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Reihe: Standardwerke des Islam

Die „Risala“ von Imam Asch-Schafi’i. Von Yasin Alder und Abdurrahman Reidegeld

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(iz). Abu ‘Abdullah Muhammad ibn Idris Asch-Schafi’i zählt zu den größten und frühesten Gelehrten des Islam. Die nach ihm benannte Madhhab zählt zu den vier großen Rechtsschulen und steht zahlenmäßig nach der hanafitischen und der malikitischen Schule an dritter Stelle. Viele berühmte Gelehrte wie Al-Ghazali, An-Nawawi, As-Sujuti, Ibn Hadschar Al-Asqalani, Ibn ‘Abd As-Salam, Al-Baihaqi, Al-Dschuwaini, Al-Mawardi, As-Subki und andere folgten im Fiqh der Schule von Imam Asch-Schafi’i. Im Gebiet des heutigen Iran war sie vor der Schi’itisierung im 15. Jahrhundert vorherrschend.

Das Leben von Imam Asch-Schafi’i

Imam Asch-Schafi’i wurde im Jahre 150 nach der Hidschra (767 n. Chr.) in Ghazza geboren und wuchs in Mekka auf. Er hatte im Alter von sieben Jahren den Qur’an auswendig gelernt. Er lernte die Muwatta von Imam Malik in einer einzigen Nacht auswendig und war sehr bewandert in Grammatik, Poesie und arabischer Sprache. Es wird berichtet, dass er bereits im Alter von 15 Jahren die Qualifikation besaß, Fatwas [Rechtsgutachten] zu geben. Imam Asch-Schafi’i reiste in den Jemen, dann nach Bagdad und ließ sich schließlich in Ägypten nieder. Sein Fiqh wird im Grunde in zwei Schulen unterteilt: Die erste, die „ältere Schule“, basierte mehr auf der Schule von Medina, für die Imam Malik steht, dessen Schüler Imam Asch-Schafi’i gewesen war. Die zweite, „neue Schule“ entstand vier Jahre, nachdem er sich in Kairo niedergelassen hatte. Seine bekanntesten Werke sind „Al-Umm“, ein siebenbändiges, von Aufbau und Inhalt her typisches Fiqh-Werk, und sein späteres Werk „Ar-Risala“. Imam Asch-Schafi’is Rechtsschule ist bekannt für ihren stark systematischen Ansatz und auch dafür, sehr an den Texten der als authentisch klassifizierten Hadithe orientiert zu sein, während beispielsweise die Schule des Imam Malik die gelebte Sunna im frühen Medina (‘Amal Ahl Al-Medina) stärker betont. Imam Asch-Schafi’i starb im Jahre 204 (820 n. Chr.). Sein Grab befindet sich in Kairo.

Die Risala

Die Risala legt die fundamentalen Prinzipien des Fiqh nach der Position von Imam Asch-Schafi’i fest. Sie entstand während seiner Kairoer Zeit. Es wird eine Aussage von ihm selbst überliefert, dass er die Risala etwa vierhundert mal selbst durchgesehen und verbessert habe. Es wird auch gesagt, dass die erste Fassung des Buches während einer Reise verloren ging und Asch-Schafi’i es daraufhin weitgehend aus dem Gedächtnis neu aufschrieb. Asch-Schafi’i entwickelt in der Risala eine relativ abstrakte Systematik, ein kohärentes System des Umgangs mit den Quellen, das ihn und seine Schule auszeichnet, dargestellt anhand vieler Beispiele, die für die einzelnen besprochenen Punkte teils sehr umfangreich sind. Er verwendet in der Risala unter anderem sprachliche als auch logische und systematische Argumente, neben den Grundquellen Qur’an und Sunna sowie den anerkannten Methoden des Idschma’, des Konsenses der Gelehrten, und des Qijas, des Analogieschlusses. Mit dieser neuen Systematik kommt er teilweise zu anderen Lösungen als noch in seinem „irakischen“ Fiqh. Ein Beispiel ist das Prinzip des Istishab, dass man bei einer bestimmten Meinung bleibt, solange sich kein Gegenteil dazu herausgestellt hat. Daraus ergibt sich auch der Grundsatz, der auch von den anderen Schulen mit Ausnahme der Hanafiten vertreten wird, dass das, worüber man kein Verbot, keinen Gegenbeweis hat und das nicht in sich selbst grundsätzlich abzulehnen ist, als halal, erlaubt, zu gelten hat. Typisch für Asch-Schafi’i ist auch die Induktionstechnik, die logische Ableitung über Indizien. So würde man zum Beispiel bei der Frage, ob ein Gebet außerhalb der fünf Pflichtgebete einen wie auch immer gearteten Pflichtcharakter hat, zum Beispiel sehen, dass der Prophet zum Pflichtgebet üblicherweise von seinem Reittier abzusteigen pflegte, während er die Sunna-Gebete durchaus im Sattel verrichtet hat. Stellt man die Frage, ob beispielsweise das Witr-Gebet einen verpflichtenden Grad hat, so sieht man, dass er dieses in der Regel auch im Sattel sitzend verrichtet hat. Daher könne es nicht als Pflichtgebet betrachtet werden. Eine weitere Methodik ist die folgende: Wenn sich zum Beispiel zwei Hadithe vom Wortlaut her widersprechen und man zwei relevante Belege hat, von denen sich einer auf eine lebendige Tradition bezieht, ohne aber über einen systematisch abgesicherten Beleg, etwa einen Sahih-Hadith, zu verfügen, und der andere zwar eindeutig nach den Methoden der Hadithwissenschaft systematisch belegt ist, dem aber keine lebendige Tradition entspricht, der also nicht praktiziert wird, so würde Imam Asch-Schafi’i den systematisch belegbaren Hadith bevorzugen, während Imam Malik der gelebten, überlieferten Praxis den Vorzug geben würde. Asch-Schafi’i als Systematiker betrachtete die Praxis von Medina, die ja auf die Zeit des Propheten, seiner Gefährten und die ersten Generationen zurückgeht, als lediglich für die Bewohner von Medina gültig.

Ein wichtige, grundlegende Frage in der Risala ist auch, wie man Belege aus Qur’an und Hadithen gegeneinander aufwiegt, da man öfters Widersprüche vorfindet, bei denen man sowohl für das eine als auch für das Gegenteil davon Belege finden kann. Asch-Schafi’i geht dabei zunächst auf die sprachliche Ebene, dann auf die logische Verständnisebene, auf die Stärke der Belege sowie mehrere weitere Kriterien ein, doch selbst dann muss man manchmal abwägen. Hier ist die Position Asch-Schafi’is, dass ein Hadith einen Hadith aufheben kann und ein Vers des Qur’an einen anderen Vers, auch in manchen Fällen ein Vers (Aja) des Qur’an einen Hadith – nicht aber ein Hadith eine Aja. In der Risala findet sich übrigens, wie auch in Maliks Muwatta, eine besondere, frühe Art von Hadithen, die teils unmittelbarer und näher am Ursprung sind und auch kürzere Überlieferungsketten besitzen als die später von Bukhari und Muslim zusammengestellten. So sind etwa etliche Hadithe in der Muwatta in einer ausführlicheren Version angeführt als bei Bukhari oder Muslim.

Anders als Malik und Abu Hanifa erscheint Asch-Schafi’i als bewusster Gründer einer Schule. Die von Asch-Schafi’i in der Risala dargelegten Prinzipien zum Umgang mit den Quellen legten die Grundlagen, die von nachfolgenden schafi’itischen Gelehrten weiter ausgebaut und verfeinert wurden.

Als nächstes stellen wir in dieser Reihe das „Fiqh Al-Akbar“ von Imam Abu Hanifa vor. Buchhinweis: Al-Shafi’i’s Risala. Treatise on the Foundations of Islamic Jurisprudence. Islamic Texts Society, Cambridge.

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