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Rassismus als Rahmen für Herrschaft

Charles W. Mills hat mit „The Racial Contract“ einen wichtigen Text geschrieben

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Foto: Getty Center, via Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain

Die nach dem Mord an George Floyd in den USA ausgebrochenen Proteste sowie die erneute Debatte über ungleiche Lebensverhältnisse sowie Diskriminierungen von schwarzen Menschen haben auch zu Protesten und Debatten zum Thema in Deutschland geführt. Der in den vereinigten Staaten lehrende jamaikanische Philosoph Charles W. Mills veröffentlichte bereits 1997 sein Buch „The Racial Contract“. Wir stellen einen relevanten Text vor.

(iz). In den letzten Wochen, seitdem unter #BlackLivesMatter auch hier die Frage nach Rassismus, insbesondere die nach anti-schwarzem, mit aktueller Dringlichkeit diskutiert wird, kommen dabei häufig Begriffe beziehungsweise Konzepte vor, die häufig nicht in die breite Gesellschaft eingeführt oder kontextualisiert werden. Das führt bei den Angesprochenen auch zu Missverständnissen, weil sie glauben, sie wären persönlich gemeint.

Eine wichtige Abhilfe stellt dabei „The Racial Contract“, das es leider trotz seiner Relevanz bisher nicht ins Deutsche schaffte. Sein Text, so Mills, sei ein Versuch, unseren Blick neu auszurichten, damit unsere Sinne sehen, was – auf einer gewissen Weise – immer schon da war. Angelehnt an die Theorie vom „Gesellschaftsvertrag“, wie sie während der Aufklärung von den Philosophen Rousseau und Kant formuliert wurde, sieht Charles W. Mills in der „weißen Vorherrschaft“ (engl. white supremacy) ein namenloses politisches System, das die moderne Welt zu dem machte, was sie heute macht.

Auch, wenn sich der Philosoph konkret vorrangig auf die Entstehung der angloamerikanischen Siedlerstaaten USA, Kanada, Südafrika, Australien, Neuseeland sowie das britische Mutterland bezieht, geht er von einem Ordnungssystem aus, das weltweit wirksam ist. Es brauche einen theoretischen Rahmen, um a) den Rahmen für ein Gespräch über Rassismus zu stiften sowie b) die Annahmen seiner konstituierenden Rolle in der kapitalistischen Moderne offenzulegen. Was es brauche, ist die Anerkennung, dass Rassismus, den er „globale weiße Vorherrschaft“ nennt, die Anerkennung, dass Rassismus selbst ein politisches System sei sowie ein ökonomischer Vorteil.

„Dieser eigentümliche Vertrag, auf den ich mich beziehe, beruht auf die Tradition des Gesellschaftsvertrags, die so wesentlich für die politische Theorie des Westens ist“, schreibt Mills in seiner Einleitung. Aber das sei kein Vertrag zwischen allen („wir, das Volk“), sondern nur zwischen jenen, die wirklich zählten. Dieser rassistische Vertrag meine „wir, die weißen Leute“. Dieser Vertrag – als Theorie – erkläre, dass er als Praxis real sei und dass augenfällige Vertragsverletzungen tatsächlich die Bedingungen der rassistischen Übereinkunft aufrechterhielten.

Das Modell ermögliche „eine Art Röntgenblick auf die reale interne Logik des gesellschaftspolitischen Systems“. Daher leiste er eine Arbeit nicht durch die angeblichen Werte, die für Charles W. Mills verabscheuenswürdig sind, „sondern, indem es uns ermöglicht, die tatsächliche Geschichte des Gemeinwesens zu verstehen“. Und man begreife, wie diese Werte und Konzepte funktioniert haben, um Ungerechtigkeit hinweg zu erklären.

Für den Philosophen Charles W. Mills ist „der rassistische Vertrag“ ein Erklärungsmodell, um die innere Logik rassistischer Herrschaft zu verstehen und „wie sie die Politik im Westen und anderswo strukturiert“. Theorien und Konzepte klingen erst einmal abschreckend für den allgemeinen Leser. Sie seien aber entscheidend zur Erkenntnis. Wissenschaftler, die sich mit Vorgängen des Bewusstseins beschäftigen, „verweisen darauf, dass sie uns dabei helfen, zu kategorisieren, zu lernen, zu erinnern, zu erklären, Probleme zu lösen (…) oder Analogien zu formulieren“.

„The Racial Contract“ ruhe auf simplen Grundannahmen: Die existenzielle Aussage, dass weiße Vorherrschaft selbst als politisches System verstanden werden solle. Dass er methodisch als „Vertrag“ zwischen Weißen gesehen werden kann. „Ökonomisch legt er fest, wer was erhält.“ Für Mills ist er eine ausbeuterische Übereinkunft.

Strukturell sei „weiße Vorherrschaft“ im Rahmen des Vertragsmodells eine Übereinkunft beziehungsweise ein ganzes Bündel aus einer Untergruppe von Menschen, die in Folge „rassisch“ als „weiß“ bestimmt wurden. Alle anderen galten zukünftig als „nichtweiß“. Daraus habe sich ein anderer, minderwertiger Status für sie abgeleitet.

„Der allgemeine Zweck des Vertrags ist immer die unterschiedliche Privilegierung der Weißen als Gruppe gegenüber den Nicht-Weißen als Gruppe, die Ausbeutung ihrer Körper, ihres Landes und ihrer Ressourcen und die Verweigerung gleicher sozioökonomischer Chancen für sie. Weiße sind Nutznießer des Vertrags, obwohl einige den Vertrag nicht unterzeichnet haben“, beschreibt Charles W. Mills den Ausbeutungscharakter dieser politischen Ordnung. (sw)

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Sulaiman Wilms

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