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Religion oder Ideologie?

Eine reine Politisierung verletzt den Geist der islamischen Lebensweise - Von Zaid Shakir, San Diego

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Bei der jüngst zu Ende gegangenen Versammlung des Islamic Circle of North America (ICNA) bemerkte ich in einem Vortrag, dass der unten angeführte Qur’anvers als religiöse – nicht als politische -Aussage verstanden werden muss: „Er ist es, Der Seinen Gesandten mit der Führung und der wahren Religion geschickt hat, auf dass Er sie über alle (anderen) Religionen siegen lasse; mag es den Götzendienern auch zuwider sein.“ (At-Tauba, 33) Meine Absicht dabei war die Zurückweisung eines der wichtigsten Beweise, die vorgebracht werden, um jene Idee zu belegen, wonach der Islam die weltweite Herrschaft anstrebe, und dass es in den islamischen Lehren keine Grundlage für eine Koexistenz verschiedener Gemeinschaften gebe.

Danach kamen mehrere junge Muslime auf mich zu, die sich vehement gegen diese Position zur Wehr setzen. Ich verstand ihre Absicht und antwortete ihnen, indem ich die wissenschaftliche Grundlage für meine Ansicht darlegte. Was ungesagt blieb, war die umfassendere Frage, die das populäre Verständnis dieses Verses bestimmt. Es ist die wachsende Tendenz unter Muslimen, unsere grundlegenden Texte politisch und nicht theologisch zu lesen. Solche Lesarten verschieben die Betonung unserer Religion vom Jenseits hin zu einer verzerrten Perspektive auf diese Welt.

Der Islam beschäftigt sich mit den grundlegenden Prinzipien, die den Glauben betreffen. Dazu zählen die Erkenntnis, der Glaube an, die Anbetung und der Gehorsam gegenüber der Göttlichkeit in der Vorausschau auf jenseitige Belohnung und die Vermeidung von jenseitiger Strafe. Im Herzen dieses Themas liegt die tiefe Sorge für den spirituellen Erfolg des Menschen. Allah erinnert uns daran im Qur’an: „Jede Seele wird den Tod kosten, und euch wird euer Lohn am Tag der Auferstehung vollständig gegeben; und wer da vom Feuer ferngehalten und ins Paradies geführt wird, der soll glücklich sein. Und das irdische Leben ist nichts als ein trügerischer Nießbrauch.“ (Al-’Imran, 185)

Wie jede andere Religion in ihrem Milieu auch, hat der Islam tiefe und weitreichende politische Auswirkungen. Er formt Gesetz, Regierung, Handel, soziale Beziehungen und beinahe alle anderen Sphären des Lebens in der muslimischen Welt. Jedoch sind seine politischen Folgen den religiösen Lehren untergeordnet. Daher mag ein Muslim oder ein Gemeinwesen politisch Erfolg haben, während es religiös verdammt ist, wenn grundlegende religiöse Bestimmungen zu Gunsten von ungerechtfertigten politischen Zwängen – oder inakzeptablen Motiven – geopfert werden. Eine lebendige Illustration eines solchen Ergebnisses ist die bekannte prophetische Überlieferung, die einen großen Krieger erwähnt, der das Beispiel des weltlichen Erfolgs erreicht, aber seine Seele wegen der verdorbenen Absichten seiner Bemühungen verlor.

Die politisierte Lesart unserer Texte kann als Teil einer wachsenden Tendenz verstanden werden, den Islam auf eine politische Ideologie zu reduzieren. Die Folgen eben jener Reduktion sind schwerwiegend. Vielleicht die schlimmste davon ist der Wechsel der Perspektive des Islam vom Geist oder der Seele und seine Neuausrichtung auf die Welt, wobei das Verständnis spiritueller Inhalte auf das bloß Materielle reduziert wird. Die Gründe, warum wir dieser Neuausrichtung Widerstand leisten sollten, werden deutlicher, wenn wir über das Wesen von Ideologien nachdenken. Der politische Philosoph, Roger Scruton, definiert eine Ideologie wie folgt: „Jede systematische und allumfassende politische Lehre, die beansprucht, eine komplette und allgemein anwendbare Theorie vom Menschen und der Gesellschaft anzubieten. Und daraus ein Programm des politischen Handelns ableitet.“

Ein Muslim könnte diese Definition lesen und der Ansicht sein, dass Islam in der Tat eine Ideologie sei, da er „eine komplette und allgemein anwendbare Theorie vom Menschen und der Gesellschaft“ darstellt. Jedoch ist der relevante Bereich für das Handeln und Denken einer Ideologie das Politische, wie Scruton betont. Die Begrenzung auf die Herrschaft des Politischen markiert die Trennung zwischen Islam und Ideologie. Der Din des Islam kümmert sich nicht nur einfach um die politische Bedingung des Menschen, in seinem Herzen liegt der Ruf nach einem normativen Programm für spirituellen Erfolg. Diese Aufgabe bietet Raum für das Politische, aber zu ihren eigenen Bedingungen, sie lässt sich niemals darauf oder dadurch beschränken.

Darüber hinaus sind Ideologien utilitaristisch, weil die ihnen zugeordneten Doktrine sowohl durch ihre Effektivität als auch durch ihre Grundprinzipien bestimmt werden. Wenige Ideologen entfernen sich weit von der machiavellistischen Maxime, dass „die Ziele die Mittel“ rechtfertigten. Scruton fährt in seiner Definition fort: „Eine Ideologie in diesem Sinne sucht alles zu umschließen, was für die politische Kondition des Menschen entscheidend ist. Und sie will Doktrine ausgeben, wenn diese einen Einfluss auf die Bildung oder den Wechsel dieser Bedingung ausüben können.“

Daher wird die Lehre, die einer bestimmten Ideologie entstammt, auf Grundlage dessen geregelt, wie sie dem Fortschreiten der allgemeinen Sache nutzt, und nicht auf der Basis bestehender moralischer oder ethischer Standards. Solche eine Formation steht im Widerspruch zum Islam und ist daher dessen klassischer Tradition gegenüber feindlich eingestellt. Wenn Islam jedoch auf Ideologie reduziert wird, dann wird er unausweichlich durch den Bereich politischer Verfügungsgewalt bestimmt. Was immer dem Fortkommen eines „höheren Zwecks“ nutzt, wird als „islamisch“ eingestuft“, seien es Selbstmordattentate oder die Ermordung von Zivilisten, der Tod von anderen Muslimen, die Zerstörung der öffentlichen Ordnung oder jede andere Taktik, die mittlerweile mit der Ideologie und der Praxis des „islamischen Dschihads“ in Verbindung (und in Verruf, sollte man hinzufügen) gebracht wird.

Eine strikt politische Lesart des Qur’an erzwingt solch eine Verfügungsgewalt. Sie reduziert qur’anische Verse von erkennbar theologischer oder eschatologischer Bedeutung auf Aussagen einer politischen Lehre. Die Folgen davon für Verständnis und Handeln sind – wiederum – einschneidend. Ereignisse, deren Entfaltung auf das Ende der Zeit beschränkt sind, werden einer Sofortigkeit zugeschrieben, die eine Anwendung im Hier und Jetzt erfordert. Die einführenden Verse des Qur’an geben Beispiel für diese Tendenz ab. In der Untersuchung dieser qur’anischen Aja muss eingeräumt werden, dass einige spätere Kommentatoren einige prophetische Überlieferungen anführten, die – wenn isoliert betrachtet – ein politisches Verständnis ihrer Bedeutung erzwingen. So erwähnt Ibn Kathir zum Beispiel in einem Kommentar auf den obigen Vers des Qur’an jene prophetische Überlieferung: „Allah hat die Enden der Erde für mich an ihrer östlichsten und westlichsten Ausdehnungen verbunden. Das Herrschaftsgebiet meiner Gemeinde wird die Ausmaße haben, die Er mir gezeigt hat.“ (Ibn Kathir, Tafsir Al-Qur’an al’Adhim (Sidon, Beirut, Al-Maktaba Al-’Asriyya, 1996/1416)

Auch wenn das Wort „Herrschaftsgebiet“ in der obigen Überlieferung in sich eine politische Bedeutung erkennen lässt, so muss erwähnt werden, dass Ibn Kathir andere Überlieferungen anführt, die sich auf ein strikt islam-rechtliches Verständnis beziehen. Die vorrangige islam-rechtliche und eschatologische Bedeutung dieses Verses wurde durch Imam Tabari belegt. Er erwähnt in seinem Kommentar: „Die Gelehrten der [qur’anischen] Auslegung unterschieden sich betreffs der Bedeutung der Aussage [Allahs] ‘auf dass Er sie über alle (anderen) Religionen siegen lasse’. Einige sind der Ansicht, dass dies eintreffen wird, wenn ‘Isa [Jesus] zurückkehrt und alle Religionen eine einzige werden. Zu denen, die diese Sichtweise erwähnen, gehört die Überlieferung von Abu Huraira, wonach der Prophet über die Aussage ‘auf dass Er sie über alle (anderen) Religionen siegen lasse’ sagte, dass dies die Zeit sei, in der ‘Isa, der Sohn der Mariam, zurückkehren wird.

Andere sind der Ansicht, dass Er ihn [den Propheten] die Gesetze jeder Religion lehren wird. Über diesen Vers sagte der Prophet nach einem von Ibn ‘Abbas überlieferten Hadith, ‘damit zeigt Allah Seinem Gesandten die Regeln aller Religionen. Allah tat dies und daher war nichts [an religiösem Wissen] vor ihm verborgen.’“

Sujuti erwähnt in seinem Kommentar „Ad-Durr Al-Manthur“ beide Hadithe. Dann überliefert er von Al-Baihaqi und anderen eine Überlieferung, die sowohl die theologische als auch die eschatologische Natur des hier diskutierten Verses anspricht. Imam As-Sujuti sagt: „Sa’id ibn Mansur überlieferte, ebenso wie Ibn Al-Mundhir und Imam Al-Baihaqi in seinem ‘Sunnan’ auf der Autorität von Dschabir über den Vers ‘auf dass Er sie über alle (anderen) Religionen siegen lasse’, dass der Prophet diesen wie folgt für uns erklärte: ‘Dies wird nicht stattfinden, bis nicht jeder Jude und Christ in den Islam eingetreten ist, bis kein Schaden mehr vom Wolf auf das Schaf trifft, oder vom Löwen auf eine Kuh oder von der Viper gegenüber dem Menschen. Dies wird solange nicht eintreffen, solange eine Maus an einem Sack voller Getreide nagt. Dies wird solange nicht eintreten, solange nicht die Zwangssteuern aufgehoben werden, das Kreuz zerbrochen wird und das Schwein getötet. All dies wird eintreffen, wenn ‘Isa, Friede sei mit ihm, herabsteigt.’“

Dieses theologische und eschatologische Verständnis, welches in den Kommentaren von Imam Tabari und Imam As-Sujuti deutlich wird, wird von Imam Al-Qurtubi geteilt. Wenn wir dieses Verständnis des Verses akzeptieren, gemeinsam mit anderen bekannten religiösen Wahrheiten, dann können wir unsere jetzige Situation angesichts der uns gegenüberstehenden Wirklichkeiten einschätzen. Und dann können wir uns Strategien überlegen, wie wir diesen Wirklichkeiten frei von falschen politischen Zwängen begegnen. Diese Zwänge können uns zu fragwürdigen, verzweifelten und nicht ratsamen Handlungen führen, die unserer strategischen und politischen Schwäche geschuldet sind.

Dieses Argument soll nicht bedeuten, dass der Islam eine pazifistische Religion sei. Als Muslime glauben wir an das Verständnis der berechtigten Kriegsführung. Allah sagt im Qur’an: „Die Erlaubnis (sich zu verteidigen) ist denen gegeben, die bekämpft werden, weil ihnen Unrecht geschah – und Allah hat wahrlich die Macht, ihnen zu helfen -, jenen, die schuldlos aus ihren Häusern vertrieben wurden, nur weil sie sagten: ‘Unser Herr ist Allah.’ Und wenn Allah nicht die einen Menschen durch die anderen zurückgehalten hätte, so wären gewiss Klausen, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen der Name Allahs oft genannt wird, niedergerissen worden. Und Allah wird sicher dem beistehen, der Ihm beisteht. Allah ist wahrlich Allmächtig, Erhaben.“ (Al-Hadsch, 39-40)

Daher hat der Islam den Kampf zur Verteidigung von Leben, Ehre, Besitz, zur Wiederherstellung von gebrochenem Recht sowie der Integrität der Religion und der Gemeinschaft der Gläubigen erlaubt. Jedoch wird dieser Kampf durch bekannte Gesetze, Prinzipien (aus denen sich Regeln ableiten lassen) und Beschränkungen geregelt, die für die Muslime umreißen, wann, wo, wie und gegen wen erlaubterweise gekämpft werden darf. Diese Gesetze und Regeln haben niemals anarchistischen Terrorismus, verbrecherischen Mord, Unruhe und Chaos zugelassen.

Die Reduzierung des Islam auf eine Ideologie droht, diese Gesetze und Prinzipien politischen Zwängen zu unterwerfen, die wenig mit den Lehren des Islam zu tun haben. Als Muslime können wir natürlich diese Kämpfe weiterführen. Aber sie lassen sich besser durch die revolutionäre Doktrin von Bakunin, Georges Sorel, Rosa Luxemburg, Lenin, Mao, Che Guevara und anderen begründen als durch die Offenbarung, die unserem Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, gegeben wurde. Manche mögen sogar Kräfte zusammenbringen, um uns gegen jede mögliche Bedrohung zu „verteidigen“.

Wir könnten jedoch am Ende des Tages feststellen, dass nicht mehr viel geblieben ist, was sich zu verteidigen lohnt.

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