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Publizist und Volkswirtschaftler William Engdahl über die aktuelle Krise und den “Niedergang des amerikanischen Jahrhunderts”

"Zeit eines Epochenwandels

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(Russia Today). Die Weltwirtschaft scheint nicht nur die ersten Anzeichen einer Erholung an den Tag zu legen, sondern – in den Augen des Publizisten und Volkswirtschaftlers William Engdahl – es steht uns auch des Ende des amerikanischen Jahrhunderts bevor. In einem Interview mit dem russischen Sender “Russia Today” beschreibt Engdahl die unterschiedlichen Arten und Weisen, wie die Krise Amerika und Europa betrifft und wie die unterschiedlichen Reaktionen darauf aussehen.

Frage: Aktuell konnten wir beobachten, wie amerikanischen Banken die Vorhersagen Lügen straften und Rekordeinnahmen verzeichneten. Ist damit das Schlimmste für die Weltwirtschaft überstanden?

William Engdahl: Dabei handelte es sich in keinem Fall um ein Ende der Krise. Ich schätze, dass wir erst 40 Prozent der Verluste auf dem US-Immobilienmarkt und den dazu gehörenden Banken gesehen haben. Wenn wir über US-Banken reden dann zumeist über sieben oder acht große Institutionen, die im Zentrum der Krise stehen und nicht über die zehntausenden kleineren in den USA.

Frage: Ist es ihrer Ansicht nach also zu verfrüht, optimistisch zu sein?

William Engdahl: Es ist in den USA absolut zu früh, optimistisch zu reagieren. Die USA befinden sich im Herzen eines globalen Problems. Und die finanziellen und banktechnischen Deregulierungen in den USA seit dem Ende 1990er Jahre sind die unmittelbaren Ursachen des Problems. Dies ist ein Vorgang, bei dem die USA, wie ich es genannt habe, zehn Jahre in der Hölle durchleben wird. In mancherlei Hinsicht wird es für die meisten Amerikaner schlimmer werden als Zeiten der Großen Depression in den 1930er Jahre. Alles, was die jetzige wie auch die vorherige Regierung getan hat, wird die Dinge für die eigentliche Wirtschaft nur schlimmer machen.

Frage: Wie lange dauert es ihrer Meinung nach, bis ein Ende der Rezession absehbar wird?

William Engdahl: Der Punkt ist, dass wir uns in einem epochalen Wandel befinden. Dies geschieht vielleicht alle vier- oder fünfhundert Jahre. Es ist keine Rezession, wie wir sie alle zehn Jahre erleben. Ich habe diese Zeit in meinem neuen Buch den “Niedergang des amerikanischen Jahrhunderts” genannt. Dies ist ein endgültiger Niedergang, wie der des britischen Imperiums nach dem 1. Weltkrieg. Es würde nichts ändern, wenn Jesus Christus heute US-Präsident wäre. Denn es gäbe nichts, was er tun könnte, um den Niedergang abwenden zu können.

Wir müssten alles neu organisieren und wieder von Anfang beginnen, denn der Krebs dieses finanziellen Systems ist so tief eingebunden, dass er die industrielle Technologie der USA zerstört hat. In den letzten 25 bis 30 Jahren wurde die Produktion nach Asien, nach Osteuropa und in die gesamte Welt ausgelagert. Die amerikanische Elite befindet sich seit den frühen 1970er in einem inneren Zerfallsprozess.

In Sachen Europa, und wenn wir Russland mit einbeziehen, sollten wir besser von Eurasien sprechen … Eurasien ist ein riesiger Kontinent, der über jede vorstellbare Ressource für all das verfügt, was wir aufbauen wollen. Er hat die notwendige Intelligenz, das wissenschaftliche Talent und es wurde hier nicht, wie im Fall der USA, vollkommen vernichtet. Dies ist alles, was wir brauchen. Es gibt Rohmaterialien und Russland hat die unbegrenzten Ressourcen Gas und Öl. Wahrscheinlich ist die russische Geologie ihrem amerikanischen und westlichen Gegenstück um Jahre voraus. Denn diese, oder besser gesagt die Geophysik, beruht auf wirklicher physikalischen Wissenschaft und nicht auf dem Hokuspokus, um zu verschleiern, wie viel Öl es wirklich in der Welt gibt. Hier mangelt es an nichts.

Dies Entscheidung in Westeuropa für viele europäische Elite (ich weiß dies aus Diskussionen, die ich in den letzten Jahren in Deutschland führte) in den letzten Jahre ist, dass sie im Augenblick vor einer schizophrenen Entscheidung stehen: Entweder [ist dies] die Stärkung der atlantischen Allianz und der Untergang mit einer sinkenden Titanic namens “das amerikanische Jahrhundert”. Oder aber [es ist] der vorsichtige Versuch, den Supertanker namens EU neu auszurichten und Brücken der Zusammenarbeit allen voran zu Russland und zu China auf dem Gebiet der Märkte und anderem zu bauen.

Frage: Was sind ihre Gedanken zum US-Präsidenten Barack Obama? Glauben sie, dass der Mann die Lage im Griff hat?

William Engdahl: Nein. Meiner Meinung nach, und ich habe dies bereits ein Jahr vor seiner Wahl gesagt, hat es das amerikanische Establishment mindestens seit Abraham Lincoln, mit der möglichen Ausnahme von John F. Kennedy, niemals zugelassen, dass sich irgend ein Kandidat dem Weißen Haus nähern kann, den es nicht vollkommen kontrolliert.

Im Falle des Präsidenten Obama so gibt es nichts, was dessen Regierung tut, um die Lage zu verändern. Es handelt sich dabei – wenn sie so wollen – nur um kosmetische Veränderungen. Wie heißt es so schön: “Alter Wein in neuen Schläuchen”? Das ist Barack Obama. Dieser Versuch, den Rest der Welt aus dem Gleichgewicht zu bringen, wird langsam auch von der US-Öffentlichkeit durchschaut. Sie nimmt wahr, dass sich nichts getan hat, um die Situation fundamental zu verbessern. Obama hat, glaube ich, noch einmal zwei oder drei Monate, damit er wie George Bush zum meist gehasstesten Mann Amerikas wird.

Frage: Sie sprachen eben George Bush an. In einem ihrer Bücher schrieben sie über die untergründige Geschichte von Öl und Geld und wie diese als grundlegender Faktor hinter vielen Konflikten seit dem 2. Weltkrieg gestanden habe. Wenn wir über die US-Agenda im Irak nachdenken, ging es dann dabei um Öl?

William Engdahl: Es ging sogar sehr um Öl, aber nicht, wie Journalisten zu dieser Zeit glaubten.

Die Frage des Öls für die Elite der Vereinigten Staaten führt zu einem Blick auf die Präsidentschaft von Bush und Cheney. Institutionell stand die Bush-Cheney-Regierung für die geopolitische Macht des des militärisch-industriellen Komplexes der USA, der in Verbindung zum “Big Oil” steht. Beide sind untrennbar verbunden.

Halliburton ist dafür ein Vorzeigekind. Zur gleichen Zeit war das Unternehmen für das Pentagon die größte Baufirma für Militärstützpunkte in aller Welt und gleichzeitig der größte geophysikalische Dienstleister auf Erdölfeldern in aller Welt.

Die Firma ist in jedem Land, in dem Öl vermutet wird – zu Lande und im Meer. Wer heulte protestierend, als der US-Sicherheitsrat sich weigerte, die USA wegen des Kriegs gegen Saddam Hussein mit Sanktionen zu belegen? China, Russland und Frankreich – aus gutem Grund. Die Kontrolle des Iraks bedeutet, dass die aufstrebenden Mächte Eurasien die Fähigkeit zu einer unabhängigen Erdölversorgung verlieren. Blicken sie nach Afrika. Wo sind die Brennpunkte in Afrika? Darfur. Fragen sie sich selbst, warum nach 2004 der Völkermord in Darfur plötzlich zu einer humanitären Sorge für George W. Bush wurde, sodass er Krokodilstränen vergoss. Oder betrachten wir den Schauspieler George Cloney, der auf der Bühne darum fleht, den Genozid in Afrika zu beenden. Es ergibt sich bei einem unter die Oberfläche, dass Darfur über große unerschlossene Erdölreserven verfügt.

Frage: Um beim Thema Erdöl zu bleiben; viele haben gesagt, dass dessen Preis in den nächsten Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten stabil bleiben wird. Glauben sie, dass Russland einen Fehler dabei gemacht, seine Aufmerksamkeit auf Erdöl zu konzentrieren?

William Engdahl: Nein, das tue ich nicht. Ich denke, die Strategie des damaligen Präsidenten Putin und des jetzigen Medvedev, die umfangreichen Ressourcen Russlands an Öl und Gas zu verwenden, ist sehr intelligent. Sie ist absolut entscheidend beim Versuch, die militärische Macht Washingtons auszugleichen, in dem ein Netzwerk zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Westeuropa, insbesondere mit Deutschland, geknüpft wird. Ich würde das gleiche tun, wenn ich in Moskau sitzen würde.

* Das vollständige Interview wurde erstmals am 04. Mai exklusiv auf der Webseite von “Russia Today” veröffentlicht.

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