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Pesantren: eine islamische Bildungsalternative in Indonesien. Von Claudia Seise

Lernen auf dem Lande

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(iz). „Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf. Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen. Lies; denn dein Herr ist Allgütig, Der mit dem Schreibrohr lehrt, den Menschen lehrt, was er nicht wusste.“ (Sure Al-’Alaq)

Indonesien ist das Land mit den meisten Muslimen. Achtzig Prozent aller Indonesier folgen dem Islam. Wissen, das Erlangen von Wissen, das Anerkennen von Wissen und dessen Weitergabe sind ein elementarer Bestandteil des Islam und als dessen natürliche Ausformung werden Bildung und Bildungseinrichtungen in einer muslimischen Gemeinschaft geschaffen, um dem verpflichtenden Gebot Allahs, Wissen zu suchen, gerecht zu werden.

In Indonesien sind die so genannten „Pesantren” eine Bildungseinrichtung, die versuchen, diesem Gebot nachzukommen. In anderen südostasiatischen Ländern, wie Malaysia, im Süden Thailands oder in den Gebieten der muslimischen Minderheit Kambodschas gibt es ähnliche Einrichtungen. Die heutigen Pesantren Indonesiens sind Islamschulen mit angeschlossenem Internat. Sie lehren gewöhnlich sowohl Mädchen als auch Jungen im Schulalter die islamische Religion und damit verbundene Fächer – Lesen des Qur’an, Auslegung religiöser Texte (Tafsir), Auswendiglernen des Qur’an, islamisches Recht, aber auch weltliche Fächer wie Mathematik, Sprache(n) und Naturwissenschaften.

Die Entwicklung der Pesantren auf Java
Wissenschaftliche Literatur zur Geschichte und Entwicklung der Pesantren in Nusantara oder dem indonesischen Archipel ist leider stark begrenzt und bezieht sich fast ausschließlich auf Java. Nach Angaben von Professor Yunus, der 1957 das Standardwerk „Zur islamischen Erziehung in Indonesien“ veröffentlichte, wurde das erste Pesantren Javas 1475 von dem Adligen Raden Fattah im Wald von Glagah Arum, südlich von Jepara gegründet. Raden Fattah war der Sohn des letzten Majapahit-Königs und Gründer des Reiches Demak Brawijaya. Unter dem Einfluss des Pesantren, so Yunus, wurde das Dorf Glagah zur Hauptstadt des Königreiches Demak. Den Quellen zufolge entstand die erste Islamschule beziehungsweise Pesantren im 15. Jahrhundert an der Nordküste Javas. Auch heute noch ist die Gegend um Demak als geschichtliches Denkmal des Islams bekannt. Die berühmtesten Pesantren Javas im 15. Jahrhundert waren in Gresik, Surabaya (Ostjava) und wurden von Wali Sunan Giri geführt.

Der Leiter eines Pesantren wurde, wie auch heute häufig noch, Kyai genannt und stammte gewöhnlich aus einer Gelehr­tenfamilie, die ihre Wurzeln häufig bis zu einem der Walisongo zurückführen konnten. Die Person des Kyai und dessen Familie wurde von der Dorfgemeinschaft versorgt und seine Felder von den Bewohnern beziehungsweise seinen Schülern bestellt. Im 19. Jahrhundert verloren die Pesantren als zentrale, javanische Bildungsanstalten durch die Konkurrenz holländischer Schulen an Bedeutung. Die Eliteeinrichtung Pesantren wandelte sich zur Volksbildung. Die höheren Schichten schickten ihre Söhne an holländische Schulen, während die unteren Schichten die Gelegenheit auf Bildung nutzen.

Pesantren in Sumatra
Die im oberen beschriebene Entwicklung der Pesantren bezieht sich nur auf die Insel Java. Nun stellt sich die Frage, ob auf anderen Inseln des indonesischen Archipelago Pesantren oder Pesantren-ähnliche Einrichtungen schon eher existiert haben und wenn ja, ab wann und in welcher Form?

In Südsumatra, in der Nähe der Provinzhauptstadt Palembang zum Beispiel, gehörte bis vor wenigen Jahrzehnten islamische Bildung zum täglichen Leben der Dorfbewohner, so einer der Bewohner. Diese Bildung fand noch vor der formellen (westlichen) Schulbildung statt und formte für viele Dorfbewohner, aufgrund der Entfernung zu öffentlichen, staatlichen Schulen oder Mangel an finanziellen Mitteln, die einzige Bildung. Zur islamischen Bildung dieser Dorfbewohner gehörten das Erlernen der arabischen Schrift zum Lesen des Qur’an, Regeln zum Lesen des Qur’an, Auswendiglernen des Qur’an und das Lernen über klassische Literatur des Islam, meist vermittelt durch reisende Islamgelehrte. Außerdem kamen regelmäßig reisende Gelehrte, die über Recht und Lehre des Islams referierten.

So kann behauptet werden, dass die Einrichtung der islamischen Bildung ein holistisches, das ganze Dorf und Dorfleben umfassende Konzept war und aus diesem auch hervorging, und nicht eine vom alltäglichen Leben getrennte Institution formte, wie sie es in Java gab und heutzutage in ganz Indonesien noch gibt.

Pesantren heute
Pesantren vereinen gewöhnlich formelle Bildung (islamische und heutzutage auch nicht-islamische) und informelle Bildung durch den Einfluss der Umgebung, in einem und werden deshalb als besonders effektiv für Kinder und Jugendliche zur Charakterbildung und zum Wissenserwerb gesehen. Wissenschaftliches, religiöses und moralisches Wissen werden in einem Pesantren im Paket erworben und können nicht einzeln betrachtet werden.

Die indonesische Regierung erwähnt in ihrem Handbuch für das Kurrikulum für Pesantren folgende Eigenschaften, die ein Pesantren heutzutage zu einem Pesantren machen, das als solches anerkannt wird. Es gibt eine Art Vormund, Pfleger oder Aufpasser, dieser kann ein Kyai (traditionelle islamische Persönlichkeit in Indonesien) oder Ustadz (islamischer Lehrer) sein.

Andere Ausdrücke werden erwähnt, spielen aber an dieser Stelle keine Rolle. Außerdem gibt es eine Moschee, als ­Zentrum für den Gottesdienst (Ibadah) und das Lernen. Natürlich gibt es die Santri, die Schüler, die lernen; es gibt eine Art Internat mit Schlafplätzen, wo die Santri wohnen und die klassischen Bücher des Islams in arabischer Sprache (Kitab Kuning) werden als Grundlehrmittel verwendet. Die indonesische Regierung unterscheidet grob in zwei verschiedene Ausrichtungen der derzeitig existierenden Pesantren: Pondok Pesantren Khalafiyah (oder auch Ashriyah); diese Pesantren haben das Madrasah beziehungsweise Schulsystem adoptiert und folgen neben ihren religiösen Lehrangebot, dem staatlich vorgeschriebenen Lehrplan. Das bedeutet die Santri lernen sowohl islamische Wissenschaft als auch Fächer, wie Indonesische Sprache, Mathematik, Naturwissenschaften, Englisch, etc.

Die zweite Ausrichtung wird Pondok Pesantren Salafiyah genannt und richtet sich nach der speziellen Ausbildung traditioneller Pesantren, sowohl den Lehrplan, als auch die Lehrmethode betreffend. Diese Pesantren lehren fast ausschließlich islamische Religion, werden aber mittlerweile von der indonesischen Regierung dazu angehalten, ein Minimum an weltlichem Allgemeinwissen zu vermitteln, das heißt Indonesische Sprache, Mathematik und Naturwissenschaften. Der Abschluss von einem solchen Pesantren ermöglicht dem Santri nur die höhere Bildung im Bereich der islamischen Religion; nicht in anderen [weltlichen] Fächern.

In den letzten Jahrzehnten hat sich das Image der Pesantren von einer Art Sozialanstalt für schwer erziehbare Jugendliche zu einer wahren Bildungsalternative -und initiative gewandelt. Mittlerweile gibt es nicht wenige Pesantren, die auf internationalem Standard ihren Santri Wissenschaft und islamische Religion vermitteln.

Leben in einem Pesantren
Das Leben in einem Pesantren basiert auf drei islamischen Grundprinzipien: Ibadah, Gemeinschaft und Wissen.

Verschiedene Aspekte und Regeln, denen die Santri folgen müssen, können als für alle Pesantren in Indonesien als universell geltend betrachtet werden: Hochachtung für das islamische Recht, gesunder Menschenverstand, Hochachtung der muslimischen Bruderschaft und Familie, Achtung und Respekt für anderer Leute Meinung, Fernhalten von schlechten Handlungen und Umgebung sowie Gutes tun, Schlechtes verhindern

Des Weiteren gibt es Vorschriften die Zimmer der Santri betreffend, zum Verhalten während des Unterrichts und in der Umgebung der Pesantren-Einrichtung. Sauberkeit wird in jedem dieser Aspekte groß geschrieben.

Ein interessanter Aspekt zum Verhalten während des Unterrichts ist auch hier wieder das System, einen Verantwortlichen, hier den Klassensprecher, zu bestimmen beziehungsweise zu wählen

Leben im Pesantren Assalam, Südsumatra
Es ist um die Mittagszeit und das Auto hält vor einem blauen Tor. Wir sind am Ziel, dem Wohn -und Studienort meiner zwei jungen Schwägerinnen – Nurbaiti und Rusnita. Sie beide sind Santri am Pesantren Assalam.

Das Auto fährt langsam den langen Weg hin zu ihren Unterkünften. Als wir aussteigen, passiert das, was ich mir schon vorgestellt hatte; wir erregen ein riesengroßes Aufsehen und dutzende junge Mädchen in langen Röcken, knielangen Blusen mit langen Ärmeln und Kopftüchern laufen aus ihren Klassenzimmern und Schlafräumen, um uns zu begrüßen. Eine jede möchte mir ihr Schlafzimmer zeigen und mich an der Hand fassen. Gelöstes Gelächter und Fragen, doch am meisten lächelnde Gesichter, die vor Überraschung eine weiße Muslimin zu sehen, keinen Ton herausbekommen.

Das ist nicht überraschend, denn in diesen Teil Indonesiens verirren sich so gut wie keine westlichen Touristen, erst recht nicht in ein Pesantren. Gerne würde ich mehr Zeit mit diesen jungen Frauen verbringen, die mindestens vier Jahre im Pesantren leben und lernen, doch leider ist die Zeit knapp. Ich muss zugeben, ein bisschen neidisch bin ich schon auf diese Chance, die diese jungen Mädchen haben, so konzentriert und ungestört Wissen zu erwerben. Es ist nicht so, dass diese jungen Santri blauäugig oder naiv sind, sie wissen sehr wohl, dass negative Seiten des menschlichen Lebens existieren, doch sie müssen sich denen nicht aussetzen.

Der Text ist in seiner vollen Länge auf unserer Webseite zu finden.

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