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Alle Jahre wieder?

Wie stellt man eigentlich fest, wann Ramadan beginnt?

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Screenshot: YouTube

(iz). Jedes Jahr die gleiche Debatte um die richtige Feststellung des Beginns vom Fastenmonat Ramadan. Der Hidschri-Kalender (benannt nach der Auswanderung des Propheten Muhammad, Allahs Frieden und Segen auf ihm, nach Medina, der Hidschra) richtet sich nach dem Mondzyklus. Der Ramadan beginnt offiziell mit der Sichtung der neuen Mondsichel (Hilal). Darüber, wie diese Sichtung aber stattfinden soll, gibt es verschiedene Meinungen.

Es ist wichtig zu wissen, dass in der traditionellen sunnitischen Rechtswissenschaft Meinungsvielfalt vorgesehen und durchaus anerkannt ist. Diese allgemeine Grundlage scheint im Zeitalter des Internets teilweise in Vergessenheit zu geraten. Bekanntlich tummeln sich dort diverse, kleine Randströmungen mit Webseiten, die mit selbstgegebenem alleinigen Wahrheitsanspruch werben. Wer hier meint nur „Qur’an“ und „Sunna“ zu folgen, sagt nicht selten, dass er lediglich seinem eigenen Verständnis von beidem folgt. Die islamische Normenlehre (Usul al-Fiqh) ist dann doch etwas wissenschaftlicher als das Kopieren von Textübersetzungen und das Posten von Bildern.

Wie jedes Jahr in der letzten Zeit beginnt kurz vor Beginn des Ramadan eine Diskussion darüber, wann und von wem der Ramadan ausgerufen wird.

Muslim kann jeder sein, Rechtsgutachter aber eben nur, wer dafür qualifiziert ist. Um der Komplexität von Wissenschaft gerecht zu werden, bedarf es diverser Qualifikationen. Das Googlen oder Hörensagen von Sachverhalten steht dem entgegen. Vor allem wird es problematisch, wenn die Rechtsmeinungen von Gelehrten bestimmter Randkonfessionen auf die Mehrheit der Muslime übertragen werden soll.

Die Meinung, die jüngst gern als die „einzig wahre“ propagiert wird, meint, dass man auf die Sichtung des Neumonds über Mekka warten müsse und die Autoritäten Mekkas dann den Ramadan ausrufen. Gleichzeitig gilt diese Meinung weltweit als sehr schwer begründbar. Ihre Verbreitung erfuhr sie in den letzten Jahrzehnten vorrangig durch saudischen Einfluss.

Ein Konsens herrscht darin, dass es lediglich einer, weltweit möglichen, bestätigten Sichtung des Neumonds bedarf, um den Beginn des Ramadan festzulegen. 2014 wurde der Mond beispielsweise offiziell im Jemen gesichtet, wonach das Land den Ramadan ausrief und einige andere Länder nachzogen. Saudi-Arabien aber  wartete auf die nächste Nacht, um ihn selbst zu sichten.

Nur zum Ramadanbeginn auf die Sichtung des Mondes zu bestehen, während man den Beginn der restlichen elf Monate im Jahr nicht durch Sichtung bestimmen lässt, hat jedoch wenig Sinn. Ein Indiz für eine Scheindebatte.

Und es ist auch nicht ausreichend ihn einfach selbst zu sichten oder auf Mondsichtungs-Webseiten zu surfen. Je nach Rechtsschule spielt dabei die Wahl des Sichtungsortes oder die Anzahl zuverlässiger Zeugen eine wichtige Rolle.

Eine dritte Methode zur Feststellung eines Monats ist die detaillierte astronomische Berechnung. Auf diese Weise wird das ganze Jahr vorbestimmt. Dass das aber auch ein Problem sein kann, bewies 2013, in dem einige Leute, die nach der Berechnung gingen, bereits das Opferfest feierten, während die Pilger in Mekka die Hadsch noch gar nicht abgeschlossen hatten.

In der leidigen alljährlichen Debatte geht meistens aber verloren, dass es noch andere Aspekte zur Bestimmung gibt. In jedem Fall bedarf es einer anerkannten Autorität, die den Monat ausruft. In der klassischen Feststellung gilt, dass die Rechtsgelehrten vorgeben, wie der Beginn bestimmt wird und die politische Autorität diesen dann bestätigt.

In einem Land mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit ist es heute der Präsident oder König. In Ländern wie Deutschland, Österreich oder der Schweiz übernimmt diese Rolle jemand anderes. Unsere Gemeinschaftsstruktur verfügt nicht über eigene Muftis oder Qadis. In der gegenwärtigen Situation ist wohl am ehesten der Moscheevorstand diese politische Autorität. Die meisten unserer Moscheevereine sind organisiert in einem der großen vier Verbände – DITIB, Islamrat, VIKZ und ZMD.

Diese vier haben sich darauf geeinigt, den Fastenmonat immer gemeinsam anzugehen. Zusammen bilden sie die absolute Mehrheit der Moscheegemeinden von über 85 Prozent. Ihr Konsens sieht vor, dass der Ramadan durch astronomische Berechnungen bestimmt wird. Ist das jetzt falsch? Die Meinungsfindung beruft sich auf die Anweisung des Propheten, Allahs Frieden und Segen auf ihm, bei Meinungsverschiedenheiten der großen Mehrheit zu folgen. Die faktische Lage unserer Gemeinschaft ist, dass die Mehrheit unserer Muslime sich darauf geeinigt hat, auf Berechnungen zu vertrauen.

Aber der Prophet sagte doch, man solle auf die Sichtung des Neumonds warten, oder? Ja. Vieles gilt verstanden zu werden und bedarf einer ganzheitlichen Betrachtung. Die Meinungsvielfalt im islamischen Recht basiert darauf, dass man Sachlagen verschieden betrachten und eben auch begründen kann. Idealerweise entwickelte sich die muslimische Gemeinschaft Deutschlands so weit, dass sie über ein eigenes Komitee an geeigneten Stellen in Deutschland eine Sichtung nach klassischem Recht durchführt.

Dass es schwierig ist, von der gesamten muslimischen Weltgemeinschaft einen Konsens zu erwarten, muss akzeptiert werden. Beispielsweise ist die Sichtung über Marokko wesentlich einfacher als die über Mekka. Andere Teile der Welt sehen den Neumond aus astronomischen Gründen früher und hätten theoretisch das Recht, allen anderen Muslimen den Ramadan zu verkünden.

Die muslimische Realität beginnt in der unmittelbaren Umgebung. Jeder ist gut beraten, sich nach seinem Imam und Vorstand zu richten. Selbst, wenn diese eben ein anderes Urteil fällen. Allah verlangt nicht, dass wir es uns unnötig schwer machen. Und wer überhaupt gar nicht über eine Gemeinschaft verfügt, an die er sich halten kann, der wäre gerade im Ramadan, der seine Ganzheitlichkeit besonders in der Gemeinschaft entfaltet, gut beraten, sich der Priorität der Gemeinschaftsbindung zu widmen.

Die Mehrheit unserer Gemeinschaft hat sich darauf geeinigt, dass der erste Tag des segensreichen Monats Ramadan am 06. Juni 2016 beginnt. Wir wünschen euch einen gesegneten Ramadan!

 

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