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Pinar Çetin: Gebildete, unabhängige Vielfalt für Neukölln

Die Kandidaten aus der Mitte des Bezirks

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Foto: Pinar Cetin

(IZ). Läuft man durch Neukölln fällt einem sofort ein bestimmtes Wahlplakat auf. Eine Frau mit Kopftuch lächelt sympathisch und wirbt für Bildung, Vielfalt und Chancengleichheit. Pinar Çetin ist kein unbekanntes Gesicht. Durch ihre Bildungsarbeit und ihr Engagement in der Neuköllner Sehitlik-Moschee ist sie berlinweit bekannt und auch beliebt. Nun kandidiert sie unabhängig für ihren Bezirk. Wir sprachen mit ihr über ihre Visionen für Neukölln und Berlin.


Wollen Sie sich selbst vorstellen?

Ich bin 1982 in Berlin geboren worden. Meine Eltern kamen zum Arbeiten her, zuvor war auch schon meine Großmutter in Deutschland. Meine Kinder sind also schon in der der vierten Generation echte Berliner. Lange war in unserer Familie nicht klar, ob wir bleiben oder doch in die Türkei gehen. Wie bei den meisten Gastarbeitern hatten auch meine Eltern den Traum, sich in der Türkei ein Haus mit Garten zu kaufen und dort alt zu werden. Mit dem Beginn meines Studiums und meiner Heirat habe ich mich aktiv dafür entschieden, Berlin als meine Heimat zu sehen. Nach dem Studium der Politikwissenschaften begann ich in der Jugend- und Erwachsenenbildung zu arbeiten. Dabei ging es vor allem um politische Bildung. Da konnte ich viel aus meiner Erfahrung, zwischen den Welten zu stehen, in die Arbeit miteinbringen. Ich kann mich mit den Jugendlichen identifizieren, die selbst auf einer Identitätssuche sind. Diese Problematik gilt es nachzuempfinden. Gleichzeitig kann ich da Brücken bauen. Für mich bedeutet Integration, selbstbewusst mit der eigenen Identität umzugehen und sich dabei in der Gesellschaft einzubringen.

Sie kandidieren nun für Neukölln. Wie kam es dazu?

Ich arbeite und lebe seit 13 Jahren in Neukölln. Die Vielfalt, die wir in Neukölln haben, ist wunderschön. Hier leben die verschiedensten Menschen. Ich möchte etwas für Neukölln bewegen und ich möchte, dass diese Vielfalt Neuköllns sich auch im Abgeordnetenhaus wiederspiegelt, was derzeit nicht der Fall ist. Ich fände es schön, wenn es dort ähnlich bunt wie in Kreuzberg, Schöneberg oder Neukölln wäre. Die Vertreter sollten die Orte wirklich repräsentieren. Mit ihrem Aussehen, mit ihrem Denken und mit ihren Gefühlen.

Für Außenstehende ist Neukölln oft als so genannter Problembezirk bekannt. Können Sie damit etwas anfangen?

Ich habe die Probleme Neuköllns hautnah erlebt, z.B. als ich an den Schulen gearbeitet habe. Es gibt Probleme, ja. Aber ich empfinde diese als Herausforderung und man kann nicht behaupten, es lege dabei ausschließlich an den Menschen. Es hat auch etwas mit Strukturen und dem System zutun. Dabei ist nichts davon unlösbar. All das kann man angehen und korrigieren. Und ich denke, dass ich da meine Stärken einbringen kann. Die Jugendlichen, mit denen ich beispielsweise an der berüchtigten Rütli-Schule zusammengearbeitet habe, haben anschließend ihr Abitur gemacht. Die Menschen hier brauchen Vorbilder und Motivation. Sie brauchen Leute aus ihrer Mitte, die einen Schritt vorausgehen. Das heißt, die Probleme Neuköllns sind eher Lücken, die nur gefüllt werden müssen.

Welche Themen bewegen Sie und die Wähler, die Sie versuchen anzusprechen?

Zunächst einmal die Vielfalt zu begreifen, ihr auf Augenhöhe begegnen. Viele sprechen über Vielfalt, aber nur selten wird sie richtig verstanden. Das führt auch dazu, dass nicht jeder dieser vielfältigen Menschen die gleichen Startmöglichkeiten oder Chancen hat. Wir können Vielfalt aber als unsere Stärke sehen und die Potentiale entsprechend nutzen und fördern. Des Weiteren setze ich einen Schwerpunkt in Sachen Bildung. Es fehlen passende Bildungsoptionen. In unserem gegenwärtigen System fallen viele durch, weil es schlichtweg erneuert werden muss und es neue Impulse braucht. Gerade Benachteiligte oder diejenigen, die neu zu uns gekommen sind, benötigen bessere Optionen. Ein weiterer Punkt, dem ich mich gerne widmen möchte, ist das Neutralitätsgesetz. Ich bin unter anderem auch in den Landesbeirat für Integration und Migration gewählt worden und habe dort in den letzten Jahren oft versucht, an dem Gesetz zu rütteln. Das Neutralitätsgesetz mag an einigen Stellen sinnvoll sein, es muss aber novelliert werden. Die Neutralität einer Person hängt zum Beispiel nicht an ihrem Kopftuch.

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Sie sind aktiv in der Gemeinde der Sehitlik-Moschee und stehen dabei im Dialog mit diversen anderen Glaubensgemeinschaften in Neukölln. Ist das die Basis Ihres direkten Kontakts mit den Anwohnern?

Gerade die Gespräche, die man hier in der Moschee bei einem Tee führen kann, machen mich zu einer von ihnen. Wir haben viele Projekte mit Kirchen, mit der jüdisch-muslimischen Initiative Salaam-Shalom oder etwa auch mit dem Hindutempel. Diese Moschee ist maßgeblich am Aufbau der interreligiösen Begegnung in Berlin beteiligt gewesen. So kommt man mit vielen Leuten ins Gespräch. Besonders mit den Schulen in der Umgebung und ihren Schülern. So nehme ich die Sorgen, Ideen und Gedanken der Leute, um die es letztlich geht, aus erster Hand wahr und kann aus der vorhin beschriebenen Vielfalt ein Gesamtbild zeichnen.

Sie kandidieren nun unabhängig. Haben Sie sich bewusst entschieden, keiner Partei anzugehören?

Ich möchte mich keiner Partei beugen. Es ist mir wichtig, diese Freiheit zu behalten. Alle Parteien haben für mich irgendeinen Haken, etwas Essentielles, wo ich nicht mitgehen kann. Deswegen ist es mir wichtig, meinen eigenen Weg zu gehen und meine Positionen nur abhängig von meiner eigenen Lebensrealität und der darin enthaltenen Begegnung mit der Nachbarschaft zu formulieren.

Die Sehitlik-Moschee ist als Begegnungsstätte das wahrscheinlich bedeutendste Zentrum Neuköllns. Hier kommen tausende Menschen verschiedenster Identität zusammen. Sie begegnen diesen Menschen. Haben Sie das Gefühl, dass die anderen Kandidaten für Neukölln ähnlich repräsentativ sind?

Frau Susanna Kahlefeld beispielsweise lässt sich schon hin und wieder hier blicken und sucht das Gespräch mit der Gemeinde. Bei allen anderen Kandidaten kann ich das nicht behaupten. Gerade jene mit den türkischen Namen haben sich weder für die Moschee noch für die Belange der Gemeinden eingesetzt. Ganz im Gegenteil, wir haben oft Gegenwind von ihnen erfahren, zum Teil ziemlich extrem. Wenn Kandidaten behaupten, sie würden sich für die Menschen Neuköllns einsetzen, sie aber nicht einmal ihre Lebensrealitäten kennen, ist das ein Problem. Ich fühle mich den Neuköllnern sehr nah, und zwar allen.

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Wie haben die Leute hier auf Ihre Kandidatur reagiert?

Interessanterweise gab es bislang nur positive Reaktionen. Sei es von Leuten, die mich auf der Straße neben meinem Wahlplakat sehen oder natürlich die Gemeindemitglieder. Und so wie Neukölln eben sehr vielfältig ist, sind es auch die Leute, die sich darüber freuen. Besonders freue ich mich über den Zuspruch der jungen Leute, die sich von den Parteien nicht vertreten fühlen. Das motiviert mich sehr.

Ganz in Wahlkampfmanier, einige letzte überzeugende Worte?

Während meines Studiums habe ich eine Ausbildung zur Diversity-Trainerin gemacht. Dabei lernt man, wie man Diskriminierung entgegenwirken kann. Für mich ist es sehr wichtig klarzustellen, dass man nicht für die Diskriminierung von Sinti und Roma sein kann, wenn man gegen die Diskriminierung von bedeckten Musliminnen ist oder für die Diskriminierung von Menschen jüdischen Glaubens. Und das ist nun mal Neukölln. Wir müssen uns für alle einsetzen und allen die gleichen Chancen geben. Dabei ist es notwendig, zu aller erst den Menschen zu sehen und nicht seine Hintergründe. Jeder Mensch sollte die Möglichkeit auf gute Bildung, auf einen guten Job oder auf eine gute Wohnung haben. Um es simpel zu sagen, wenn die Menschen glücklich sind, gleich gut behandelt werden, dann wird es auch weniger Diskriminierung, weniger Kriminalität und allgemein weniger Probleme geben. Das ist meine Vision für Neukölln und Berlin.

Wir danken für das Gespräch und wünschen viel Erfolg!

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