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Rassismus als moderner Götzendienst

Dr. Sherman Jackson formuliert muslimische Antworten auf die Ideologie weißer Vorherrschaft

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Foto: Drazen Zigic, Shutterstock

„Im Gegensatz zu dem, was manche verstehen, geht es nicht darum, gegen den Westen, gegen Weiße oder gegen Nichtmuslime zu sein. Denn in der heutigen Welt sind viele Menschen im Osten, Nicht-Weiße und sogar viele Muslime größere Vertreter weißer Vorherrschaft als nichtmuslimische Weiße im Westen.“

(Lamppost Production). Zu den bekanntesten Stimmen US-amerikanischer, und insbesondere schwarzer Muslime gehört Dr. Sherman Jackson. Der Islamwissenschaftler hat derzeit den König Faisal-Lehrstuhl für Islamisches Denken sowie einen Lehrstuhl für Religion und Amerikanistik an der Universität Südkalifornien (USC) inne. Dr. Jackson schrieb Bücher zu verschiedenen Themen – von Al-Ghazali bis zu Tasawwuf.

Seit Jahren widmet er sich insbesondere der Forschung zu Fragen von Rassismus, schwarzen Muslimen und verwandten Themen. 2009 schrieb er das Buch „Islam and the Problem of Black Suffering“. Sherman Jackson hat beim Bildungsprojekt Lamppost Education Initiative ein Programm unter dem Titel „Weiße Vorherrschaft: Beginn des modernen Götzendienstes?“ veröffentlicht. In Folge fassen wir einige Kernpunkte seiner Überlegungen zu dieser brandheißen Frage zusammen.

Heute behandeln wir ein heikles und kontroverses Thema. Wir sprechen über weiße Vorherrschaft (engl. White supremacy) als Beginn des modernen Schirk (Götzendienst, Akt der Beigesellung). Diese Untersuchung soll klären, was dies für Muslime in der Moderne bedeutet.

Die meisten würden das lieber ignorieren oder es als fehlgeleiteten Überrest der Geschichte ablegen. Die Unwilligkeit zur Beschäftigung hat den Zweck, sie der Kritik zu entziehen. Mit anderen Worten, wenn wir nicht über weiße Vorherrschaft reden, sprechen wir ihre Existenz ab. Wir können entweder davon ausgehen, dass sie existiert oder nicht existiert. Wenn es sie gibt, müssen wir nach ihren Folgen fragen – nicht nur für uns als Nichtweiße, sondern als Muslime. Eine zweite schließt sich an: Wenn es weiße Vorherrschaft gibt, welche Verantwortung haben wir dann als Muslime – individuell und ­kollektiv? Und wenn es sie gibt, wie lässt sie sich als Beginn des modernen Schirk deuten?

Fangen wir damit an, zu verstehen, was sie nicht ist. Es handelt sich nicht um die Ideologie, die Gruppen wie der Ku-Klux-Klan vertreten. Was der Klan macht, ist im Vergleich zum eigentlichen Phänomen bloß Kinderkram. Die weiße Vorherrschaft ist ihrem Wesen nach etwas, das man nicht bekämpft. Stattdessen kämpft man gegen sich selbst. Die Folge des Systems besteht im Wesentlichen in der Verinnerlichung einer Idee, man sei abnormal, zurückgeblieben und min­derwertig. Im Lichte dieses Ordnungs­rahmens muss man sich ändern, um so Anerkennung und Respekt von denen zu erhalten, welche diese Herrschaft repräsentieren.

Bei der Kritik an dieser Vorherrschaft geht es nicht um weiße Menschen. Hier geht es um eine Darstellung von Ideen. Dazu gehört die Tatsache, dass Nichtweiße in vielen Fällen größere und brennendere Befürworter dieser Machtverhältnisse sein können als Weiße. Es ist Fakt, dass alle Weißen befähigt sind, davon zu profitieren; aber nur, wenn sie das wollen. Das heißt, sie können ihre schädlichen Folgen und bösen Auswirkungen ignorieren.

Die verheerendste und grundlegendste Kritik an dieser Ordnung in den USA kam von Leuten, die sich als Weiße verstehen. Forscher wie Theodore Allen, Matthew Fry Jacobson, Richard Dyer und andere haben ihre Karriere der Offenlegung weißer Vorherrschaft gewidmet sowie ihrer Abschaffung. Sie wollen ein Verständnis fördern, was diese Sache ­sowohl mit schwarzen oder nichtweißen als auch weißen Menschen macht.

Dabei handelt es sich nicht um ein ausschließlich amerikanisches Phänomen. Es ist das, was weiße Amerikaner in Amerika getan haben. Teil meines Arguments ist, dass es sich heute um eine globale ­Erscheinung handelt. Nicht bloß Nichtweiße in den USA sind betroffen. Ein Problem, mit dem wir als muslimische Gemeinschaft fertig werden müssen, ist die Fähigkeit eines Teils der Muslime –Araber und Asiaten –, weiße Vorherrschaft als Macht zu leugnen, die ihr Leben beeinflusst.

Weiße Vorherrschaft ereignete sich, als Europäer sowie ihre Siedlerkolonien in den USA, Australien, Neuseeland etc. in der Lage waren, ihre Geschichte willkürlich zu definieren. Und sich von diesem Punkt an nur als Menschen zu begreifen. Das heißt, ihre Werte, Urteile und Vorlieben seien Folge natürlicher Ursachen. Sie können ignorieren, dass sie auch das Produkt einer Vergangenheit sind. Unsere Leute jedoch haben in dieser Konstel­lation einen Werdegang, der nur ihnen zueigen ist.

Daraus folgert, dass alles, was sie wertschätzen, Ergebnis eines vorausgesetzten Naturzustands sei und nicht von Geschichte, Sozialisierung, Ökonomie oder kulturellen Veränderungen; so, als wären sie vom Himmel gefallen. Dadurch werden weiße Empfindsamkeiten, Wahrnehmungen und Blickwinkel auf die Stufe des Normalzustands erhoben. Und deshalb sehen sich Weiße nicht zur Erklärung gezwungen. Es sind Nichtweiße, die all diese Dinge klären müssen, wenn Weißheit die Norm wird, mit der alles andere verglichen wird. Es gibt keine ­kulturellen oder anthropologischen Deutungen, alles scheint normal. Im gewissen Sinne werden Weiße zu geschichtslosen Wesen gemacht – die ursprünglichen Menschen.

Daraus ergibt sich die Befähigung, andere Zustände des In-der-Welt-seins als abnormal zu verurteilen. Und dank dieser Vorwegnahme über weitere Seinsweisen haben Betroffene keine Berechtigung, über den Anderen zu urteilen. So landet man in einer Position, in der man richten kann, aber selbst nicht beurteilt wird. Diese Realität charakterisiert den Aufstieg der Moderne. Und in realen Begriffen lässt sich das Heute als Einführung weißer Vorherrschaft als globales Phänomen ­beschreiben.

An diesem Punkt nähern wir uns der Frage jener Herrschaftsform als potenziellem Beginn des modernen Schirks. Sie kann sich nicht aus sich selbst heraus legitimieren, sondern braucht aktive Teilnahme von Seiten Dritter. Andere müssen die Normen der dominanten Gruppe akzeptieren und verinnerlichen, die am Vorabend der Moderne als Norm bestimmt wurde. Ihr eigentlicher Triumph ereignet sich, wenn Nicht-Weiße und Weiße das tiefverwurzelte Gefühl verinnerlichen, wonach Weißheit die moralische Norm sei. Diese Ordnung konnte nur deshalb zu einem weltweiten Phänomen werden, weil Nicht-Weiße an sie glaubten.

Warum sollten Menschen so was ­akzeptieren? Selbiges können wir zum Götzendienst fragen. Warum beteiligten sich die heidnischen Araber am Schirk? Die Antwort verweist auf den grund­legenden Fakt unserer menschlichen Verfassung. Wir sind dank unserer Natur Wesen, die sich nicht selbst aufrecht ­erhalten können. Glaubt der Mensch, er wäre in dieser Weise unabhängig, überschreitet er Grenzen.

Wir alle wissen um unsere Sterblichkeit. Und wir können den Augenblick unseres Sterbens nicht bestimmen, auch wenn wir nicht sterben wollen. Das liegt vollkommen außerhalb unserer Kontrolle. Unser körperliches Sein hängt von Kräften jenseits unserer Zellen ab. Und wenn diese auf irgendeine Weise manipuliert werden, beeinflusst uns das auf eine Weise, die nicht in unseren Händen liegt. Nicht weniger wichtig ist unsere psychologische und emotionale Abhängigkeit. Ich brauche andere Subjekte, um mich zu erkennen. Unser Selbstwert kann so leicht beeinflusst werden.

Deshalb bestand der Prophet des Islam, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, auf freundlichen und respektvollen Umgang. Ohne kann man sich bedeutungs- oder wertlos fühlen und so auf einen Pfad gelangen, um alternativen Formen der Bestätigung zu finden. So war der Prophet, Allahs Heil und Segen auf ihm. Es ist Teil der menschlichen Bedingung, dass wir emotional und seelisch abhängig sind, sowie Bestätigung benötigen. Blicken wir auf innerstädtische Gemeinschaften (die in den USA sehr häufig arm und schwarz sind, Anm.d.Red.), finden wir dort oft ungesunde Formen der Bestätigung. Die Leute erfahren keine Aufwertung, weil sie gottesfürchtig, freundlich oder großzügig sind, sondern wenn sie wohlhabend sind; ungeachtet, wie sie ihren Reichtum erworben haben.

Die einzige Möglichkeit ist, dass wir erfolgreich damit umgehen. Und zwar bis zu dem Punkt, an dem wir eine angemessene Beziehung zu Allah haben. Er ist ultimativ der Einzige, Der uns ver­sorgen kann, und uns das Gefühl von Sicher­heit geben kann, was wir als Menschen brauchen. Und hier wird Islam zu einer Rahma (Barmherzigkeit) für die Welt. Wir erhalten einen Einblick, dass es eine Macht jenseits von uns gibt, die unser Geschick bestimmt. Mit ihr bin ich über den Islam eine angemessene Beziehung eingegangen. Mit ihr kann ich auf alles eingehen, das zur menschlichen Existenz gehört – Tragödie, Verlust etc. Das Gefühl der Unsicherheit erlaubt es uns, in Beziehung zu Allah zu treten.

So beginnt das Verständnis, warum Gruppen wie die Perser oder Araber in Götzendienst verfielen. Diese früheren Völker wandten sich ihren Idolen als Werkzeug zu, um mit ihrer Unsicherheit fertig zu werden. Man richtete sich an diese und andere Mittel. Nicht, weil man glaubte, sie kontrollierten Leben und Tod. Vielmehr ging es um seelischen Trost, denn diese Götzen wurden mit äußeren Kräften in Verbindung gebracht. Alles wäre in Ordnung, so der Glaube, würde man sie nur befrieden. Eine Bezie­hung zu ihnen sollte Trost sowie Heilung der Seelen bringen. Das war die Art des Götzendienstes, für dessen Abschaffung die Propheten, Friede sei mit ihm, gesandt wurden. Sie taten dies nicht, um den Menschen die gewünschte Lebensweise zu verwehren, sondern weil Schirk eine Fehlverhalten im Umgang mit der menschlichen Situation ist.

Hier handelt es sich nicht nur um ­einen religiösen Einblick. Säkulare verstehen das ebenso. Unter Erwachsenen erlaube ich mir ein Beispiel. Warum gibt es überhaupt Zuhälter? Sie bringen Frauen dazu, zu tun, was sie tun, weil diese ­Männer verstehen, dass alle Menschen ein Gefühl der Unsicherheit haben. Alles, was sie tun, ist die Manipulation dieses Wunsches.

In Amerika gibt es Weiße, die Opfer weißer Vorherrschaft werden. Wie ist das möglich? Naturgemäß sind die Armen unter ihnen unsicher. Man sagt ihnen, sie gehören der gleichen Gruppe wie die Mächtigen an. Die Armen können sich damit identifizieren und sicher fühlen. Und das, obwohl es ihre Interessen verletzt. Obwohl ihre Jobs nach Mexiko, Kanada oder China ausgelagert wurden. Man kann Kraftwerke in ihrer Nähe bauen, die Krebs bei ihren Kindern auslösen und es gibt keinen Widerstand. Warum? Solange sie sich mit diesem Herrschaftsmodell identifizieren, werden sich die Armen nicht auflehnen. Derart funktioniert weiße Vorherrschaft weltweit.

Wir müssen fragen, was heute die Bedeutung von Schirk ist. Es gibt außer in den entlegensten Winkel der Welt keine Götzen mehr. Und doch gibt es ihn – in den Großstädten, in denen Muslime heute leben. Nur, weil der weiße Westen Autor des neuen Regimes ist, bedeutet das nicht, dass alles, was er sagt, falsch sei. Wir müssen diese Haltung meiden, denn sie kann zu umgekehrtem Schirk führen. Im Zwang zur Gegensätzlichkeit sehe ich einen Trend zum heutigem Götzendienst. Denn wir suchen eine Antwort bei jemand anderem als bei Allah.

Im Gegensatz zu dem, was manche verstehen, geht es nicht darum, gegen den Westen, gegen Weiße oder gegen Nichtmuslime zu sein. Denn in der heutigen Welt sind viele Menschen im Osten, Nicht-Weiße und sogar viele Muslime größere Vertreter weißer Vorherrschaft als nichtmuslimische Weiße im Westen.

Dieses Thema ist unsere Anstrengung (arab. dschihad), die eigentlich. Er muss zuerst und vor allem in den Herzen geführt werden. Wir müssen uns von dem Gefühl entwöhnen, dass wir nur dann anerkennt sind, wenn uns der Westen bestätigt. Gelingt mir das nicht, habe ich ein Problem. Selbst bei einem Sieg werde ich nur wieder die gleichen Werte institutionalisieren, denn sie sind Teil meines Herzens. Die falschen Götter können der Menschheit niemals Frieden und Ruhe geben, für deren Suche Männer und Frauen geschaffen wurden.

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