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„Pipelineistan“ oder das Neue Große Spiel: Hintergründe des Afghanistankriegs. Von Pepe Escobar

Wettbewerb um die Kontrolle Zentralasiens

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(iz). Es war vor neun Jahren, einen Tag vor der Ermordung des Kommandeurs der Nordallianz, Ahmad Shah Masud (dem „Löwen von Pandschir“), durch zwei als Journalisten getarnte Al-Qaida-Agenten, und drei Tage vor dem 11. September 2001. Wer hätte gedacht, dass sich Afghanistan heute immer noch im Krieg von 150.000 US- und NATO-Soldaten gegen 50 oder 60 Kämpfer von Al-Qaida und einige paschtunische Nationalisten (die als „Taliban“ fungieren) befindet? Ein neues Jahr. Ein weiterer Jahrestag des 11. September. Und immer noch der gleiche Afghanistankrieg.

Es mag aber nicht mehr der gleiche „Krieg gegen den Terror“ sein, der heute von der Obama-Regierung in „überseeische Notfall­operationen“ umbenannt wurde, und er könn­te zu Obamas „gutem Krieg“ werden, der die US-Steuerzahler jährlich 100 Milliarden US-Dollar kostet. Aber Obama suhlt sich immer noch darin, eine Geisel der Kriege von George W. Bush zu sein.

Auch wenn Washington weiterhin die Illusion aufrecht erhält, es halte die Zügel in der Hand, ist es in Wirklichkeit Hamid Karzai, der gerissene afghanische Präsident, der seine Karten in dieser aktuellen Episode des Neuen Großen Spiels in Eurasien offensiv ausspielt. Und, wie üblich, wird nirgendwo das entscheidende Spiel um „Pipelineistan“ erwähnt.

Trotz seiner unendlichen Schwindeleien hat Karzai richtig verstanden, dass die vereinigte Feuerkraft der USA und der NATO und die Operationen von General David Petreaus niemals die Sammlungsbewegung des Kampfes gegen Fremde besiegen wird, die üblicherweise als „Taliban“ bezeichnet wird. Karzai ahnt auch, dass Obamas Afghanistanstrategie in Ruinen liegt.

In den USA werden die Republikaner, die auf die Übernahme des Kongresses nach den Novemberwahlen schielen, ihr Möglichstes versuchen, den Präsidenten als militärischen Feigling zu präsentieren. Gleichzeitig will das Pentagon ihn zwingen, vom beschlossenen Übergangs­datum im Juli 2011 Abstand zu nehmen, die militärischen Operationen in die Hände der Afghanen zu legen. Das ganze geschieht vor dem Hintergrund, dass Petreaus den Afghanistankrieg als einen „Erfolg“ zu verkaufen sucht.

Mehr als jemals zuvor ist Karzai entschlossen, an der Macht zu bleiben. Er ahnte den Trend und entschied sich dazu, sein eigenes Feld zu bestellen, indem er Beziehungen mit zwei seiner wichtigsten Nachbarn im Osten und im Westen kultivierte – Pakistan und Iran. Der afghanische Präsident sieht seine Zukunft in ­einer Vereinbarung zur Machtteilung in Kabul – ohne Beteiligung der Amerikaner.

Vor Kurzem kam es zu ersten Friedens­verhandlungen mit den Taliban. Die Idee wurde drei Monate zuvor von einer Jirga in Kabul abgesegnet. An ihr nahmen 1.600 Stammesführer sowie politische und religiöse Größen aus allen afghanischen Provinzen teil. Im Wesentlichen will Karzai die Fußtruppen der Taliban mit Geld und Jobange­boten in der Bürokratie ködern – und ihre Führer mit Asyl in ausgesuchten muslimischen Ländern.

Es besteht keine Chance, dass sich der Talibanführer, Mullah Omar, irgendwo untergetaucht in der Nähe von Quetta, der Hauptstadt der pakistanischen Provinz Balutschistan, sich mit Karzai bei einem Abendessen in Kabul anfreunden will. Omar will, dass die Invasoren sein Land augenblicklich verlassen und er will seine unbegrenzte Macht zurück. Darüber hinaus wird Karzai wohl kaum die übrig gebliebenen Reste Al-Qaidas anlocken könnten. Es gibt nicht mehr als 60 arabische Kämpfer der Al-Qaida in den pakistanischen Stammesgebieten Nord-Waziristans – gemeinsam mit einer Handvoll Usbeken, Tschetschenen und Türken. Und es gibt rund 50 arabische Militante, welche die Grenze nach Afghanistan überschritten haben sollen. Dies entspricht einer Schätzung des CIA-Chefs, Leon Panetta, vor zwei Monaten.

Im Wesentlichen gibt Washington eine Tsunami-artige Summe an Bargeld für den Kampf gegen eine Handvoll ­arabisch-dschihadistischer Kämpfer aus. Schlimmer noch – was die US- und NATO-­Truppen mittlerweile betreiben, ist eine neu aufgelegte Version des anti-sowjetischen Dschihads der 1980er Jahre – ein Befreiungskampf gegen eine ausländische Invasion. Außerdem gibt es weiterhin den das Ganze komplizierenden Faktor der „pakistanischen Taliban“. Kaum ein Tag vergeht, an dem ihr führender Sprecher, Qari Hussain Mehsud, nicht eine Bedrohung von sich gibt. Mehsud versprach mittlerweile Angriffe innerhalb Europas und der USA.

Es darf als gesichert gelten, dass sich die Angriffe in Peschawar und Lahore noch steigern werden. Für Islam­abad besteht die Aufgabe darin, das kooperative Netzwerk unter Beteiligung von Al-Qaida, pakistanischen Taliban, Lashkar-e-Jhangvi und der anti-iranischen Dschundallah mit Sitz in Balutschistan aufzubrechen. Karzai kümmert all dies nicht. Er glaubt, er habe einen sicheren Plan, um sich Afghanistan zu „sichern“.

Was das Establishment in Islamabad will, steht Indiens Interessen im Wege. Es ist also kein Wunder, dass Neu-­Delhi angreift, indem es seine Beziehungen zu Russland und Indien verbessert. Für Russland seinerseits besteht dessen entscheidende Bedrohung seiner Sicherheit aus Afghanistan nicht so sehr in einer „Talibanisierung“ Zentralasiens. Es ist vielmehr besorgt über einen massiven Drogenhandel, der eine verheerende Wirkung auf die russische Jugend hat. Anstatt sich angesichts des amerikanischen Scheiterns im afghanischen Sumpf schadenfreudig zurückzulehnen, hat Russland beschlossen, dort seine eigene Version des „nation-buildings“ zu betreiben. Es investiert hier in Infrastruktur und Bodenschätze, während es nebenher ein bisschen Geld verdient.

Was eine indisch-iranische Annäherung betrifft, so ist diese trotz der gegen Teheran gerichteten Sanktionen seitens UNO, der USA und der Europäischen Union unausweichlich. Neu-Delhi ermutigt indische Firmen aktiv, in den iranischen Energiesektor zu investieren, und sein Außenministerium hat den diplomatischen Kontakten mit dem Iran Priorität eingeräumt. Russische, indische und türkische Unternehmen haben alle die recht spektakulären westlichen Sanktionen ignoriert und werden weiterhin mit dem Iran Handel treiben.

Zur gleichen Zeit vervielfältigten in Washington zweitklassige Gruppierungen wie die Afghanistan Study Group ihre Anstrengungen, einen Weg aus dem afghanischen Schlamassel zu finden. Trotz ihrer intellektuellen Feuerkraft findet sich in ihren Publikationen kein Wort über den absoluten entscheidenden Grund für die USA, in Afghanistan zu sein: Pipelineistan. Der andere wichtige Grund ist natürlich der Hang des Pentagons, Stützpunkte zu unterhalten, um die „strategischen Mitbewerber“ China und Russland zu überwachen.

Wieder einmal landen wir beim „Pipelineistan“-Konflikt zwischen TAPI und IPI. TAPI ist eine geplante Erdgasleitung von Turkmenistan, über Afghanistan nach Islamabad und dann nach Indien. IPI ist ein Pipelineprojekt vom Iran über Pakistan nach Indien. Aber während TAPI (auch TAP) ein ewiger Traum bleiben wird, ist die 1.100 Kilometer lange und 7,5 Milliarden US-Dollar teure IP (Iran-Pakistan) bereits auf dem besten Weg. Dies kündigten Iran und Pakistan vor rund drei Monaten an. Ihr Betrieb soll 2014 beginnen. Dies beweist auch, dass westliche Sanktionen gegen den Iran keine Bedeutung für Pakistan haben. Denn seine Energiebedürfnisse sind eine lebenswichtige Angelegenheit seiner nationalen Sicherheit, die Washingtoner Pläne aussticht.

Das gleiche gilt für Indien. Neu-­Delhis pragmatische Führung dürfte kaum glauben, dass die TAPI jemals das Licht der Welt erblicken wird. Es ist auch wichtig anzumerken, dass die IP-Leitung auch nach Indien verlängert werden soll. Das Projekt wurde in ganz Südwestasien als die „Friedenspipeline“ bezeichnet. Indien zog sich zeitweilig nach Druck aus Washington – woher auch sonst – zurück. Mittlerweile ist das Land wieder an den Verhandlungstisch zurückgekehrt. Dabei geht es nicht nur um die ursprüngliche IPI, sondern auch um die – wenn auch weit entfernte – Möglichkeit einer Unterwasserleitung direkt aus dem Iran.

Neu-Delhi weiß ganz genau, dass ­seinem direkten Konkurrenten China angesichts einer nördlichen Verlängerung der IP das Wasser im Munde zusammenläuft. Diese soll entlang des Karakorum-Highways in Richtung von Xinkiang in Westchina verlaufen. Pakis­tans Außenminister, Shah Mahmood Qureshi, hatte zwischenzeitlich angekün­digt, dass es bei einem Zögern Indiens zu einer Pipeline Iran-Pakistan-China kommen werde.

Die entstehenden Umrisse des Neuen Großen Spiels in Eurasien beruhen in weiten Teilen darauf, wer in diesen „Pipelineistan“-Kriegen unter Beteiligung Zentral-, Süd- und Südwestasiens gewinnen wird. Angesichts des geballten westlichen Pakets aus Sanktionen, Blockaden und Embargos, ist der Ball im Feld des Irans, enorme Hindernisse zu überwinden, seine Technologie zu verbessern, IP oder IPI zu bauen und den Fluss seines Erdgases zu garantieren. Jeder gegen den Iran unternommene Schritt wird in ganz Asien als Angriff gegen das Energie-Sicherheits-Netzwerk Asiens betrachtet werden. Es handelt sich dabei um eine klassische, nach Maß­stäben „Pipelineistans“ gestaltete Aus­einandersetzung zwischen Washington einerseits und der asiatischen Integration andererseits.

Was die konkurrierende Option (TAPI) betrifft, so ist sie vollkommen irreal. Wer könnte sich überhaupt vorstellen, dass Karzai die Taliban davon überzeugen wird, nicht von dieser Pipeline zu profitieren? Der gleichen Pipeli­ne, welche die USA bauen wollten, ­bevor sie sich entschieden, die Taliban aus der Macht zu bomben?

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