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Problematisierung von Sexualität ist kein muslimisches Phänomen

Normalität und Alltag

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Indian groom holding the hands of his bride

„Die Mutigen werden von ihren Frauen überwältigt. Nur Feiglinge erobern ihre Ehefrauen.“ (Ibn Adschiba)

(iz). Das Thema Sexualität gehört zu den beliebtesten „Dauerbrennern“ der zeitgenössischen Islamdebatte(n). Das heißt auch, wir sind gezwungen, uns diesem Thema zu stellen. Mit einem heroischen Sinn für die Realität, ohne moralisierenden Hochmut und mit dem notwendigen Wissen um unsere eigenen Grundlagen können wir uns konstruktiv dieser Frage stellen.

Ganz nebenbei bemerkt: Diese Art der Debattenführung übersieht (frei nach der Logik: Wenn sie schlecht sind, sind wir gut), dass sich dieses weite Feld bei weitem nicht auf Muslime beschränken lässt. Die an Muslime gestellte Frage, wie es denn bei ihnen um das für viele heikle Thema Liebe, Eros und Frauenrechte bestellt sei, geht an der Wirklichkeit vorbei. Zerbrechen doch in immer steigender Anzahl die einstmals sicher geglaubten „Lebensentwürfe“ Ehe und Familie.

Es darf also nicht vergessen werden, dass bei diesem sensitiven Thema Missverständnisse einen klaren Blick erschweren. Hinzu kommt, dass im modernen Diskurs über den Islam – insbesondere wenn die Sphären von Weiblichkeit und Sexualität betroffen sind – das Argument auf den Körper der Frauen beschränkt bleibt und nicht im Hinblick ihrer sozialen und spirituellen Dynamik verstanden wird. Nicht wenig von dem, was heute als „islamische Position“ angeboten wird, bewegt sich im Gegensatz zur bejahenden wie gelassenen Einstellung gegenüber dem Geschlechterverhältnis, wie es Jahrhunderte lang Realität in der islamischen Lehre und in den muslimischen Zivilisationen war.

Anam Majeed beschrieb in einem zweiteiligen Essay die muslimische Einstellung zum menschlichen Körper: „Für Muslime ist die Vorstellung, dass der menschliche Körper etwas Hassenswertes sei, undenkbar. In relevanten qur’anischen Versen wird implizit deutlich, dass der menschliche Körper als Teil der Schöpfung Allahs schön ist und nicht als etwas verachtenswertes zu verstecken sei. (…) Es scheint mir so zu sein, dass die augenblicklichen Einstellungen zwischen diesen Extremen schwanken.“

Es ist nicht ohne Ironie, dass Muslime vor der europäischen Aufklärung in hiesigen Breiten wegen ihrer „Sinnlichkeit“ und ihrer nicht neurotischen Einstellung an den Pranger gestellt wurden. Das Urteil über Muslime und Sexualität scheint wohl mehr mit dem Betrachter zu tun zu haben als mit dem Objekt seiner Kritik.

Denken wir über Liebe und Sexualität nach, müssen wir deutlich machen, dass im Islam Sexualität weder negiert noch glorifiziert wird. Sie erhält den ihr angemessenen Ort. Daher ist Ehe, als rechtmäßiger Ort der Sexualität zwischen den Geschlechtern, auch keine kitschige Romanze, sondern ein Vertrag. Liebe, wie sie angeblich in der modernen „Beziehung“ herrschen soll, ist nicht ihre Voraussetzung, sondern die Folge einer erfolgreichen Ehe.

Hier gilt der simple Grundsatz, dass es kein sexuelles Vergnügen ohne gleichzeitige soziale und ökonomische Verantwortung gibt. Wie auch in anderen Bereichen ist es dabei angezeigt, sich von zeitgenössischen Axiomen freizumachen, um Missverständnisse und unzulässige Zuschreibungen zu vermeiden. Zu den groben zählt die Vorstellung, Sexualität sei ein Zustand, und keine Handlung.

Für die Wahrheit brauchen wir uns nicht zu schämen, daher lohnt ein Blick auf das doch reichhaltig vorhandene Material in Sachen Liebe und Sexualität. Im Qur’an spricht Allah an verschiedenen Stellen von der Beziehung der Geschlechter: „Und unter Seinen Zeichen ist, dass Er Lebensgefährten erschuf aus euch selber, auf dass ihr Ruhe und Frieden an ihrer Seite fändet, und Er hat Liebe und Barmherzigkeit zwischen euch gesetzt. Hierin sind wahrlich Zeichen für jene, die nachdenken.“ (Ar-Rum, 20) Oder auch: „Sie sind euch ein Gewand, und ihr seid ihnen ein Gewand.“ (Al-Baqara, 187)

Scharik ibn Abdullah Al-Kadi schrieb, dass die Verliebten den größten Lohn von Allah zu bekommen hätten. Und der Dichter Dschamil sagte offen, dass „derjenige, der vor Liebe gestorben ist, auch ein Schahid“ sei. Diese Auffassung wird im Hadith bestätigt: „Derjenige, der sich verlieben und sterben wird, ohne Ehebruch zu begehen, wird dem Schahid gleichgestellt.“ In diesem Zusammenhang wird die Beziehung von Frauen und Männern poetisiert, transzendiert, und ihre Rolle wird als Symbol der geistigen Vollkommenheit behandelt.

Sexualität wird demnach nicht als Übel betrachtet. Daher gibt es unter Muslimen auch keine Vorstellung einer zölibatären Priesterschaft oder eines Nonnenwesens. So bemerkte die Gelehrte Hedaya Hartford, die unter anderem über Sexualität publizierte, dass in der muslimischen Lehre die Meinung vorherrschend ist, dass Männer ihren Frauen gegenüber eine Verantwortung zur sexuellen Erfüllung haben. Nicht nur zeitgenössische Autoren schreiben darüber. Auch Gelehrte wie Imam Al-Ghazali widmeten sich der Beziehung zwischen Mann und Frau. Das Recht der Frau auf die vollkommene Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse wurde von Imam al-Ghazali auch theoretisch begründet: „Die Gewährleistung der ehelichen Treue ist die Pflicht des Mannes. Wenn er ihre sexuellen Bedürfnisse nicht befriedigen kann, wird das ihre eheliche Treue gefährden.“ Im Islam gilt die Frau also nicht als Werkzeug zur Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse des Mannes, sondern als das gleichberechtigte Subjekt der Geschlechtsverhältnisse, mit der Anerkennung ihres Rechts auf angemessene Achtung ihrer ehelichen Bedürfnisse.

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