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Reisebericht: ein Besuch bei den Muslimen in den Vereinigten Staaten und in Kanada. Von Abu Bakr Rieger

Land voller faszinierender Gegensätze

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(iz). Amerika: für die einen ein Traum, für die anderen ein Albtraum. Wie immer ist man klüger, wenn man das Land der unbegrenzten Möglichkeiten selbst bereist hat. Und – so viel sei vorab gesagt – man bekommt durchaus Lust auf mehr; denn, das eine Amerika schlechthin gibt es gar nicht. Der ganze Kontinent ist ein Land voller erschütternder, aber auch faszinie­render Gegensätze. Noch immer vermit­teln die Staaten jedem Besucher ein besonderes Gefühl von Freiheit, auch wenn dies in Zeiten maßloser amerikanischer Sicherheitsgesetze paradox klingen mag. Gerade die amerikanischen Muslime sind heute eine starke Stimme, die an die Ideale der Bürgerrechte erinnern.

Erstes Ziel meiner Reise war zunächst die zum 10. Mal stattfindende Veranstal­tung „Revive The Islamic Spirit“ in Kanada. Dieses wichtige, nordamerikanische Treffen wird seit Jahren erfolgreich privat organisiert und war dieses Jahr zum ersten Mal komplett ausverkauft. An dem Festival nahmen tausende Muslime aus den ganzen USA und Kanada teil. Es war eine gute Gelegenheit für mich und natürlich auch für zahlreich angereiste Gäste aus aller Welt, die Situ­ation und Einstellung der nordamerika­nischen Muslime besser kennenzulernen. Insbesondere Kanada ist für viele Musli­me längst zur weltoffenen, neuen ­Heimat geworden.

Mir gefiel sehr, dass der Event versuch­te, nicht nur auf die bekannten Ereignis­se zu reagieren, sondern eigene Themen zu besetzen und in die amerikanische Gesellschaft hineinzutragen. Kurzum: Es gab nicht nur die üblichen Reaktionen, sondern auch Aktionen; also den gemein­samen Versuch, eigene Themen durchaus mit dem Anspruch auf Meinungsführerschaft zu besetzen. In diesem posi­tiven Ansatz lagen dann auch die eigent­lichen Impulse des Treffens. Zahlreiche, bekannte Redner und Gelehrte (unter anderem Tariq Ramadan, Schaikh Hamza Yusuf und Yusuf Islam) zogen so an jedem Tag immerhin bis zu 20.000 Besucher an.

Insbesondere die Teilnahme vieler junger Leute zeigt den großen Bedarf an Gemeinschaft und lebendiger Wissensvermittlung. Über Stunden hörten auch die jungen Zuhörer konzentriert den Ausführungen der Redner über den Islam und die Lage der Muslime zu. Nicht alle Beiträge waren dabei gleichermaßen spannend, aber in beinahe jedem Vortrag war doch zumindest eine gute Anregung zu finden. Bei aller akademischen Wissens­vermittlung kam auch das einfache Miteinander nicht zu kurz. In der Nebenhalle fand ein großer, bunter Markt mit vielen Händlern und Infoständen statt.

Einer der Höhepunkte der Veranstaltung war sicherlich die engagierte Rede von Schaikh Hamza Yusuf über das Verhältnis der Muslime zum gerechten Handel (Fair Trade). Im Licht der aktuellen Finanzkrise besehen gelang es dem Redner, die gesamte Halle in den Bann zu ziehen. Hamza Yusuf erinnerte daran, dass die islamische Lehre zu großen ­Teilen von ökonomischen Grundlagen handelt und der Islam grundsätzlich den Handel im gegenseitigen Konsens anstrebt.

Dabei stellte er viele Bezüge zur Offen­barung, dem Recht und der Lebenspraxis der Muslime her. Der Marktplatz ist für Muslime der Ort, wo die Gerechtigkeit erfahrbar wird. „Unser Prophet war auch ein Händler“, stellte er klar. „Wir sind nicht nur passive Konsumenten. Wie und was wir konsumieren, hat eine große Bedeutung für unser Leben“, erinnerte uns Hamza Yusuf. In einem rhetorischen Feuerwerk kritisierte er nicht nur die aktuelle Währungspolitik der Banken, die irrationalerweise Geld aus dem Nichts geschaffen haben, sondern rief die Muslime auch dazu auf, aus ihren Quellen heraus ökonomische Alternativen anzubieten. Kurzum, so konnte man aus dem Beitrag folgern: Es wird Zeit, dass durch aktive Beiträge der Muslime der Islam nicht als Teil des Problems, sondern als Teil der Lösung vermittelt wird.

Ansätze für eine „Fair ­Trade“-Philo­sophie gibt es bereits in der islamischen Welt. Leider hat der „organi­sierte“ Islam in Deutschland diese ­dramatischen Entwicklungen zwischen aktueller Finanzkrise und offenbartem Wirtschaftsrecht bisher komplett verschlafen.

Großes Thema an diesem Wochenen­de in Toronto war ebenso die Überwindung despotischer Regime in der arabischen Welt sowie die Risiken und Chancen, die daraus entstehen. Es gab auch hier mehr Fragen als Antworten. Wie wird sich die „Facebook-Revolution“ in der realen Welt weiterentwickeln? Werden die alten Diktaturen etwa nur „reno­viert“? Tariq Ramadan rief zunächst zur Solidarität mit den Muslimen in den arabischen Ländern auf, die unter staatlicher Verfolgung litten und jetzt mit Hilfe sozialer Netzwerke immerhin ihre Lage dokumentieren können.

Nach den Tagen in Kanada war ich auf die USA gespannt. Ich hatte allerdings nur Zeit für Besuche in Chicago, Washington und New York. Drei typische amerikanische Städte voller eleganter ­Geschäftsviertel, Wolkenkratzer und ausgestattet mit allen Problemen und Segnungen der amerikanischen Gesellschaft. Bekanntermaßen gibt es in diesen Städten eigentlich nichts, was es nicht gibt. Wer nur Chicago besucht, weiß dann immerhin konkret, dass man dort die besten Pizzen der Welt kriegt. Dies ist eine der Segnungen einer multikulturellen Gesellschaft, die sich ansonsten nichts daraus macht, dass in „Chinatown“ – in der Stadtmitte – alle Einwanderer noch immer Chinesisch sprechen. Was immer wieder auffällt – egal wo man sich ­aufhält, inmitten von Einkaufszentren, in den Shops, im Cafe, oder beim Friseur: Hier findet man immer wieder das eine, was Amerika auch ausmacht, viele ­freundliche Leute. Natürlich wird das Klima dabei schnell rustikaler, wenn man sich vom Stadtzentrum entfernt.

In einer Apotheke am Chicagoer Stadtrand lerne ich an einem Abend zufällig den lokalen Vertreter der Heilsarmee kennen. Nach der Spende eines Dollars bricht das Eis schnell. Er gibt auf meine Frage einige Einblicke in den Alltag ­eines solchen Viertels: Drogenbarone, Banden­kriege und Schießereien. Seine Schilderungen sind filmreif. Als er von mir erfährt, dass ich ein deutscher Muslim bin und im Islam Drogen generell verpönt sind, überrascht ihn beides gleichermaßen. Mit einem breiten Grinsen und ­einem ehrlich ausgerufenen „Great!“ zeigt er seinen Respekt gegenüber der Lebenspraxis der Muslime.

In Washington frage ich den Geschäftsführer der Lobbyorganisation „CAIR“, ob sich die USA unter der Regentschaft der Obamas verändert haben. Die Antwort fällt eher nüchtern aus: Der Mann sei vielleicht ganz gut, das ­System aber schlecht. Der mächtigste Mann der Welt kann sich, so zumindest die Sicht der muslimischen Interessenvertreter, nur schwerlich gegen einflussreiche Lobbygruppen aus dem Sicherheitsbereich bis hin zur Wall Street durchsetzen. CAIR versucht gegen den Strom zu ­schwimmen und kämpft erfolgreich für die Wahrung der Rechte der Muslime – und für ein besseres Image.

In Amerika beeindruckten mich Begegnungen wie diese: Als ich am Nachmittag aus meinem Hotel in Washington heraustrete, hält ein altes, gelbes Taxi. Der Taxifahrer aus Afghanistan, der schon über 20 Jahren Gäste durch die Stadt kutschiert, lässt die Fahrt kurzweilig werden. Der Mann ist gebildet, strahlt die Art Zufriedenheit aus, wie sie nur Menschen haben können, die ihr Schicksal annehmen, wie es eben ist. Er hätte Karriere machen können, doch seine Geschichte wollte es, dass er – tausende Kilometer von seiner alten Heimat entfernt – ein baufälliges Taxi durch die Hauptstadt fährt. Er hatte Angebote, für mehr Dollars den US-Streitkräften in Kabul als Übersetzer zu dienen, dankend abge­lehnt. In Washington ist er nun zu ­Hause. Er ist Amerikaner geworden, wenn ihn auch manchmal immer noch die Sehnsucht nach der alten Heimat plagt.

Steht man übrigens schließlich am ­berühmten weißen Haus, fällt auf, dass das Machtsymbol der amerikanischen Präsidenten im Grunde nur ein kleines Gebäude ist. Fernsehen täuscht eben und die Inszenierungen der US-Politik tun ihr Übriges. Schon das Hauptquartier des Finanzministeriums, direkt neben dem offiziellen Machtzentrum des Landes gelegen, wirkt deutlich massiver. Einige hundert Meter weiter, auf einer unscheinbaren kleinen Grünfläche, hat die Occupy-Bewegung ihre Zelte aufgeschla­gen. Die jungen Leute sehen das eigentliche Machtzentrum der USA nicht in Washington, sondern eher in den Bankenviertel New Yorks.

Amerika ist das Land der Medienrevolutionen, erfahre ich im Newsmuseum, am Rande des Kongresshügels. Die Botschaft ist einfach: Vom Zeitungsdruck, übers Fernsehen bis hin zum Internet verändert sich unsere Welt stetig, oder besser, unsere Sicht auf sie. Die ­Inflation von Bildern, Reizüberflutungen und Botschaften schafft die perfekte Zensur und die vollständige Individualisierung von Wahrheit gleichermaßen. So oder so ähnlich denken es zumindest die Kritiker des Medienspektakels. „The american people don’t believe anything until they see it on television (Das amerikanischer Volk glaubt etwas erst, wenn es dies im Fernse­hen sieht)“, wird der amerikanische Präsi­dent Richard Nixon auf einer der ­Wände des Newsmuseums zitiert. Inzwischen ist auch das nur eine vergangene Binsenweisheit und ein Eintrag im Geschichts­buch der Medienwissenschaft. Heute ist das gute alte Fernsehen längst durch das Internet gefährdet: Youtube und seine tausende Kanäle lassen grüßen.

Abschließend verbringe ich Silvester in New York. Ich widerstehe natürlich ohne große Mühe der Versuchung, an dem offiziellen Kulturfestival der Metro­pole mit Lady Gaga am Times Square teilzunehmen. Vielmehr besuche ich den legendären Apple Shop an der 5th Avenue. Das ist wohl eine Art moderner Tempel der Computerrevolution. Sogar in den späten Abendstunden werden hier die Produkte des letzten Kapitels des amerikanischen Traums bewundert.

Neujahr ist dann einfach ein wunderschöner Tag in der Stadt. Vor meinem Abflug nach Frankfurt besuche ich noch die Wall Street, die, schwer bewacht, keinen großen Eindruck macht, ganz im Gegensatz zur Bootsfahrt entlang der Freiheitsstatue und dem berühmten Blick auf die Skyline der Millionenstadt.

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Abu Bakr Rieger

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