IZ News Ticker

Preußen und der Orient

Über 300 Leihexponate aus Brandenburg und Sachsen-Anhalt für große Islam-Ausstellung in Tatarstan

Werbung

Foto: Autor

(iz). Lang ist es her, dass tatarische Muslime im Kriegsgefangenenlager Wünsdorf lebten und arbeiteten. Nun gehen einige Fotografien, Bücher und Kunsthandwerk aus dem Lager von vor hundert Jahren auf die weite Reise in die Heimat der Internierten: Tatarstan, die Republik kurz vor dem Ural-Gebirge am Zusammenfluss von Wolga und Kama. Nach dem immensen Erfolg in der Heimat geht die Ausstellung „Türcken, Mohren und  Tartaren. Muslime in Brandenburg-Preußen“ auf Tournee in die Russländische Föderation, genau gesagt in die Hauptstadt der Republik Tatarstan. Dort befindet sich auf dem Gelände des UNESCO-Weltkulturerbes des Kasaner  Kreml das „Museum für islamische Kulturen“ in der Hauptmoschee Tatarstans, der Qul-Sharif-Moschee, die jährlich mehr als zwei Millionen Besucher anzieht. Die dortige Ausstellung aus Deutschland wird zwei Monate lang ausschließlich Exponate zu christlich-islamischer beziehungsweise deutsch-tatarischer Kulturgeschichte zeigen und gerahmt sein von Konferenzen und Seminaren, denn, so Dr. Mieste Hotopp-Riecke vom Institut für Caucasica-, Tatarica- und Turkestan-Studien (ICATAT): „Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass die preußisch-islamische Beziehungsgeschichte zurück reicht bis in das 14. Jahrhundert“. Der Historiker Dr. Marat Gibatdinov ergänzt: „Wichtig ist uns mit dieser Kooperation zu zeigen, das der Islam, der bei uns in Tatarstan seit dem Jahr 922 beheimatet ist, also schon lange zu Europa gehört, nicht nur Konfrontation bedeutet, sondern schon immer auch Kooperation und Befruchtung.“

Die Exponate wurden in mehreren Etappen nach Tatarstan verschickt und auch Vertretern der Akademie der Wissenschaften Tatarstan (AdW RT) von ihren Kooperationspartnern, dem Brandenburg-Preußen-Museum Wustrau und dem ICATAT (Magdeburg/Berlin) bei einem Besuch der tatarischen Kooperationspartner direkt übergeben. Ein besonderes Zeugnis der Wünsdorfer deutsch-tatarischen Vergangenheit ist ein Kronleuchter, hergestellt in der Schnitzwerkstatt des Weinberglagers bei Wünsdorf. Dort waren im Ersten Weltkrieg bis zu 12.000 Muslime aus Russland interniert. Dieser Leuchter wurde von Dr. Mieste Hotopp-Riecke, Direktor des ICATAT, nach Kasan als Leihgabe vermittelt. Leihgeber und Eigentümer eines der wohl letzten Kunstwerke dieser Art ist das Museum Gardelegen. Otto Stiehl, Architekt, Militär und Fotograf aus Magdeburg, war vor hundert Jahren während des Ersten Weltkrieges Kommandeur der Kriegsgefangenenlager für Muslime bei Wünsdorf-Zossen. In den Lagern befanden sich eine kleine Masdschid und eine große Moschee. Zudem wurden für die Gefangenen verschiedene Arbeitsmöglichkeiten geschaffen, unter anderem wurde eine Schnitzwerkstatt eingerichtet.

Der deutsche Professor war aber auch im zivilen Bereich weiter als Architekt tätig und trug unter anderem zur Neugestaltung des Gardelegener Rathauses bei, wo Produkte aus der tatarischen Schnitzwerkstatt des Kriegsgefangenenlagers Wünsdorf als Dekoration eingesetzt wurden.

Nach Angaben von Rupert Kaiser, Mitarbeiter für Kultur der Stadt Gardelegen, schmückten bis 1959 zwölf kleine Wandleuchter und zwei große Deckenleuchtear den Rathaussaal. 1959 fanden im Foyer und im Saal Umbauten statt und die kunstvollen Schnitzarbeiten wurden – wohl auch wegen ihrer „militaristisch-imperialistischen Geschichte“ – entsorgt. Ein einziger Tatarenleuchter, der einst im Rathausfoyer an der Decke angebracht war, überstand den Umbau. Er wurde 1916 vom Kasantataren Nasibullah in Wünsdorf geschnitzt und geht nun auf weite Reise in die Heimat seines Schöpfers. Bisher konnten zwei muslimische Gefangene namens Nasuibullah identifiziert werden.

Besonderes Augenmerk verdienen wohl auch die Leihgaben von Hassan Haacke: Originalausgaben deutschsprachiger Qur’ane aus den letzten vier Jahrhunderten. Einen würdigen Rahmen für die Ausstellung dieser alten Qur’ane bildet sicher die größte Moschee Tatarstans, benannt nach dem Imam Qul Sharif, dem letzten Geistlichen Führer aus Kasan vor der Eroberung das Khanats durch die Russen. Mit der benachbarten Mariä-Verkündigungs-Kathedrale gilt sie als Symbol für das friedliche Zusammenleben der muslimischen und orthodoxen Bevölkerung im heutigen Tatarstan.

Sie wurde auf Erlass von Mintimer Schaimijew, dem ersten postsowjetischen Präsidenten Tatarstans, im Kasaner Kreml errichtet und soll ein Denkmal für die 1552 bei der russischen Eroberung von Kasan gefallenen Tataren sein. Nahe dem heutigen Standort befand sich im 16. Jahrhundert die Hauptmoschee des Kasaner Khanats, deren überlieferte Gestalt mit acht Minaretten der Neubau in modernen Formen und reduziert auf vier Minarette aufnimmt. Die historische Moschee wurde 1552 bei der Eroberung Kasans zerstört; einige erhaltene Bauteile wurden vermutlich in die 1555 begonnene Moskauer Basilius-Kathedrale eingebaut, die die Eingliederung des Khanats in das Zarenreich auch baulich darstellen sollte.

Die Ausstellung im „Museum islamischer Kulturen“ in der Qul-Sharif-Moschee ist eingebettet in drei gemeinsame Kooperationsvorhaben von ICATAT, Brandenburg-Preußen-Museum und Akademie der Wissenschaften Tatarstans: Im Projekt „Yazma Miras“ (Geschriebenes Erbe) werden seit zwei Jahren bis ins Jahr 2020 tatarische historische Schriftzeugnisse weltweit gesammelt, analysiert und publiziert, von Japan bis Deutschland.

Im zweiten Projekt geht es um Stimmen der Vergangenheit: Alte Wachswalzen-Aufnahmen und Schellackplatten, die zu Hunderten in deutschen Kriegsgefangenenlagern unter muslimischen Gefangenen aufgenommen wurden, werden digitalisiert und jungen Akademikern, Studenten und der Öffentlichkeit in Tatarstan zur Verfügung gestellt. Im dritten Projekt, gefördert durch den Staatspräsidenten von Tatarstan, Röstäm Nurgäli uli Minnekhanov, werden Grabstätten tatarischer Gefallener und Zwangsarbeiter europaweit eruiert und katalogisiert. Zwischenergebnisse wurden in die Ausstellung integriert.

Besonders interessiert ist das Fachpublikum Tatarstans auch an der Entwicklung der islamischen Gemeinden Deutschlands im 20. Jahrhundert, die oftmals eng verwoben ist mit den Aktivitäten von tatarischen Exilanten, wie zum Beispiel den drei Immamen des Lagers in Wünsdorf, Abdürresid Ibrahim, Kemaleddin Bedri und Alimdshan Idrisi.
Die deutschen und tatarischen Akademiker waren sich am Ende der Vorbereitungen der Ausstellung einig, dass die Kunstwerke und Dokumente eine völkerverbindende Brücke zwischen Deutschland und der Republik Tatarstan bilden können, was besonders in Zeiten medialer Hysterie bezüglich Euro-Islam-Debatten und geopolitischer Zerwürfnisse nicht hoch genug einzuschätzen sei.

Die Ausstellung läuft vom 24. Mai bis zum 20. Juli 2017.

The following two tabs change content below.

Dr. Mieste Hotopp-Riecke

Neueste Artikel von Dr. Mieste Hotopp-Riecke (alle ansehen)

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen