeauftragten zugewiesen. Sicherlich nicht verkehrt, eine weibliche Ansprechpartnerin zuhaben. Inwieweit dies allerdings fördert, dass mann sich mit frau auseinandersetzt, sich für ihre Belange wirklich interessiert, bleibt dahin gestellt. Explizit wird hier auch darauf verwiesen, dass Frauen sich selbst gern in „ihre“ Bereiche einordnen. Über die Baugenehmigungen ihrer Gebetshäuser wissen wohl die wenigsten Bescheid. Hier ist ein Umdenken notwendig, wie einhellig von allen Referentinnen bestätigt wurde: Frauen und Männer müssen sich beide beteiligen und interessieren für Entscheidungsprozesse in ihrer Moschee – und zwar geschlechterunabhängig! Ist der Islam doch eine Religion der Gemeinschaft.

Auch die Frage, ob dies nun ein typisch „muslimisches“ Problem sei, wurde aufgeworfen, die Antwort war verblüffend. Stellte doch eine Referentin die Anzahl der vertretenen Frauen in den 200 größten Unternehmen Deutschlands den Frauen gegenüber, die in Vorständen der DITIB Gemeinden vertreten sind. So waren es von 833 Sitzen in den Vorständen der Wirtschaft nur 21, die mit Frauen besetzt waren – bei DITIB war es fast deckungsgleich: in vielleicht 30 Ortsverbänden arbeiten Frauen im Vorstand, von ca. 900 insgesamt. Dieser Blick zeigt, gesamtgesellschaftlich sind Frauen eher die Ausnahmen in Schlüsselpositionen, in der Wirtschaft wie in den Moscheen.

Innerhalb der Tagung wurde deutlich, dass hier ein Forschungsdesiderat besteht, welches untersucht, warum Frauen so wenig in den Vorständen einbezogen sind. Ein Ausweichen auf religiöse oder kulturelle Begründungsmuster erscheint hier zu oberflächlich. Wurde doch auch von Frau Naz aus Hamburg darauf hingewiesen, dass Frauen selbst nicht leicht für die Vorstandsarbeit zu gewinnen sind bzw. sie als nicht für notwendig erachten. Dass es gerade durch die jüngere Generation einen Wandel gibt, haben die beiden engagierten Referentinnen Frau Mayrhofer-Diaw aus Österreich und Frau Corbo-Mesic seitens der bosnischen Muslime dargelegt. Von einer anderen Seite beleuchtete Frau Prof. Klinkhammer die muslimischen Frauen. Sie stellte die verschiedenen Phasen vor, beginnend mit den frühen neunziger Jahren, in denen sich eigenständige Frauennetzwerke und –organisationen gegründet haben. Kritisch anzumerken ist hier die Bedeutung, die einzelnen Netzwerken zugemessen wurde, wie z.B. dem Huda-Netzwerk. Der Radius der erreichten Frauen und die damit verbundene Aktivität waren sicherlich wesentlich kleiner und schlichter – wenn auch nicht unwichtig, als dargestellt. Das AMF, das Aktionsbündnis für muslimische Frauen, wurde gar nicht erst erwähnt – ein deutliches Zeichen an deren Mitglieder, sich deutlicher bemerkbar zu machen.

Es sind sicherlich viele interessante Aspekte dargestellt worden; aber was der Tagung fehlte, waren drei wichtige Dinge: die Kontroverse, die Männer der Moscheeverbände und der europäische Blick. Berechtigt wurde gefragt, warum zur Diskussion nicht auch Frauen eingeladen wurden, deren Meinung kontrovers diskutiert wird. Ein Vortrag über Amina Wadud, ihre Haltung und Ansichten wäre bereichernd gewesen. Auch wenn man ihre Meinung nicht teilt, so meint doch wissenschaftlicher Diskurs auch, sich mit ungeliebten oder anderen Positionen und Perspektiven auseinander zu setzen und sich nicht davor zu scheuen. Ebenso bereichernd wäre die Sicht eines männlichen Vorstandsmitgliedes gewesen. Denn frau ist ein Thema für alle. Ein Blick über den Tellerrand nach Belgien, Niederlande oder gar England, wo es derzeit einen Wettbewerb um die frauenfreundlichste Moschee gibt, wäre sehr spannend gewesen.

Beendet ist das Thema der Partizipation von Frauen noch lange nicht, es wurde angesprochen und diskutiert. Für einen Wandel in den Moscheen braucht es Lösungswillen und Geduld, aber keine oberflächlichen Einschätzungen und Wertungen, der Wandel muss von innen kommen, aus den Gemeinden selbst, von den einzelnen Muslimen, den Männern und den Frauen!

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