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Peking verfolgt die Uiguren. Traditionelle Lebensweise weicht Turbokapitalismus. Von Antoaneta Beslowa, Kaschgar

„China betreibt einen kulturellen Genozid“

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(IPS) In der Abenddämmerung mag die altehrwürdige Id Kah-Moschee in Kaschgar mit ihrer orientalisch anmutenden Umgebung auf den ersten Blick an ein Märchen aus „Tausend und einer Nacht“ erinnern. Tatsächlich sind die mit Minaretten verzierten Ladenzeilen erst ein paar Jahre alt, eintöniger Ersatz für die malerischen Basare, die das in der westchinesischen Provinz Xinjiang heimische muslimische Turkvolk der Uiguren einstmals mit geschäftigem Leben erfüllten. Wirklich alt ist nur die berühmte, aus dem 15. Jahrhundert stammende Id Kah-Moschee, Chinas größte und älteste Moschee. Die engen, stets überfüllten Marktgassen wurden abgerissen. Sie mussten einem großen, übersichtlichen Platz und einem modernen Stadtzentrum weichen. „Es ist vielleicht nicht mehr wirklich authentisch, doch die neuen Gebäude sind viel schöner und für die Touristen attraktiver als die frühere Altstadt“, erklärt der Uigure Askaer, ein Vertreter der lokalen kommunistischen Partei, bemüht, möglichen Fragen der Besucher nach dem Original zuvorzukommen.

Jahrhunderte lang hatten die Chinesen versucht, das von den unabhängigen Uiguren regierte, an der Seidenstraße gelegene reiche, blühende Handelszentrum Kaschgar unter ihre Kontrolle zu bekommen. Diese alte Handelsstraße war der Korridor, der China mit Zentral- und Südasien und dem fernen Europa verband. Mit der Restaurierung von Kaschgar sollte zwar eine Touristenattraktion geschaffen werden, doch nach der rigorosen Modernisierung der Innenstadt mit dem großen Zentralplatz und den herausgeputzten neuen Gebäuden ist Kaschgar heute eher ein Ebenbild der vielen anderen modernisierten chinesischen Großstädte, auch wenn etwa 90 Prozent seiner rund 340.000 Einwohner Uiguren sind.

Die Stadtverwaltung hat einige der alten Häuser erhalten und lässt die Besucher auf einer Besichtigungstour einen Blick auf den exotisch anmutenden Alltag der Einheimischen werfen. Wie in einem Freilichtmuseum backen sie hier ihr traditionelles Brot, brühen ihren Tee und sticken ihre prächtigen langen Schals.

21 der gut 640 Häuser sind so gut erhalten, dass man sie Touristen vorführen kann. Mit den sonnigen Terrassen und der Blumenpracht ihrer Höfe sollen sie etwas vom Charme des alten Kaschgars vermitteln. Die Bewohner der übrigen alten Häuser sind arm und lassen die Gebäude verfallen, wie die junge Stadtführerin freimütig einräumt.

Die hohen Mieten, die für die neuen Läden der großen Einkaufsmeilen am Zentralplatz verlangt werden, sind für einheimische Uiguren, die hier früher ihre Verkaufsstände kostenlos aufbauen konnten, unerschwinglich. Das Geschäft machen jetzt die aus dem chinesischen Inland zugewanderten Han-Chinesen, die billige chinesische Konsumwaren aus chinesischen Fabriken verramschen.

Auch in Hotan, einer anderen alten Stadt an der ehemaligen Seidenstraße, bieten touristische Projekte den Besuchern Motive für einen Schnappschuss. Hier kann man ein paar Dutzend Einheimische beobachten, die traditionelle Handwerkskunst wie das Färben von Seide und das Teppichweben vorführen. Im Gegensatz zu diesen Jobs haben Angehörige der uigurischen Minderheit keine Chance, im Luxushotel „Yudu“ in der Nähe als Rezeptionisten oder Kellner angestellt zu werden. Für diese Arbeite werden ausdrücklich „nur Han-Chinesen“ gesucht.

Uigurische Muslime, die, wie Batur Abdula, für die Stadtverwaltung von Hotan arbeiten wollen, müssen dafür einen Preis bezahlen und einen Teil ihrer ethnischen Identität aufgeben. Abdula musste seinen Bart abrasieren und darf nicht mehr zur Moschee gehen. Chinesische Behörden sehen es nicht gern, wenn ihre Angestellten ihre Religion öffentlich ausüben.

Mit einer gezielten Zuwanderungspolitik, die Han-Chinesen in die entlegene Westprovinz Xinjiang schickt, ist es der chinesischen Führung gelungen, die hier ansässigen muslimischen Turkvölker wie Uiguren und Kasachen zu einer ethnischen Minderheit zu machen und sie wirtschaftlich zu marginalisieren. Seit dem vergangenen Jahr ist es amtlich: Elf Millionen der 20 Millionen Einwohner der autonomen Region Xinjiang sind Han-Chinesen und gehören damit zur größten und beherrschenden chinesischen Ethnie.

Viele Chinesen kamen mit den Soldaten, die Mao Tsedong in den 50er Jahren hierher geschickt hatte. Später ließen sich viele Inlandchinesen von den neu entdeckten wirtschaftlichen Reichtümern Xinjiangs, den Erdöl- und Erdgasvorkommen im Tarimbecken, an dessen Westrand Kaschgar liegt, nach Westen locken. Seit den 90er Jahren hatte die Zentralregierung mit einer „Westwärts!“-Kampagne um Zuwanderer für Xinjiang geworben. Heute transportiert eine 4.200 Kilometer lange, durch sechs chinesische Provinzen führende Pipeline ein 14,5 Milliarden-Dollar-Projekt, Erdgas aus dem Tarimbecken an die Ostküstenmetropole Schanghai. Die Energieressourcen aus dem Tarimbecken haben noch an Bedeutung geworden, seitdem die Ergiebigkeit anderer chinesischer Ölfelder, etwa in Daqin, die seit den 50-Jahren in Betrieb sind, abnimmt. Chinas staatlicher Erdölgigant PetroChina rechnet damit, dass die Rohölförderung im Tarimbecken in diesem Jahr um 50 Prozent auf 15 Millionen Tonnen steigt.

Ihre günstige geographische Lage verheißt der Wirtschaft der Region eine glänzende Zukunft. Weil jede Erdöl- und Erdgasleitung aus den energiereichen zentralasiatischen Staaten durch Xinjiang führen muss, entsteht hier derzeit Chinas größtes petrochemisches Industriezentrum. Angesichts der Bemühungen Chinas um die Sicherung und Diversifizierung der für die rasant wachsende Industrialisierung benötigten Energie gibt es schon jetzt Pläne für den Bau von mindestens drei Pipelines aus Russland und Zentralasien.

Nach Ansicht einheimischer Uiguren besteht kaum Hoffnung, dass auch sie eine Chance haben, von den glänzenden Wirtschaftsaussichten ihrer Heimatregion zu profitieren. „Wo Öl und Geld zu holen sind, findet man nur Han-Chinesen“, kritisierte ein Uigure in Hotan. Die Dozentin und China-Expertin Elizabeth Economy, die beim US-amerikanischen Rat für auswärtige Beziehungen die Abteilung für Asien-Studien leitet, bestätigte diese skeptische Einstellung. „Die Arbeitskräfte kommen aus dem Osten, und dorthin fließen auch die Gewinne“, sagte sie IPS. „Ohne grundlegende Änderungen werden die Menschen in Xinjiang nicht von dieser Entwicklung profitieren.“

Große chinesische Ölkonzerne wie PetroChina behalten zwar bei ihren verschiedenen Projekten in Xinjiang 28 Prozent der Arbeitsplätze den einheimischen ethnischen Minoritäten vor. Doch auf den Öl- und Gasfeldern findet man unter den Beschäftigten kaum einen Einheimischen. Man traut ihnen nicht, denn hier gelten Muslime als Sicherheitsrisiko. Unter den hundert Arbeitern und Ingenieuren, die in Lunnan am Ausgangspunkt der nach Schanghai und Peking führenden Erdgasleitung beschäftigt sind, ist kein einziger Uigure.

Weil die Regierung in Peking Xinjiang für eine politische Krisenregion hält, verlässt sie sich bei der Sicherung der wirtschaftlich so bedeutenden Energieressourcen der Provinz nicht allein auf den forcierten Zuzug von Chinesen aus dem Inland, sondern ist hier auch militärisch stark präsent. Die wegen der politischen Schikanen und der religiösen Unterdrückung bestehende Antipathie der einheimischen Minoritäten gegen die Zentralregierung wird durch die massive Truppenpräsenz noch verstärkt.

Zudem sorgen politische Unruhen und das Auftreten „islamischer Fundamentalisten“ im benachbarten Pakistan und in Afghanistan dafür, dass auch in Xinjiang der Islam neuen Zulauf erhält. Die regionalen Behörden befinden sich in guter Gesellschaft, wenn sie ihre Repressalien gegen die muslimischen Minderheiten als Terrorbekämpfung ausgeben. Vor der internationalen Gemeinschaft rechtfertigen sie die Verstärkung der Sicherheitskräfte und die rigorose Kontrolle der Religionsausübung mit der Behauptung, man wolle einen Beitrag zum globalen Anti-Terrorkampf leisten.

Die ablehnende Haltung der Uiguren gegenüber den Chinesen ist überall in Xinjiang deutlich zu spüren. Weit brisanter jedoch ist das unter den nicht-chinesischen ethnischen Minderheiten der Region vorherrschende Gefühl, von den Chinesen wirtschaftlich ausgegrenzt zu werden.

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