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Ramadan: Wenn du deine Gefühle nicht mehr essen kannst

Im Fastenmonat wird das Innenleben dominanter

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(iz). So sehr man sich vorher immer wieder denkt, wie lang so ein ganzer Monat des Verzichts sein wird, so zieht die Zeit doch schneller an einem vorbei, als man es wirklich fassen kann. Eine Neuentdeckung, die ich dieses Jahr mache ist, dass der Ramadan uns zwingt, uns unseren Gefühlen zu stellen.

Im Alltag sind wir gewöhnt, Mittel der Kompensation für die verschiedenen Emotionen zu finden, die durch Erlebnisse ausgelöst werden. Oft flüchten wir uns in den rettenden Kaffee, wenn wir müde sind oder eine lange Lernsitzung, Aufgabe im Job oder andere Verpflichtungen vor uns liegen. Macht uns etwas traurig, gönnen wir uns gerne das Stück (oder – seien wir ehrlich – den ganzen) Kuchen. Wir greifen zum „comfort food“. Jeder hat irgendein Lieblingsgericht, meist eine Spezialität Mamas, das ihm ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit verleiht, wenn das Leben zu heikel, zu schnell order zu angsteinflößend wird. Wenn wir uns einfach gut fühlen wollen und nicht nachdenken möchten.

Wenn wir fasten, haben wir diese Möglichkeit nicht mehr. Macht uns etwas Angst, macht uns jemand wütend, macht uns etwas traurig, können wir nicht vor den Gefühlen weglaufen. Wir können unsere Emotionen nicht mehr hinweg essen und müssen uns ihnen stellen. Wir sind gezwungen, sie zu fühlen. So erleben wir die Tage im Ramadan im Auf und Ab unserer Gefühle. Während ein Tag heiter, voller Freude, ja sogar mit den berüchtigten Schmetterlingen im Bauch vor lauter Liebe zu Allah, seinem Gesandten und der Ummah vergeht, so sieht der nächste Tag schon bitter und melancholisch aus.

Nimmt Allah mein Fasten an? Was tue ich eigentlich für die muslimische Gemeinschaft? Kann ich mich wirklich zu denen zählen, die wohltätig sind? Gehöre ich wirklich zu den Demütigen, die Allah im Qur’an beschreibt? Kann ich das wirklich von mir behaupten? Es gibt so viel zu tun, ich schäme mich …

So viel prasselt auf uns nieder, ohne dass wir uns in etwas flüchten können, was diese Trauer verdrängen könnte. Oder doch? Es ist das Bittgebet, das die Gedanken gar nicht mehr loslassen will. Es ist die Niederwerfung, aus der man sich gar nicht mehr erheben möchte. Es sind die Salawat für unseren Liebling [den Gesandten Allahs], möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Es ist das Flehen um Rechtleitung und um Vergebung. Für uns, für unsere Lieben, für den Fremden, der uns begegnet und unser Herz mit seinen traurigen Augen erfasst.

Nein, wir können uns nicht entziehen. Wir können uns weder ablenken, noch sollen wir es in dieser gesegneten Zeit der Prüfung. Wir lernen in einer Zeit der emotionalen Verstümmelung, wie wichtig unsere Gefühle doch sind. Sie sind dazu da, um gefühlt zu werden. Sie erweichen das Herz, das von unserem maßlosen Konsum und der Ablenkung durch die Spaßkultur beinahe zu Stein geworden ist.

Geschieht uns etwas Ungerechtes, können wir nicht einmal streiten, nicht einmal fluchen, auch nicht insgeheim in unseren Gedanken. Banalitäten werden intensiv. Ein Busfahrer verletzt mich mit seinen harschen Worten. Er hatte bestimmt einen stressigen Tag. Normalerweise würde ich fluchen, aber … „La ilaha ilallah … tu es nicht, sabr … sabr …“. Und die Tränen kommen. Es bleibt nichts, als sie fließen zu lassen. Alhamdulillah, es gibt sie noch. Ebenso wie das überschwellende Gefühl von Glück, wenn man einer verletzten Frau beim Tütenschleppen hilft und ihre aufrichtige Dankbarkeit zu spüren bekommt. Alhamdulillah, es gibt sie noch.

Nein, wir können unsere Gefühle nicht essen. Wir können sie nicht durch irgendetwas anderes besänftigen, als durch die Anbetung. Das ist alles, was uns erlaubt ist. Das ist alles, was bleibt. Schränkt uns Allah so sehr ein? Nein. Er befreit uns. Er befreit uns von uns selbst, unserer Nafs, unseren niederen Neigungen, die uns von unserem höheren Sein entfernen wollen. Wir sind uns selbst ausgeliefert und Allah zwingt uns, uns zu ergeben – ein Muslim im wahren Sinne des Wortes zu sein.

 

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