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„Paradoxes Zusammenspiel von Unglaube und Angst vor Islam“

Interview mit dem Leipziger Soziologen Gert Pickel zu Religion in öffentlichen Debatten

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Foto: Steffen Müller, zugeschnitten, Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Leipzig (KNA). Die Deutschen werden ungläubiger – und reiben sich zugleich immer mehr am Islam. In einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) interpretiert der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel beide Trends. Den Kirchen empfiehlt er kritische Distanz zu politischen Verteidigern eines christlichen Abendlandes.

Frage: Herr Professor Pickel, der gesellschaftliche Rückhalt der Kirchen nimmt ab, zugleich wird der Ruf nach Verteidigung des christlichen Abendlandes gegen den Islam lauter. Inwieweit ist das ein Thema für die Religionssoziologie?

Gert Pickel: Das ist eines der zentralen neuen Themen der Religionssoziologie und vor allem der Forschung zu Politik und Religion. Es gibt ein fast paradoxes Zusammenspiel zwischen einer ungebrochenen Säkularisierung auf der einen Seite und so etwas wie eine „Rückkehr der Religion“ in die öffentliche Diskussion. Dabei spielt Religion eine eher negative Rolle – sie dient vor allem rechtspopulistischen Akteuren zur Abwehr einer kulturellen Bedrohung. So wird vor allem die Zugehörigkeit zum Islam ein Merkmal zur Identifikation eines Gegners.

Frage: Gibt es verlässliche Zahlen zu dieser auseinanderdriftenden Entwicklung?

Gert Pickel: Die Zahl der Konfessionslosen wächst seit den 1970er Jahren stetig und übersteigt bereits die Mitgliedschaften der einzelnen großen Kirchen in Deutschland. Auch die Zahl derer, die sich allgemein als religiös bezeichnen, sinkt konstant. Zugleich fühlt sich mehr als jeder zweite Deutsche vom Islam, was immer er auch darunter versteht, bedroht. In Ostdeutschland sind es noch mehr als in Westdeutschland, obwohl oder vielleicht, weil dort fast keine Muslime leben.

Frage: Wie interpretieren Sie diesen Trend?

Gert Pickel: Es handelt sich um zwei Trends, die teilweise unabhängig voneinander sind. Dabei hat die Tendenz, die religiöse Zugehörigkeit als Abgrenzungsmerkmal zu verstehen, einen wesentlich politischeren Charakter.

Frage: Kommt das überraschend für Sie?

Gert Pickel: Die Säkularisierung ist nichts Neues. Erstaunlicher ist die Entwicklung, die religiöse Zugehörigkeit als Merkmal für Vorurteile gegenüber bestimmten Gruppen zu nutzen. Auch in der modernen westeuropäischen Gesellschaft spielt das offenbar noch eine beachtliche Rolle. Ausgelöst wurde dies sicher auch durch die starken Fluchtbewegungen nach Europa, bei denen die Geflüchteten pauschal meist als Muslime betrachtet werden.

Frage: Inwieweit sind die Verfechter des Abendlandes offen für eine kritische Korrektur ihrer Weltsicht durch die Kirchen?

Gert Pickel: Da stelle ich wenig Einsicht fest. Einige christliche Grundwerte wie das Gebot der Nächstenliebe stellen ja ein Problem für die „Verfechter des Abendlandes“ dar. Sie vertragen sich nur sehr schlecht mit ihren mehrheitlich auf Ausgrenzung und Ablehnung ausgerichteten Positionen.

Frage: In jüngster Zeit ist immer wieder auch von einem christlich-jüdischen Deutschland die Rede. Gibt es ein gesellschaftliches Bewusstsein für eine auch jüdische Prägung unserer Kultur?

Gert Pickel: Diese Nähe wird gerade in theologischen Diskussionen immer wieder betont, in der Bevölkerung ist diese Verbindung allerdings von nur geringer Bedeutung. Dort unterscheidet man deutlich zwischen beiden Religionen. Die meisten sehen eine historische Verantwortung der Deutschen gegenüber dem Judentum, allerdings fühlt sich auch jeder Fünfte durch das Judentum bedroht. Das deutet auf einen bemerkenswerten Anteil an zumindest sekundärem Antisemitismus, also eine Konfrontationsstellung gegenüber Israel, hin.

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Gregor Krumpholz

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