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Querfeldein durchs Minenfeld der ­Sexualität

Die nackte Wahrheit oder Wenn die Normalität Risse bekommt. Kolumne von Zenar Marf

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Foto: Deutsches Theater Göttingen

(iz). Eine Shakespeare-Aufführung mit etlichen Nacktszenen wird mitten im Stück von Schülern mit Gelächter und Kommentaren lauthals verspottet. Bloße Banausen? Vielleicht. Vielleicht aber auch ein Riss in der Normalitätsvorstellung – wenn auch nur für einen Wimpernschlag.

Aufregendes geschieht dieser Tage im Diskurs der Sexualität und Nacktheit, zumindest in der sonst so verstaubten Philosophie. Die bereits 2018 in Frankreich publizierten Manuskripte von Michel Foucaults zum vierten Band von „Sexualität und Wahrheit“ sind nun auch in der deutschen Übersetzung erhältlich und zwar unter dem verheißungsvollen Namen: „Die ­Geständnisse des Fleisches“. Was für ein Titel! Wie hier der religiös-rechtliche ­Begriff „Geständnis“ und der – besonders zu Zeiten des Veganismus und Umweltschutzes – in seinem blanken Aussprechen schon obszön gewordene Begriff „Fleisch“ eine freud’sche Perversion eingehen, lässt aufhorchen.

Begehren und Gefahr stehen eng ­beieinander, ja, bedingen einander sogar. So zumindest der – wahrscheinlich nicht nur – abendländische Mythos, um den sich Foucaults Ausführungen kreisen. In „Sexualität und Wahrheit“ befragt er die Historie auf den Wandel von Reglementierungen im Geschlechts- und Beziehungsleben. Ein Thema, das zu untersuchen sich allemal lohnt. In der Relektüre der Geschichte wird so manche vermeintliche Normalität und Ordnung brüchig. Die Technik der erneuten Lektüre zielt auf eine neue Akzentuierung von Ereignissen ab.

Ich – vom Meister geschult – sehe mich selbst schon im Sepiafilter und mit Rollkragen durch den Alltag flanieren, den strengen Blick wahrend, der jede Ordnung als Ver-ordnung, als Vorschrift zu entlarven weiß. Und schon wirft mir das Leben etwas entgegen: Ich sitze im Theater und sehe mitten in der Inszenierung einen Bruch in der Matrix. Ich schaue mich um, aber es regt sich nichts – habe ich es mir eingebildet? Alles auf Anfang. Was ist geschehen?

Es ist ein normaler Dienstagabend. Auf Empfehlung besuche ich die Shakespeare-Inszenierung zu „Was ihr wollt“ am Deutschen Theater in Göttingen. Ein normales modernes Stück; voll von Aktualisierungen. Mir fällt gleich zu Beginn auf, dass eine Schulklasse im Publikum sitzt und natürlich entgehen mir auch die drei Jungs nicht, diese Banausen, die Kommentare wie Kirschkerne spucken können. Es fühlt sich so an, als schaue ich gleichzeitig das Stück und ein Reaction-Video von drei redseligen Youtubern zu eben jenem Stück: „Ohh“, „waaas“, „komm schoon“. In meinem Nacken höre ich die zornzittrige Stimme eines ­älteren Zuschauers: „Denen drehe ich den Hals um.“

Dann, so ganz aus dem Nichts, geschieht das Unerhörte: Die Figur des Herzog Orsino lässt sich gerade in einer Szene den Leib waschen, wie es für solche Situationen üblich ist, nackt. Es ist eine stille Waschszene, in der Erotik und Intimität verdeckt hinter einer profanen Tätigkeit langsam aufkeimen. Die Stille ist hierfür unabdingbar, sie stiftet den Zweifel am Belanglosen. Aber die Kommentatoren aus dem Zuschauerraum können oder wollen sich nicht halten: Lautes Gelächter über die gesamte Szene hinweg und es will einfach nicht aufhören. Was mir wiederum in den Nacken hinein kommentiert wird, erwähne ich besser nicht.

Doch das ist ja überhaupt nicht das wirklich Unerhörte, sondern: Der Schauspieler des Herzog Orsino, Christoph Türkay, hat unter den Störungen der Schüler größte Schwierigkeiten, sich ­verdeckt zu halten und tritt für einen Wimpernschlag aus seiner Rolle: „Da hat jemand noch nie einen Penis gesehen!“ Sie haben ihn gebrochen, denke ich. Einer aus der Jungengruppe ruft dem Schauspieler entgegen: „Noch nie so einen kleinen!“ und mit einem Mal ist es kein Theater, keine Inszenierung mehr. Kein Kontrakt zwischen allen Beteiligten, dass die Bühne ein Sonderraum fiktiver Ereignisse sei. Die Illusion der Fiktion, die vierte Wand liegt nicht etwa zu Füßen, sie zeigt sich als das, was sie ist: Eine Einbildung, sie wird durchsichtig. Da diskutieren realer Schauspieler und reale Zuschauer polemisch über die Frage nach der Legitimität von Nacktheit.

So gespannt wie ich in diesem Moment hat noch nie jemand im Theater gesessen. Für einen Moment bricht die Fassade des bürgerlichen Selbstverständnisses, jenes Bürgertums, das Obszönität im Alltag strikt von sich abzuwenden weiß, das aber im Theater eine Ausnahmeregelung kennt. Im Theater wird Nacktheit inszeniert, sie ist dann keine echte Nacktheit. Auf das Fiktionsspiel wird sich ungeschrieben geeinigt, wie ja auch eine ­Autorin fiktiver Texte nicht der Lüge ­bezichtigt wird, wenn die Ereignisse der Realität widersprechen.

Was aber, wenn diese Einigung unterlaufen wird? Was, wenn da drei Menschen aufkreuzen, denen diese Regeln unvertraut sind und nur institutionell zur Anwesenheit gezwungen werden konnten? Welchen Grund hätten sie, den Schauspieler als „Figur“ zu betrachten, wenn sie doch in jeder anderen Situation ihres Alltags einen Mann und seine Erscheinung nach Kriterien ihrer Realität bemessen?

Für einen Wimpernschlag, so stelle ich fest, offenbart sich der blanke Konstruktionscharakter des Sexualitätsdiskurses. Jener Diskurs ist komplizierter als jedes Gesetzbuch und Imperative aller Seiten verschärfen den Eindruck, Sexualität sei ein Minenfeld. Was aber, wenn jemand unkundig querfeldein seine Kapriolen schlägt? So mancher wird sich ungläubig die Augen reiben müssen. Die Damen und Herren in der Loge aber zeigen sich, wenn auch zornzittrig, über jede Störung erhaben.

Foucault untersucht, wie er selbst ­erklärt, in fast allen seinen Büchern die abendländische Produktion von Diskursen, die „mit einem Wahrheitswert ­geladen“ und an „unterschiedlichen Machtmechanismen und –institutionen gebunden“ sind: Also letztlich die Bedingungen unserer Wahrheits- und Normalitätsvorstellungen. Zwar laufen die ­Mechanismen, die einen Diskurs zur Normalität erheben, auch mit Sand im Getriebe weiter, das Knarren schürt ­jedoch Zweifel. Störfälle offenbaren dann ihre ganz eigene Macht. Sie rufen die fast vergessene Erinnerung wach, dass es ja Maschinerien unter dem Parkett und oberhalb des Vorhangs sind, die beflissen die Illusion aufrechterhalten. Bisweilen schiebt ein frecher Schüler den Vorhang etwas zu weit auf und lüftet sie.

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