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Polens Muslime bleiben auch nach sechs Jahrhunderten missverstanden. Von Wojtek Kos

Tataren und Holzmoscheen

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(iz.) Die einzige Straße des Dorfes, flankiert von zwei Reihen niedriger Holzhäuser, führt an einem unscheinbaren grünen Gebäude vorbei, das ebenfalls aus Holz ist. Auf dem Weg durch einen idyllischen Hinterhof muss man sich seinen Weg durch alte Kirschbäume bahnen. Er führt zur Eingangstür. Erst dann erhaschen Besucher, bevor sie anklopfen, einen Blick auf die Halbmondsichel auf dem Dach. Ein freundlicher Aufseher öffnet die Tür und lädt die Gäste gestenreich ein, dass sie eintreten mögen. An den Wänden hängen Qur’anverse. Der Mann öffnet ein Fenster, dass in Richtung des fernen Mekkas zeigt. „Man könnte es sogar sehen, wenn man nur ausreichend gut hinsieht“, sagt er lachend.

Willkommen im ostpolnischen Bohoniki. Der Ort, und das nahe gelegene Kruszyniany sind wegen ihrer Moscheen bekannt – ein ansonsten unwahrscheinlicher Anblick für ein polnisches Dorf. Bohoniki und Kruszyniany sind tatarische Dörfer aus dem 17. Jahrhundert, als König Jan Sobieski III. es den Tataren wegen ihrer treuen Dienste erlaubte, sich niederzulassen. Nachkommen dieser Tataren leben immer noch hier, was sich an den leicht asiatischen Gesichtszügen des Mannes erkennen lässt. „Unser ursprüngliches, tatarisches Blut wird dünner und dünner“, räumt der Mann aber ein. Trotzdem sind die Moscheen noch in Betrieb. Polens Muslime sind nicht auf beide Dörfer begrenzt. Und sie sind auch nicht zwingend Tataren, obwohl diese die Mehrheit stellen. Derzeit gibt es in Polen sechs muslimische Gemeinschaften: Warschau, Bialystok, Bohoniki, Kruszyniany, Danzig und Wielkopolski. Sie unterhalten einige Moscheen: eine aus dem 18. Jahrhundert in Kruszyniany, die Moschee von Bohoniki aus dem 19. Jahrhundert, sowie ein relativ neues Gebäude, das Anfang der 1990er Jahre in Danzig gebaut wurde. In Warschau und in Bialystok existieren weitere Gebetsräume.

Auch wenn es einige zugewanderte, polnische Muslime gibt, die als Studenten oder Geschäftsleute hierher kamen, leben die meisten bereits seit Jahrhunderten auf polnischem Boden. Hier gelten sie als eine Minderheit – nicht als ethnische, sondern als religiöse. Ihr kulturelles und religiöses Zentrum liegt in und um Bialystok, sowie in Danzig. Sowohl unter den Kommunisten, als auch heute konnte eine Gruppe unter ihnen ihre Identität bewahren. Das kommunistische Regierung gängelte die muslimische Gemeinschaft, indem sie ihr die Anerkennung als registrierte Organisation verweigerte. Vor 1989 war die Muslimische Religiöse Vereinigung die einzige tatarische Organisation.

1992 gründeten Muslime die Vereinigung polnischer Tataren. Zu ihren führenden Persönlichkeiten gehören Dr. Ali Miskiewicz von der Universität Bialystok und Dr. Selim Chazbijewicz, der des an mehreren Universitäten lehrt. Dr. Miskiewicz fungiert auch als Mufti der Muslime Polens. Da auch in Litauen und Weißrussland Tataren leben, wird eine grenzübergreifende Kooperation angestrebt. Seit den frühen 1990er Jahren gibt es weitere, kleinere Vereine ohne tatarischen Hintergrund. Aber es sind die Tataren, die kulturell und in der Präsentation des Islam am aktivsten sind (vielleicht, weil sie die Staatsbürgerschaft haben und als normale Polen gelten).

Ihre Herausforderungen mögen anderswo geringfügig erscheinen, aber angesichts der Größe der muslimischen Gemeinschaft, steht sie vor dem Problem des Verlustes ihrer religiösen oder kulturellen Identität. So gibt es nur wenige, die in der Lage sind, religiöse Dienstleistungen anzubieten. Um diesen Mangel zu beheben (auch für andere Staaten Ost- und Mitteleuropas), wurde in Bialystok eine Qur’anschule geschaffen.

Allerdings benötigt dieser Wandel Zeit, da die Gemeinden keine staatliche oder lokale Förderungen erhalten. Ihre Eigenmittel sind gering. Ein weiteres Problem ist die Moschee von Bohoniki. Weil sie ein Denkmal aus dem 19. Jahrhundert ist, braucht es für die notwendigen Renovierungen eine Erlaubnis der Lokalbehörden. Ein besserer Zugang zu Massenmedien würde sicherlich das Wissen in Polen über die muslimischen Landsleute erhöhen. Die Aufmerksamkeit der Medienscheint wesentlich schwieriger, als eine Moschee zu bauen. Der Vorschlag von Dr. Selim Chazbijewicz, tatarischen Muslimen einen Sitz im Seijm (dem polnischen Parlament) einzuräumen, galt bisher als unrealistisch.

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Wojtek Kos

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