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Polemik: Der Grundsatz „Mehrheit entscheidet“ hat auch problematische Seiten. Von Khalil Breuer, Berlin

Muslime und die Macht der Mehrheit

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(iz). Sie sind seit Jahrzehnten in Deutschland, die über drei Millionen Muslime im Lande. Aber noch immer herrscht in der öffentlichen Meinung die bequeme Ansicht vor, der Islam sei nur eine Immigrantenreligion. Diese weltfremde Sicht wird durch die Auffassung verstärkt, der Islam sei den Europäern grundsätzlich fremd und in Europa nie heimisch gewesen. Diese Meinung verdrängt damit, dass eine ­muslimische Minderheit seit vielen ­Jahrhunderten in Europa heimisch war und ist.

Die Behauptung der angeblichen Fremdheit der Minderheit ist nicht nur falsch, sie ist eine von vielen Beispielen für die gewaltige Definitionsmacht der Mehrheit in der Mediokratie. Die Strategie ist klar: Wer fremd im Lande ist, darf die Mehrheit nicht allzu häufig mit seinen Forderungen nerven. Die Mehrheit in Deutschland ist nicht nur nicht muslimisch, sie bestimmt auch durch ihre überproportionale Medienpräsenz das öffentliche Denken und die ge­sellschaftliche Wahrnehmung der Minderheit. Nicht nur das, die Mehrheit ­dominiert auch – soweit die Minderheit betroffen ist – das allgemeine Geschichtsbild und die für den eigenen ­gesellschaftlichen Machterhalt wichtige Terminologie.

Seit den 60er Jahren wurde der Islam in Deutschland vor allem als Religion der Gastarbeiter angesehen. Eine echte ­Integrationsaufgabe stellte sich zunächst nicht, denn man ging davon aus, dass diese Arbeiter eines Tages einfach in ihre Heimatländer zurückkehren würden. Seitdem klar ist, dass dies nur für einen Teil der Ausländer gilt, tut sich die ­Bundesrepublik schwer mit der neuen Minderheit. Die Öffentlichkeit neigt dazu, gönnerhaft auf die Muslime ­herabzublicken. Nur langsam gibt man zu, dass es auch eine bedeutende Zahl konvertierter deutscher Muslime gibt, und viele Muslime, die hier geboren sind, genauso Deutsche sind wie alle anderen auch. De facto werden diese deutschen StaatsbürgerInnen, so weit es um ihre Religionsausübung und Lebenspraxis geht, im Vergleich zu anderen Religionen aber immer noch nicht gleichbehandelt.

Interessant ist auch, dass die Debatte um die Integration der Muslime eine andere Debatte praktisch vollständig abgelöst hat. Seit den Anschlägen des 11. September gibt es praktisch keine Diskussionen mehr über die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland. Die Gegner einer Präsenz von fremden Kulturen im Lande haben ihre Rhetorik der neuen Situation schnell angepasst. Es geht in ihren Anwürfen vordergründig nicht mehr um AusländerInnen, sondern um die Präsenz der Muslime, die aber grundsätzlich – sozusagen nebenbei – als AusländerInnen ins Bild gerückt werden. Die Idee von deutschen Muslimen ist dieser Ideologie mehr als nur ein Dorn im Auge.

Hätte die Minderheit einen Teil der Machtmöglichkeiten der Mehrheit, so könnte sie immerhin der Mehrheit zeigen, dass immer mehr Muslime nicht nur in Deutschland geboren sind, sondern auch längst Deutsche sind und in einigen Städten eines Tages sogar selbst die Mehrheit stellen könnten. Zu Recht sieht sich die Mehrheit der im Lande lebenden Muslime nicht auf Dauer als Bittsteller für die schlichte Einräumung gleicher Rechte.

Normalerweise können sich Minderheiten zumindest durch eigene Organisationen, Zeitungen oder Lobbyisten eine bestimmte Wirkung in der Öffentlichkeit sichern. Im Falle der Muslime als Minderheit besteht allerdings nur eine geringe Möglichkeit, die Definitionshoheit der Mehrheit zu brechen. Es fehlt ihr noch immer an einem ihrer Zahl entsprechenden Lobbyismus oder an einer Medienmacht, die zu einem Bewusstseinswandel der Mehrheit im Lande verhelfen könnte.

In Parteien, Redaktionen oder sonstigen Machtzentren sind Muslime meist noch nicht einmal eine Minderheit. Es fällt auf, dass kaum eine Partei auf praktizierende Muslime in ihren Reihen setzt. Im Gegensatz hierzu sind viele führende Politiker eng mit den deutschen Kirchen liiert. Hoffentlich täuscht der Eindruck, die Zurückhaltung der Parteien könnte daran liegen, dass eine mehr oder weniger anti-islamische Haltung mehr Wählerstimmen bringt als die Integration von Muslimen in den eigenen Reihen. Natürlich behauptet die Mehrheit, die Muslime würden sich nicht ausreichend in Parteien und Gewerkschaften engagieren.

Naturgemäß zeigt sich eine Mehrheit nicht besonders engagiert dabei, der Minderheit entsprechende Gleichberechtigung freiwillig einzuräumen. Auch wenn der Staat heute bereit ist, durch entsprechende Konferenzen in den Dialog mit der Minderheit einzutreten, so tut er dies wiederum in dem angenehmen Bewusstsein, die Mehrheit hinter sich zu haben.

Natürlich vermag die Minderheit auch nicht den politischen Druck aufzubauen, den Vorgang um die Einräumung gleicher Rechte zu beschleunigen. So muss die Mehrheit auch weiterhin nicht wirklich erklären, warum die muslimischen Organisationen praktisch keinerlei staatliche Hilfe zur Wahrung ihrer Rechte erhalten und wie lange dieser mühsame Integrationsprozess eigentlich noch dauern soll.

Die Mehrheit – nicht etwa die Minderheit selbst – bestimmt heute, wer die Minderheit legitimerweise auf staatlicher Ebene vertritt. Der Staat hat offensichtlich auch die Macht, die Minderheit mit ihren eigenen Minderheiten zu konfrontieren und immer weiter, in immer kleinere Minderheiten aufzuspalten. Natürlich wäre die Mehrheit zu diesen Zugeständnissen nicht bereit; so würde die Mehrheitspartei zum Beispiel nicht mit ihren eigenen, schärfsten Gegnern, die teilweise sogar offiziell die Partei verlassen haben, über ihre eigene Identität und Glaubwürdigkeit debattieren.

Wer definiert künftig, was der Islam überhaupt ist? Auch hier ist die Mehrheit in Deutschland zunehmend aktiv. Sie versucht naturgemäß, den Islam in ihre Vorstellung von Religion einzuordnen. Sie bestimmt die Terminologie, strebt eine eigene Deutungshoheit über das islamische Recht an und wählt durch die Auswahl von – aus Sicht der Mehrheit – vorzeigbaren Muslimen medienwirksam die „guten“ Muslime aus.

Diese „guten“ Muslime sind das gedachte Gegenteil der Muslime, die böse sind: die Islamisten. Der wichtigere Teil der Muslime, nämlich die Mehrheit, sieht sich unter dem öffentlichen Druck immer öfter vor die Wahl gestellt, sich hinter Extremen und Minderheitenpositionen zu versammeln oder einordnen zu müssen. Die Mehrheit der Muslime hat sich aber – ganz ohne öffentlichen Druck – über Jahrhunderte von Extremen, sei es in Form der Ideologie oder der Esoterik, fern gehalten. Die Islamisten haben für die Mehrheit keine unbedeutende Funktion. Das bloße Dasein der Islamisten begünstigt heute die Idee einer Renaissance der christlichen Religion und verhilft der konservativen Philosophie zu einer aus einer Gegenhaltung gestifteten neuen Daseinslegitimation. Nicht zuletzt dient die Existenz der so genannten „Islamis­ten“ der Mehrheit zur Legitimation, wa­rum sie die Lebenspraxis der Minderheit noch immer schlechter und mit Argwohn behandelt und die Reli­gion der Mehrheit ohne Selbstzweifel begünstigt.

Natürlich definiert auch die Mehrheit, was ein Islamist überhaupt ist. Ein Islamist ist ein von der Mehrheit eingeführter, unbestimmter Sammelbegriff. In diese Kategorie werden per Definitionshoheit der Mehrheit Verbrecher, Kriminelle, Ideologen, Funktionäre und orthodoxe Gläubige in einem politischen Begriff zusammengefasst. Bestimmte Symbole werden dabei mit dem negativen Begriff des Islamismus in Zusammenhang gebracht und letztendlich politisiert. Diese Macht der Mehrheit, die Gruppe der Minderheit in gut und böse aufzuspalten, ist damit eine ihrer subtilsten Machtmöglichkeiten.

Das Merkmal des Islamismus – so hat es die Mehrheit heute entschieden – führt zur absoluten Verbannung aus der Öffentlichkeit. Die Mehrheit verhindert, durch ein rigides Verständnis der politischen Korrektheit, allzu forsche Meinungskundgebungen. Innerhalb der Minderheit selbst wirkt gleichzeitig eine ernst zunehmende Einschüchterung von Muslimen, die befürchten, von der Mehrheit mit dem Merkmal des „Islamismus“ versehen und ausgegrenzt zu werden. Die spürbare Flucht aus der Öffentlichkeit und die Sicherheit des Schweigens, die heute viele Muslime „sicherheitshalber“ für sich wählen, macht der Minderheit klar, dass sie Minderheit ist und bleiben wird.

Auch in der Minderheit gibt es natürlich Mehrheiten. So grenzt die absolute Mehrheit der Muslime die muslimischen Terrroristen aus und verweigert ihnen die Deutung, zu definieren, was man in einer kriegerischen Auseinandersetzung darf. Hierzulande hat die Mehrheit allerdings die Macht, der absoluten Minderheit innerhalb der Minderheit überproportionales Gewicht zu verleihen. Die Minderheit in der Minderheit definiert dann in der Debatte die Mehrheit. Die Mehrheit sichert so, dass die Minderheit in der Öffentlichkeit grundsätzlich defensiv argumentieren muss. Im Extremfall kann die Mehrheit sogar behaupten, die Existenz einer gefährlichen Minderheit in der Minderheit rechtfertige das Misstrauen gegenüber der ganzen Minderheit – bis hin zu der Tendenz, die Minderheit insgesamt umzuerziehen.

Die vielleicht größte Macht der Mehrheit besteht darin, das identitätsstiftende Merkmal der Minderheit selbst nach ihrer Fasson umzugestalten. Die Mehrheit unterliegt dabei insbesondere der Versuchung, die Lehre und Ausbildung der Minderheit selbst zu übernehmen. Natürlich fällt es der Mehrheit dabei leicht, zu argumentieren, dies geschehe nur im Interesse der Minderheit selbst. Die Minderheit hat allerdings keine etablierte und selbstgewählte Stimme mehr, diese Tendenz öffentlich zu korrigieren.

Im Falle des Islam würde im Extremfall die Mehrheit die Definitionshoheit über den Islam selbst übernehmen. Die Mehrheit würde dann definieren, was der Islam ist. Die jahrhundertalte Tradi­ti­on der Einheit von Moschee und Markt, Gebet und Zakat, von mekkani­schen und medinensischen Offenbarun­gen könnte so im Extremfall verloren gehen. Die Mehrheit selbst würde dann die Religion nach den eigenen Maßstäben definieren und die Freiheit der Religionsausübung weiter beschränken.

In diesem Falle würden Befürchtungen wahr, wonach der moderne Staat keine wirklich alternativen Lebenspraktiken mehr duldet und das Leben der Menschen global einebnet. Der Staat würde in diesem Falle selbst zu einem „sterblichen Gott“ werden, der sich in alle Lebensbereiche – auch die, die ihn per Eigendefinition eigentlich nichts angehen – zunehmend einmischt.

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Khalil Breuer

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