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Planet und Sphäre

Jack Miles vergleicht das judäo-christliche und das islamische Gottesbild. Eine Rezension von „Gott im Koran“

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Foto: Pixabay | Lizenz: CC0 Public Domain

(iz). Zu den schönsten Momenten der Multikulturalität zählt die Erfahrung, Elemente der vermeintlich eigenen Tradition in einer anderen Kultur wie selbstverständlich wiederzufinden. So verhält es sich zum Beispiel mit der Jungfräulichkeit Mariens. Sie ist beileibe kein Reservat des christlichen Glaubens, im Gegenteil: ­explizit ausgesprochen wird sie gerade im Koran, nicht dagegen in der Bibel. Kirchliches Dogma wurde sie erst auf dem zweiten Konstantinopolitanischen Konzil, im Jahr 553 nach Christus.

Dies ist nur eine von vielen Erkenntnissen aus dem Buch Gott im Koran, mit dem der US-amerikanische Orientalist Jack Miles seine „Trilogie“ über die Gottesbegriffe in Judentum, Christentum und Islam im vergangenen Jahr abgeschlossen hat. Zuerst einmal betreibt Miles eine vergleichende Exegese von Bibel und Koran, wobei Bibel für ihn Tora, also die fünf Bücher Mose, bedeutet plus die vier Evangelien. Adam und Eva, Kain und Abel, Noah und die Sintflut, Abraham, der erste Patriarch, und seine Söhne, Joseph und seine Brüder, Moses, Jesus und Maria, schließlich Satan als Widersacher und Versucher: anhand dieser Figuren arbeitet Miles, der als ehemaliger Journalist ebenso gut schreiben wie denken kann, Gemeinsamkeiten und Unterschiede biblischer und koranischer Überlieferung heraus.

Doch das ist nicht alles. Miles selber nennt seine Methode „theografisch“, nicht historisch-kritisch: für den früheren Jesuitenzögling sind die heiligen Schriften nicht bloße Literatur, sondern Ausfluss metahistorischer Inspiration, die einer philosophischen Erörterung ­offenstehen.

Und die hält so manche Überraschung bereit. „Im Gegensatz zu Adam und Eva in der Genesis, die zum echten und ­endgültigen Tod ohne jede Aussicht auf Erneuerung oder Leben nach dem Tod verurteilt sind, sind Adam und seine Frau im Koran im Grunde unsterblich, genauso wie all ihre Nachfahren.“ „Ihre Unsterblichkeit jedoch“, fährt Miles fort, „ist für sich genommen weder Belohnung noch Bestrafung; sie ist schlicht Teil der conditio humana.“

Das Christentum blickt vom Tode, der Islam vom Leben her, was sich am schärfsten, aber eben nicht nur, an der unterschiedlichen Überlieferung der ­Jesusgeschichte zeigt. Nun gibt es bekanntlich apokryphe judäo-christliche Überlieferungen, die ebenfalls ein Überleben Jesu schildern und die einst wie jetzt gleichsam im theologischen Darknet ihr Dasein fristen; im Islam dagegen ist ihre Aussage common sense, und kürzlich hat sogar der renommierte Historiker Johannes Fried wissenschaftlich und textkritisch nachzuweisen versucht, dass Jesus von Nazareth seine Kreuzigung überlebt haben müsse (Kein Tod auf Golgatha, Beck 2019).

Das Christentum ist kainitisch, der Islam abelitisch, was mit der unterschiedlichen Gotteserfahrung zu tun hat. „Die Gottheit“, so Miles, „die sich an Mohammed wendet, ist nicht mehr rücksichtslos, unberechenbar, kaum ­moralisch und hochemotional“ wie Jahwe, der seine Anhänger immer wieder geradezu unsinnig und brutal auf die Probe stelle, sondern „auf berechenbare, stimmige Weise, streng aufgrund von Prinzipien, die sich nicht ändern und die von Anfang an offen zutage liegen.“ Und in dieser Mathematizität Allahs spiegelt sich die große wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung des Orients – des muslimischen und des prämuslimischen – für die Mathematik.

Im Buch Genesis wirke Jahwe „wie ein Werk der Selbstschöpfung, das noch nicht abgeschlossen ist. Im Koran hingegen wirkt Allah wie ein bereits abgeschlossenes Werk, das nun darangeht, eine Schöpfung zu korrigieren, die ebenfalls abgeschlossen ist, aber noch einer letzten Revision bedarf, die einzig und allein Er leisten kann.“ Folgerichtig – auch das zeigt Miles – ist der Koran weitaus weniger narrativ als die Bibel mit ihren ausschweifenden epischen Erzählungen und den vielen Irrungen und Wirrungen, die sie nehmen; vielmehr wirkt er wie eine einzige große mathematische Führung des Beweises dessen, dass Allah je richtig lag. Und folgerichtig ist Allah auch „niemals von etwas überrascht, was irgendjemand sagt oder tut, oder von etwas, was geschieht, und Er ist moralisch deutlich zuverlässiger und berechenbarer und Er ist vor allem barmherzig.“

Der Preis, wenn man so will, den der Koran für diese sympathische Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit seines Gottes zahlt, ist die Aufgabe der Gottesebenbildlichkeit, die das Judentum in der Genesis statuiert und die vom Christentum durch die doppelte Aufopferung Jesu – einmal durch seine irdische Geburt und dann durch seinen Kreuzestod – beglaubigt wird. Als höchstes Fest der Christenheit gilt zwar Ostern, aber eigentlich ist es Karfreitag, der Tag des Kreuzesgedenkens, der einzige Tag im Kirchenjahr, an dem keine Heilige Messe gefeiert wird, sondern die Karfreitagsliturgie, die rituell einzig dasteht. Das höchste Fest des Islam dagegen ist das Opferfest, und es feiert nicht eine tatsächlich vollzogene Opferung des Sohnes, sondern seine wundersame Errettung: „Abraham erhob seine Augen, sah hin und siehe, ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar.“

Darein fügt sich, dass Jahwe, dieser opferfreudige Gott, in dessen Namen noch Moses in der Wüste seine Israeliten brutal dezimieren lässt, ein Fruchtbarkeitsgott ist, Allah hingegen ein „Gott der Verehrung“. „Allahs Wunsch, dass die gesamte Menschheit Ihn verehrt, Ihn anbetet und Sein Urteil über sie erwartet, ist das Grundmotiv von Seiner Seite, das die koranischen Erzählungen vorantreibt, so wie Jahwes Wunsch nach der Fruchtbarkeit Abrahams und seiner Nachkommen die biblische Erzählung antreibt.“ Aus dem bangen Wissen um die Fragilität der irdischen Existenz ­heraus, das sich im Opferkultus beschwörend ausspricht, lässt Jahwe durch seine Propheten ständig zur Bewegung aufrufen, sei es offensiv (Expansion) oder defensiv (Diaspora); Allah dagegen ­versichert dem Menschen begütigend, dass er eigentlich nichts zu befürchten habe, verlangt als Gegenleistung aber durch seinen Propheten, der das Glück einer solchen Gewissheit natürlich um keinen Preis verspielen will, absolute Hingabe – eben Islam.

Allahs Anspruch an die Menschheit ist ein intellektueller, Jahwes ein kultureller. Der gläubige Moslem geht davon aus, dass die Welt ohnehin bestand und bestehen wird, ihn erfüllt ein unerschütterliches, sanguinisches Weltvertrauen; Juden und Christen dagegen fürchten und kämpfen bis zur Hysterie um den Bestand dieser Welt, ekstatisch im anthropologisch-existentialistischen Sinne und ständig hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Melancholie – vor allem das protestantische Christentum im Verständnis Max Webers, denn erst mit der Reformation (1517), nicht zufällig in zeitlicher Nachbarschaft zum Fall Konstantinopels (1453), löste sich das Christentum definitiv von seiner Orientalität, wandte sich damit zugleich aber verstärkt dem Alten Testament zu und transponierte dessen Mythos von fortwährender Selbstaufopferung und Selbstbehauptung auf die Bühne der ­europäischen Neuzeit.

Der atlantische Mensch, der in sakrilegischer Weise über die warnenden Säulen des Herakles hinaus auf den weiten Ozean gesegelt ist und damit den „Prozess der theoretischen Neugierde“ (Hans Blumenberg) ins Rollen brachte, hat die schirmende, aber auch bequeme Gottesknechtschaft auf- und sich als „theomorpher Einfall Gottes“ (Max Scheler) auf die Reise ins Ungewisse begeben. Dabei geht er – zwangsläufig –  einerseits den Pakt mit Satan ein, der im Islam nicht nur Versucher, sondern Widersacher ist, eine Qualität fast so mächtig wie Allah selber, was sich etwa in Goethes Faust widerspiegelt; andererseits aber befähigt ihn gerade diese waghalsige Grenzüberschreitung, homo Deus zu werden, also den Anspruch seiner Gottähnlichkeit historisch einzulösen.

Die Weltsicht des Christentums ist ­linear und planetarisch, die des Islam zyklisch und sphärisch – auf diesen Nenner ließe sich die Komparation final bringen. Für die, so Miles, durch die Globalisierung „gerade entstehende hybride Zivilisation, die wir so dringend brauchen“, wäre es Desiderat, diese beiden Momente, deren Spannung die menschliche Existenz ausmacht, miteinander dogmatisch und vielleicht auch kultisch in Einklang zu bringen. Die Konfrontation zwischen dem Westen und dem Islam aber verlöre an Schärfe, machte man sich auf muslimischer Seite bewusst, dass die Auslieferung an die Freiheit, ans Ewig-Weibliche, am Ende nichts weiter ist als die ultimative Probe aufs koranische Exempel, ohne die aber das Exempel hohl und leer bliebe; und auf westlicher, dass die Umkehr von der Gottvergessenheit zur Gottesverehrung kein Rückschritt wäre, sondern die Wiedervergegenwärtigung dessen, worum der Westen eigentlich aufgebrochen ist und was unter der machiavellistischen Maske stets seine eigentliche Sehnsucht gewesen: die des Theion, des Göttlichen.

Jack Miles, Gott im Koran. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. Hanser 2019, 288 Seiten, Preis: EUR 26.–

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Konstantin Sakkas

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