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Qatar: Die Blockade am Golf ging nicht auf

Das Emirat trotzte der Politik seiner Nachbarn, indem es alte und neue Handelsverbindungen intensivierte

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Foto: Larry Johnson, via flickr | Lizenz: CC BY 2.0

DOHA/BERLIN (GFP.com). Ein Jahr nach dem Beginn der Blockade gegen Qatar baut die Bundesrepublik ihre Beziehungen zu dem Emirat weiter aus. Heute vor einem Jahr hatte Saudi-Arabien alle Grenzen zu dem Nachbarstaat geschlossen und einen Totalboykott verhängt, um Doha zur Beendigung jeder Kooperation mit Iran zu zwingen. Dies ist nicht gelungen – auch aufgrund einer weiterhin engen Zusammenarbeit des Emirats mit der Bundesrepublik. Diese umfasst unter anderem lukrative Bauprojekte in Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Qatar.

Die WM ist nach wie vor heftig umstritten – nicht zuletzt wegen der immer noch miserablen Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen, die internationale Gewerkschaftsproteste hervorgerufen haben. Eng mit Qatar kooperiert unter anderem der deutsche Fußballrekordmeister FC Bayern München, der in dem Emirat auch in diesem Winter sein Trainingslager aufgeschlagen hat; Qatar Airways soll Platinsponsor bei ihm werden. Der Verein teilt mit, seine „Partner“ in Qatar kennen „auch die Überzeugungen des FC Bayern bei Arbeiter- und Menschenrechten“.

Fronten verhärtet
Am 5. Juni 2017 schloss Saudi-Arabien Land-, Luft- und Seegrenzen zum benachbarten Qatar. Die Blockade wurde vor allem von den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Ägypten unterstützt; vorangegangen war ein Besuch von Donald Trump am 21. Mai in Riad, bei dem der US-Präsident nach allgemeiner Überzeugung grünes Licht für die Blockade gegeben hatte. Ein 13-Punkte-Katalog beinhaltete Forderungen wie die Einstellung jeglicher Förderung der Muslimbruderschaft, die Abkühlung der Beziehungen zu Iran und die Schließung des Senders Al Jazeera.

Zu Riads Vorwurf, Doha gewähre „Terrorunterstützung“, konstatierte Sebastian Sons von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP): „Die zweitgrößte Gruppe der ausländischen Kämpfer im IS [stammt] aus dem saudischen Königreich. … Dementsprechend ist das Argument, Katar unterstützte den Dschihadismus, ein Beispiel für Doppelmoral.“

Hauptanlass der Blockade, urteilt Sons, sei vielmehr die kooperative Politik des Emirats gegenüber Iran, mit dem sich Qatar ein gigantisches Erdgasfeld im Persischen Golf teilt und deshalb auf politischen Ausgleich setzt. Während die USA in dem Konflikt, nicht zuletzt mit Blick auf ihre in Qatar gelegene Air Base Al Udeid, beide Seiten unterstützen – auch mit milliardenschweren Rüstungsdeals -, war Deutschland auch wegen seiner intensiven wirtschaftlichen Beziehungen zu dem Emirat an einer schnellen Beilegung der Krise interessiert. Doch ein Jahr später zeigt sich: Am Golf bleiben die Fronten verhärtet.

Importe gesichert
Zwar wurde durch die Blockade nicht zuletzt der für Qatar strategisch wichtige Luftverkehr empfindlich getroffen; Berichten zufolge hat die staatliche Fluggesellschaft Qatar Airways inzwischen „Tausende Flüge gestrichen“. Doch der Blockade trotzte das Emirat bislang erfolgreich, indem es bei seiner Importpolitik zum einen auf politische Verbündete wie die Türkei setzte und zum anderen die Beziehungen zu Iran sowie zu einigen anderen asiatischen, aber auch europäischen Ländern intensivierte.

Bei der Sicherstellung der Versorgung landete Doha nebenbei auch PR-Coups wie jenen über den Import von rund 20.000 Kühen aus Deutschland. „Außerhalb von Doha“ habe Qatar „riesige Kuhställe“ errichtet, „mitten in der Wüste“, heißt es: Das Emirat wolle auch „bei Milchprodukten zum Selbstversorger werden“.

Deutsche Unternehmen gefragt
Auch darüber hinaus wirbt Qatar systematisch um deutsche Unternehmen. So wurde zu Jahresbeginn der Botschafter des Landes in Deutschland mit der „Hoffnung“ zitiert, deutsche Firmen würden sich stärker als bisher in dem Emirat betätigen – „nicht nur die großen Konzerne, sondern auch kleine und mittlere Unternehmen“. Dem Botschafter zufolge sind inzwischen bereits 200 deutsche Firmen in Qatar aktiv und haben dort in den vergangenen zehn Jahren rund 80 Milliarden US-Dollar investiert.

Umgekehrt investiert Qatar seit Jahren große Summen in Deutschland. So ist das Emirat bei VW mit 17 Prozent drittgrößter Anteilseigner nach Porsche und dem Land Niedersachen; an der Deutschen Bank ist es mit über drei Prozent beteiligt. Im Januar 2018 erklärte der qatarische Finanzminister Ali Sherif al Emadi: „Wir werden mehr in Deutschland investieren. Wir suchen immer nach neuen Möglichkeiten, Deutschland ist für uns ein attraktiver Markt.“

WM 2022 verspricht Gewinn
Vor allem Bau- und Infrastrukturmaßnahmen für die Fußball-WM 2022 in Qatar versprechen seit Jahren riesige Aufträge auch für deutsche Unternehmen wie Hochtief, Siemens, Deutsche Bahn, Albert Speer und Partner oder die Dorsch-Gruppe, die den Zuschlag für die Bauaufsicht über ein 45-Milliarden-Euro-Projekt erhielt. Kurz vor der WM-Vergabe hatten der damalige Vorstandschef von Hochtief, Herbert Lütkestratkötter, und Kanzlerin Angela Merkel gemeinsam mit der qatarischen Führung getagt.

Wenige Monate nach dem WM-Zuschlag für das Emirat reiste der Hamburger Reeder Erck Rickmers in Begleitung von Franz Beckenbauer nach Doha. Zuvor hatte Rickmers laut Spiegel online 250.000 US-Dollar an die Franz-Beckenbauer-Stiftung gespendet. Der „Sunday Times“ zufolge war die Reise vom damaligen qatarischen FIFA-Delegierten Mohamed bin Hammam organisiert worden. Es sei, teilt die von Rickmers geleitete E.R. Capital Holding mit, „um die mögliche Zusammenarbeit der E.R. Gruppe mit katarischen Investment-Fonds und einer Beteiligungsmöglichkeit im Schifffahrtsbereich“ gegangen.

Die Überzeugungen des FC Bayern
Nach langjähriger internationaler Kritik an den katastrophalen Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen und an der Missachtung von Menschenrechten in Qatar präsentiert sich der FC Bayern inzwischen als Botschafter „von Weltoffenheit und freier Lebensgestaltung“. Die „Partner des FC Bayern in Katar … kennen auch die Überzeugungen des FC Bayern bei Arbeiter- und Menschenrechten“, ließ der Verein 2018 wissen. Zwar hat sich die Lage auf den WM-Baustellen auch infolge des Drucks internationaler Gewerkschaftsorganisationen leicht verbessert, zumal sich das Emirat Meldungen über hunderte tödlich verunglückte Arbeiter wenige Jahre vor der WM kaum noch leisten kann. Doch noch im März 2018 hieß es etwa unter Bezug auf das britische Beratungsunternehmen Impactt: „Gastarbeiter in Katar haben im vergangenen Jahr bis zu 148 Tage am Stück auf Baustellen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 gearbeitet.“ Im extremsten Fall seien es 14 Stunden am Stück gewesen.

Wie ernst es der deutschen Politik um die Menschenrechte am Golf ist, zeigt die Ende Mai bekannt gewordene Übereinkunft, Eurofighter-Kampfjets im Wert von rund 5,7 Milliarden Euro, an deren Produktion deutsche Firmen beteiligt sind, nach Qatar zu exportieren. Das Emirat hat sich vor der Blockade durch Saudi-Arabien an Luftangriffen auf Libyen und den Jemen beteiligt, ist also zum Einsatz der Eurofighter bereit.

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