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Osnabrück: Tagung zur universitären Imam-Ausbildung, Eine Betrachtung von Wolf D. Ahmed Aries

Die Dilemmata der Muslime

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(iz). Die Osnabrücker Professoren Bülent Ucar und Rauf Ceylan hatten Ende Febaruar zur einer dreitägigen Konferenz unter der Frage „Imam-Ausbildung in Deutschland“ eingeladen. Das Thema griff nicht nur eine zentrale Problematik der zur Zeit laufenden Debatte auf, sondern traf zugleich in das Zentrum der politischen Landschaft, hatte doch der Wissenschaftsrat gerade seine Empfehlungen zum Wandel der wissenschaftlichen Theologie an den Universitäten veröffentlicht. Dort hatte man empfohlen, islamische Institute an den Universitäten mit mindestens fünf eigenen Lehrstühlen einzurichten.

Kein Wunder also, dass die Anmeldungen die Osnabrücker räumlichen ­Kapazitäten so überforderten, dass vielen abgesagt werden musste. Sie dürfen daher mit Interesse der kommenden ­Publikation der Referate entgegensehen; denn bei aller Skepsis vor dem Sammel­surium des Programms entwickelte sich die Tagung zu einem seltenen Glücks­fall gelungener öffentlicher Reflexion, in der präzise die Dilemmata der islamischen Minderheit im deutschen Kontext sichtbar gemacht wurden. Nach dem einzigen römisch-katholischen Redner, dem Würzburger Hans-Georg Ziebertz, ließe sich sogar das „deutsch“ auf den norddeutschen Raum einschränken.

Dieser Hinweis führt zum ersten Dilem­ma der Muslime, das sich bereits in der Eröffnungsrede des engagierten niedersächsischen Innenministers, Uwe Schünemann, zeigte und sich durch die Tagung hindurch zog. Die – die Tagung beherrschende – Begrifflichkeit war allein von der im 19. Jahrhundert entwickelten protestantischen Terminologie domi­niert. So war von der islamischen „Theologie“ die Rede, ohne zu sagen, was man darunter versteht, denn diesen Begriff gibt es im Diskurs der islamischen Gelehrten, der ‘Ulama, nicht. Ist also die muslimische Diskussion der Grammatik im Rahmen der Ulum Al-Qu’ran das Gemeinte oder der Isnad? Und wenn man im Rahmen des hiesigen Studiums Muslime akademisch qualifizieren möchte, auf welche Gegenstände will man sich konzentrieren?

Die strukturell gleiche Problematik zeigte sich beim Begriff, der Bezeichnung und Rollenbeschreibung des Imams. Die an der Orthopraxie orientier­ten Moschee-Vereine, christlich werden sie „Gemeinde“ genannt, sehen im Imam zuerst den Vorbeter, Rezitator, den Hafidh und Lehrer des arabischen Qur’ans etc., den man allerdings auch zum eigenen Verhalten und zu ­Halal und Haram befragen kann. Hinge­gen umfasste das von einzelnen Referenten entwor­fene Rollenbild des Imams eine solche Fülle von Aufgaben, dass er quasi zum „Supermann“ heranwuchs.

Das zweite Dilemma wurde in Gesprä­chen zwischen Orientalisten und christlichen Theologen hörbar. So wenig wie im Unterricht Glauben vermittelt wird, so wenig wird in der akademischen Ausbildung die Religion als Glaube reflektiert. Da wird der Qur’an als Text herme­neutisch und historisch zugänglich ­gemacht, aber nicht die Ästhetik des Tadsch­wid [der besten Form der qur’anischen Rezitation] gelehrt. Wie kann ein Gläubiger, so fragte jemand, rezitieren und bei den „Gender-Aussagen“ nicht abbrechen, um in den Diskurs zu gehen? Wer dies nicht tue, der sei doch nicht ernst zu nehmen. Hingegen fragten sich Muslime, was das für ein Imam sei, der nicht einmal den Tadschwid beherrscht.

Zerstört die akademische Frage die Freude an der Schönheit des Göttlichen Wortes? Und wenn Muslime sich dieser Haltung zuwenden, werden sie dann nicht zu christlichen „Mozarabern“?

Das dritte Dilemma zeigte sich in der Bedingungslosigkeit der Gegenwart. Allein die bosnischen Referenten sprachen von ihrer historischen Entwicklung. Weder die türkische noch die ­deutsche Geistes- und Minderheitengeschichte wurde an irgendeiner Stelle hörbar. Schließlich waren und sind Muslime nicht die erste oder gar einzige Minderheit in diesem Lande.

Schon vor zwei Jahren verwies Wilke im Rahmen seiner Arbeiten auf die Ähnlichkeiten zwischen Deutscher Islam­konferenz und der Geschichte des Gro­ßen Sanhedrins. Das Tel Aviver Ins­ti­tut für deutsche Geschichte thematisierte in einer Tagung die Frage der histo­rischen Analogie. Es gab nicht nur Huge­notten, Salzburger und polnische Bergarbeiter. Aber diese historische Zurückhaltung (Ignoranz?) charakterisiert die bundesdeutsche Gegenwart.

Nun verweist die Perspektive auf die Vergangenheit fast zwangsläufig auf den Aspekt der Zukunft, womit die Reflexion beim vierten Dilemma angekommen ist. Wenn der künftige Imam über seine klassischen geistlichen Aufgaben hinaus in die Aufgabe eines „protestantischen Pfarrers“ landesherrlichen Regimentes hineinwachsen soll, welche Erzie­hungsziele stehen ihm dann zur Verfügung? Da die Bundeszentrale für Politische Bildung die Osnabrücker Tagung mitfinanzierte, also ein Instrument der westalliierten Bemühungen der Reeducation nach dem zweiten Weltkrieg, wird ge­ra­dezu die Frage des „Wohin?“ provo­ziert. Nur hat niemand eine Antwort da­rauf. Diese Lücke thematisierte der Minister für Auslandstürken, Herr Celik, bei seinem letzten Besuch in Köln. Nun ist die akademische Agora kein Turnierplatz tagespolitischer Ideen.

Mit dem folgenden Dilemma kommt ein Aspekt zur Sprache, der im Referat des Erlangers Heinrich de Wall deutlich wurde. Es ging um die rechtliche und schließlich organisatorische Einbindung der Selbstorganisationen der Minderheit in das Rechtssystem der Bundesrepublik Deutschland. Die juristische Problematik scheint nicht mehr das zentrale Problem zu sein, denn offensichtlich bieten sich hier Handlungsalternativen an, die sich auch durch neuere Urteile des Bundesverfassungsgerichts ergaben. Sie bestätigen den niedersächsischen Weg zum „gemeindlichen“ Verbund, zur Schura.

Allein, wer soll die künftigen, universitär ausgebildeten Imame oder Lehrer übernehmen, das heißt bezahlen? Viele Moschee-Vorstände sind heute schon mit der Finanzierung der laufenden Kosten überfordert, sodass sie unter den Schutzschirm der staatlichen Dependancen der Republik Türkei geflüchtet sind. Obwohl sie Alternativen vorzögen, wie hinter vorgehaltener Hand zu hören ist.

Übrigens war an keiner Stelle zu ver­neh­men, dass alle bestehenden integrativ wirkenden Selbstorganisationen der Muslime aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln entstanden sind. Sie wurden begleitet vom stetem Miss­trauen. Muslime wurden im Widerstand gegen die Mehrheit in diesem Lande heimisch.

Die Darstellungen der britischen, schweizerischen, bosnischen und niederländischen Referenten machten deutlich, dass der suchende Blick über die west-europäischen Grenzen hinaus ­keine Lösungen für die deutsche Problemlage anbietet.

Der deutsche, geistesgeschichtliche Weg in den (preußisch-)protestantischen Diskurs zwingt gläubige Bürger und Bürgerinnen, welchen Glaubens auch immer, Eigenes zu denken. Und um an der kommunikativen Vernunft der Mehrheitsgesellschaft teilzuhaben, müssen die Muslime in ihren Begriffen diskutieren. Die Mozaraber lassen grüßen.

Der Beobachter kann abschließend den Veranstaltern nur zu einer solchen Tagung gratulieren. Ihr Erfolg zeigt, dass die Muslime im Diskurs dieser, ihrer Gesellschaft angekommen sind und alle, trotz negativer Randerscheinungen, nach einer gemeinsamen Zukunft suchen.

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