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Ramadan im Topkapi

Die Osmanen zelebrierten die Zeit des Verzichts

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(iz/zm). Ramadan wurde auf eine recht spektakuläre Art und Weise im Topkapi-Palast gefeiert. Jahrhundertelang wurden hier Staatsmänner und ­andere, hochstehende Gäste zum Fastenbrechen empfangen. Jene, die im Palast lebten, erfreuten sich an diesem Monat – mit Treffen voller Unterhaltung, aber auch Spiritualität. Die Tische waren gefüllt mit einer Vielfalt der Aromen und Geschmacksrichtungen. Die Iftar-Mahlzeiten der Gegenwart erscheinen fade im Vergleich zu denen aus osmanischer Zeit. Die Sultane und die wohlhabenden Familie Istanbuls öffneten ihre Tore für Gäste – geladene und ungeladene – und wetteiferten darin, die bemerkenswertesten Gastgeber zu sein. Gelegentlich griffen die Sultane ein, um allzu viel Prachtentfaltung zu unterbinden.

Wie bei vielen Dingen, welche die osmanische Zivilisation auszeichneten, war auch der Ramadan im Topkapi (der auch über eine Eliteschule und eine Armenküche verfügte) von vielen Zeremonien begleitet. Viele Ereignisse wie das Hervorholen der Hirka-i Scherif (der Heilige Mantel, der dem Propheten Muhammad gehörte) gehörten zum Palastzeremoniell. Am 15. Ramadan besuchten die Sultane den Mantel des Propheten und beteten dort. Der Palast bereitete in der Zwischenzeit runde Tabletts mit Baklava für die Janitscharen vor. Auf jedem Tablett waren hundert ­Schichten dieser Backwaren und sie waren für jeweils zehn Mann gedacht. Bevor die Tabletts gebracht wurden, unterzog man sie einer Qualitätsprüfung. Eine Goldmünze wurde aus einer Höhe von einem halben Meter auf das Gebäck fallen gelassen. Wenn sie am Boden des Tabletts klingelte, wurde das Baklava für gut befunden und herausgetragen. Wenn nicht, musste der entsprechende Koch beschämt an seinen Herd zurück.

Viele Sultane brachen ihr Fasten sowohl mit der allgemeinen Öffentlichkeit, als auch mit den Teilnehmern der Palastschule, Enderun. Anders als in anderen Dynastien waren die osmanischen Sultane keine entrückten Gestalten, sondern waren gegenwärtig im Alltagsleben ihrer Untertanen. So war der Weg von Sultan Abdulhamid II. (1878-1909) auf seinem Weg zum Mantel des Propheten von unendlich vielen Menschen gesäumt. Sultan Ahmad I. begann im frühen 17. Jahrhundert den Brauch, Öllampen zwischen die Minarette der Moscheen zu spannen, wobei die Lam­pen in Ramadangrüßen angeordnet waren. Heute werden diese Öllampen natürlich durch elektrische ersetzt. An den meisten Moscheen ist der Gruß „Hos Heldin ya sehri Ramazan (Willkommen, Oh Monat des Ramadan)“ zu lesen. Diese Lichter wurden in der ersten Nacht entzündet und blieben so bis zum Ramadanende erleuchtet.

Sowohl die Palastschule, als auch die Frauengemächer, die ebenfalls als ­Schule für zukünftige Ehefrauen von Paschas und Gouverneuren fungierten, markierten den Ramadan, indem sie ihre Mahlzeiten zum Fastenbrechen und vor der Morgendämmerung gemeinsam mit dem Sultan einnahmen und das freiwillige Nachtgebet verrichteten. In ihren Erinnerungen schrieb Lady Mary Wortley Montague, eine englische Adlige, die Istanbul besuchte, dass es täglich zwei Möglichkeiten für diese freiwilligen Tarawwih-Gebete gab. Jüngere Frauen und Bedienstete in den Frauengemächern nahmen an einem schnelleren und kürzeren Gebet teil, während sich die ­älteren Damen für ein Gebet entschieden, dass langsamer war und mehr Zeit in Anspruch nahm. Der Sultan und die Mitglieder der Palastschule nahmen ebenfalls am zweiten Gebet teil, während dessen der gesamte Qur’an gelesen wurde.

Die Abende sahen (genauso wie es heute im marokkanischen Königshaus der Fall ist) spezifische Vorträge, die dem Ramadan gewidmet waren. Daran nahmen sowohl der Sultan, auch als die Enderun-Schüler teil. In ihnen behandelten führende Gelehrte religiöse Fragen. Laut Ugurluel dienten diese Lektionen im Has Oda (dem Königlichen Saal) „dem Unterricht des Sultans unter dem Vorwand des Ramadan“.

Unverzichtbar an den Tafeln zum ­Fastenbrechen waren Vorspeisen wie Hoschaf (ein gekochtes Fruchtkompott), Scherbet (ein traditioneller Nektar), Yufka (mit Gemüse gefülltes Brot) und andere Speisen. Nach diesen Vorspeisen wurde das Abendgebet verrichtet. Danach wurden die Hauptgerichte serviert. Neben Suppen und Fleischgerichten zählten dazu auch beliebte Gerichte wie gebratene Eier mit Pastirma (gewürztes und getrocknetes Rindfleisch) oder Zwiebeln. Zwischen den Hauptgerichten und der Nachspeise beteiligten sich die Gäste des Sultans an Tischgesprächen. Auch wenn es sich bei den meisten Süßspeisen um Gebäck handelte, war Güllac (ein traditionelles Ramadan-Dessert aus dünnen Gebäckschichten, die in Sirup getaucht und von Milch mit Rosenwasser übergossen wurden) ­unbestreitbar das beliebteste Dessert. Die Pausen zwischen den einzelnen Gängen sollten mögliche Verdauungsschwierigkeiten ­verhindern.

Nach den Mahlzeiten im Topkapi wurde ein Kräutertee vorbereitet, der Verdauungsbeschwerden vorbeugte. Dieser Auszug wurde aus Rosenwasser und zehn verschiedenen Kräutern hergestellt, die alle eine medizinische Wirkung haben. Er wurde gefiltert und den Wesiren und anderen, hochgestellten Gästen in einfachen oder geschmückten Flaschen, je nach Rang, gegeben.

Ein anderes, wichtiges Ritual in Zu­sammenhang mit der Hirka-i Scherif war die Destimal-Zeremonie. Bekannte Personen aus dem Palast und Wohltäter von außerhalb wurden dazu eingeladen. Spezielle Schals oder Tücher wurden aus einer goldenen Kiste geholt und in Gegenwart der Anwesenden am Mantel des Propheten gerieben, bevor sie den Gästen überreicht wurden. Für die Menschen waren diese, mit Rosenwasser aromatisierten Tücher eine Erinnerung an den Ramadan, die sie bis zu ihrem Tod behielten. Oft fanden sie darin ihre letzte Verwendung, das Gesicht der Toten vor ihrer Beerdigung zu bedecken.

Auch wenn das Fastenbrechen heutzutage nicht die spirituelle und kulturelle Feinheit erreicht, wie es unter den Sultanen üblich war, gibt sich jeder Gastgeber die größte Mühe, das Beste zu geben, was sein Haushalt zu bieten hat.

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Massouda Khan

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