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Rassismus – eine Herausforderung für alle

Können Muslime Vorbild für ein solidarisches Zusammenleben sein?

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Foto: Shutterstock, Peter Czerner

(iz). Die #BlackLivesMatter-Bewegung erinnert an eine der dunkelsten Seiten der europäischen Geschichte: den Kolonialismus. Die Bedeutung des Anliegens zeigte sich inmitten der aktuellen Pandemie, zehntausende Menschen waren bereit sich für dieses Thema zu engagieren, auch wenn die Lage dafür eher ungünstig war. Sie setzten damit nicht nur ein Zeichen, sie stießen auch in ganz Europa neue ­Debatten an.

Ein drastisches Beispiel für die Abgründe europäischer Kolonialpolitik symbolisiert, um nur ein Beispiel zu ­nennen, in Brüssel ein Denkmal für den König Leopold III. Während der Herrschaft des Königs im Kongo kamen etwa zehn Millionen Kongolesen in der Gewaltherrschaft um. Der – sogenannte – Freistaat in Afrika war von 1885-1908 im Privatbesitz des Herrschers und schaffte die Grundlage für den Reichtum des kleinen europäischen Landes. Nun wollen etliche Aktivisten den König vom Sockel holen und belgische Historiker diskutieren das ganze Ausmaß seiner Verantwortung.

Hier gilt es, auch den Zusammenhang zwischen Kolonialgeschichte und neuen ökonomischen Techniken, die in Europa entstanden sind, zu studieren. Euro­päische Aktiengesellschaften waren Teil der Expansionspolitik des Kapitalismus und stehen bis heute für die Trennung der Verantwortung der Aktionäre von den Machenschaften der Konzerne in ­aller Welt. Nur langsam dringt diese dunkle Seite Europas in das kollektive Bewusstsein.

In Deutschland werden die Abgründe des Rassismus schon länger diskutiert, nicht zuletzt wegen der Blutspur, die der nationalsozialistische Rassenwahn in Europa hinterlassen hat. Hinzu kommt die Erforschung der historischen und geis­tigen Grundlagen. Der Antisemitismus, der das NS-Regime prägt, findet sich schon in der harschen Zinskritik Martin Luthers. Diesen Ansatz übernehmen heute einschlägige Verschwörungs­theorien, die über eine „Verschwörung“ jüdischer Kapitalisten phantasieren. ­Neuerdings wird aber auch gefragt, ob Immanuel Kant nicht nur für den kategorischen Imperativ, sondern auch für den Rassismus, ausweislich einiger Texte des Philosophen, eine geistige Grundlage gegeben hat. Kants philosophischer Ruhm bedeutet nicht, schreibt Patrick Bahners in der FAZ, „dass er nicht auch bestimmte moralische Fehler in seinen Werken begangen hat“.

Grundsätzlich eröffnet sich hier ein akademisches Feld, das Philosophen und Historiker wohl noch Jahre beschäftigen wird. Gleichzeitig zeigt sich aber, dass das Problem, jenseits der langsamen Mühlen der akademischen Diskurse, drängt. People of Colour und Immigranten berichten immer wieder von einer verbreiteten Alltagsdiskriminierung, existentiellen Erfahrungen, die weiße Menschen so nicht machen und nur selten wirklich nachvollziehen. Spätestens seit der missglückten NSU-Aufarbeitung steht auch das Problem eines institutionalisierten Rassismus im Raum. Es gibt Berichte über Polizeigewalt gegen Minderheiten, ganz zu Schweigen von der politischen Offensive der neuen Rechten in der Bundesrepublik. Hier gibt es eine kollektive Verantwortung aller Deutschen, auch wenn sie in ihrer individuellen Lebensführung, weder als Täter oder Opfer, ­betroffen sein mögen.

Die Herausforderungen für die Gesellschaft sind evident. Wie kann es ein ­Gemeinwesen geben, dass nicht nur auf ethnischer Herkunft, bestimmten kulturellen Vorstellungen oder auf einer bestimmten Religion, sondern auf einen umfassenderen, offeneren Begriff des Deutschseins aufbaut? Hier gibt es auch eine deutsche Tradition, von Goethe bis Mann, die zeigt, dass die deutsche Geistesgeschichte hier nicht nur in eine Sackgasse führen muss. Bereits Goethe hatte die Deutschen daran erinnert, dass der Nationalismus, damit auch der Rassismus, die unterste Stufe der Kultur sei. Ob man diese Mahnung mit dem Wort Nietzsches, der Dichter sei in Deutschland folgenlos geblieben, zusammen denken muss, ist eine Frage für die Zukunft. Nach dem die Weimarer Klassik und das deutsche Bildungsbürgertum die Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht verhindern konnte, stellt sich diese ­Herausforderung, unter den Vorzeichen des erstarkenden Rechtspopulismus, heute jedenfalls wieder neu.

Wie wichtig die Lösung dieser Fragen ist, zeigt die aktuelle Debatte über die Krawalle in Stuttgart. Hunderte junge Leute, mit unterschiedlichem Hintergrund, hatten an einer Gewaltorgie ihre Art von „Spaß“ gefunden und die Republik schockiert. Die Bewältigung der Exzesse folgte allerdings schnell dem altbekannten Muster: Woher stammen die Straftäter, sind sie gar religiös motiviert, wurde in einigen Gazetten diskutiert.

Das Muster ist altbekannt, einzelne Vertreter von Minderheiten sollen mit ihren negativen Charakterisierungen, die ganze Gruppe dahinter definieren. Dabei ist klar, dass jede(r) BügerIn diese ­Verrohung der Sitten ablehnt und einer scharfen Strafverfolgung von Gewalt­tätern zustimmt. Hier gibt es bei der überwältigenden Mehrheit der Bevöl­kerung keine zwei Meinungen und damit eine Chance, die Reihen für den Ausschluss aller Gewalttäter jeder Couleur aus dem gesellschaftlichen Konsens, zu schließen.

Auch in der muslimischen Community wird das Thema des Rassismus heute kontrovers diskutiert. Hin und wieder gilt auch hier die bekannte Regel, dass „Rassisten immer nur die Anderen sind.“ Viele Muslime vertreten den Standpunkt, dass das Konzept eines Rassismus oder Nationalismus in der Lehre des Islam keine Grundlage findet. Auf diese Position mag man sich zurückziehen. Nur: Was theoretisch wahr ist, wird praktisch nicht immer umgesetzt. So beklagen Muslime of Colour ebenso Diskriminierungen und Benachteiligungen im muslimischen Kontext. Hinzu kommt, dass muslimische Organisationen oft noch nach ethnischen ­Kriterien aufgestellt sind, auch wenn dies mit rechter Bio- und Ausgrenzungspolitik keinesfalls zu vergleichen ist.

Das Phänomen zeigt nur, dass die Idee einer gemischten und bunten Gemeinschaft oft eher Theorie ist und nicht der Praxis entspricht. Es wäre auch vermessen, dass die Jahrzehnte des Nationalismus in der muslimischen Welt keine Spuren hinterlassen haben. Die Symbiose von Nation und Religion wäre dabei ein Thema für sich. Fakt ist, allzu oft ist das zeitlose Wort Ibn Al-‘Arabis, über die Identität des Menschen, in Vergessenheit geraten. Nach seiner Lehre begründet sich die eigene Identität in dem Ver­mögen eine Sprache zu sprechen und nicht etwa in der biologischen Substanz des Menschen. Die Fähigkeit, eine ­gemeinsame Sprache zu sprechen und sich an den Diskursen zu beteiligen, ist nach wie vor die wichtigste Klammer in der gesellschaftlichen Realität. Dieser Grundsatz gilt natürlich auch für den muslimischen Alltag.

Der berühmte Soziologe Ibn Khaldun, eine andere Größe islamischer Lehre, erwähnt in seiner Muqaddima ausdrücklich das Konzept der „Asabija“. Er argumentiert, dass der Zusammenhalt und das „Gruppengefühl“ von Muslimen, neben ihrer gemeinsamen Glaubenspraxis, auch auf ihre Herkunft, familiären Zusammenhalt und auf „Blut“ beruht. Eine Definition, die den Begriff der Asabija – aus heutiger Sicht – nicht als eindeutig positiv fassen kann. Oft erinnert diese Terminologie eher an ein antiquiertes Stammesdenken vergangener Tage.

Da es aber durchaus ein legitimes Ziel ist, das Gefühl der Gemeinsamkeit zu stärken, wäre es ein interessantes Projekt, den Begriff auf neue Weise zu aktualisieren und wieder zu beleben. Die Verarbeitung historischer Erfahrung und das Bewusstsein für aktuelle Probleme sind dabei wichtige Komponenten.

Unabhängig von Begrifflichkeiten, ist es für Muslime wichtig, Plattformen und Austausch zu organisieren, die die Beteiligten auf Grundlage anderer Werte zusammenbringt. Tatsächlich gehört es zu den dringlichen Aufgaben der Muslime, Beispiele vorzuleben, dass es eine erfolgreiche Zusammenarbeit jenseits der ethnischen oder kulturellen Zugehörigkeit gibt oder geben kann. Neben dem Gefühl der Solidarität tritt dabei die Vision gemeinsamer Ziele, die die Gesellschaft bereichert. Ibn Khaldun verweist auf die eigentlichen Ziele jeder Gruppe, die insbesondere in der Ausgestaltung des städtischen Lebens zu suchen sind. Nur gemeinsam kann es eine Infrastruktur geben, die offen und zugänglich ist. Die soziale Realität der Moscheen, von Marktplätzen oder das soziale Engagement in Stiftungen ist durch die Offenheit und die Zugänglichkeit für alle bestimmt. In dieser Art der sozialen Wirklichkeit ist nur die soziale Kompetenz, heute würde man sagen, das zivilgesellschaftliche Engagement, für alle wichtig. Liegt hier vielleicht ein Ansatz für das gewünschte Ideal der Gleichheit?

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Abu Bakr Rieger

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